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Freitag, 12.10.2018

Ja oder Nein zur Organspende

Von Jana Ulbrich

Organ-Entnahmen werden nach strengen Regeln vorgenommen – und bisher nur, wenn ein Verstorbener zu Lebzeiten selbst oder seine Angehörigen dem ausdrücklich zugestimmt haben. Der Bundesgesundheitsminister schlägt vor, dass künftig jeder zum Spender wird, der nicht ausdrücklich widerspricht.
Organ-Entnahmen werden nach strengen Regeln vorgenommen – und bisher nur, wenn ein Verstorbener zu Lebzeiten selbst oder seine Angehörigen dem ausdrücklich zugestimmt haben. Der Bundesgesundheitsminister schlägt vor, dass künftig jeder zum Spender wird, der nicht ausdrücklich widerspricht.

© dpa/Jan-Peter Kasper

Mein Schwager war Anfang 20, als die Ärzte ihm sagten, dass seine Nieren nicht mehr arbeiten. Fortan richtete sich sein Leben nach Dialysezeiten. Zehn Jahre lang ging das so – mit Schmerzen in den Knochen, mit ständiger Müdigkeit und mit den Nebenwirkungen vieler Medikamente. Gesundheitlich ging es ihm mit der Zeit immer schlechter. An seinem 30. Geburtstag hat er uns gesagt, dass er wohl nicht sehr alt werden wird. Seine Rettung kam mitten in der Nacht mit diesem Anruf aus der Dresdner Uniklinik: „Wir haben eine Niere für Sie!“ Mein Schwager hat geweint und gelacht zugleich vor Glück und Dankbarkeit. Und wir alle mit ihm. „Dorli“, hat er die neue Niere genannt, „das größte Geschenk meines Lebens“. Er hat nie erfahren, wem er es zu verdanken hatte. Nur, dass das Organ von einer Frau stammte; nach einen Unfall irgendwo im Kreis Bautzen.

Ungefähr zehn Jahre hat das fremde Organ in seinem Körper tadellos funktioniert. Mein Schwager konnte wieder arbeiten gehen und richtig leben – beinahe wie ein gesunder Mensch. Er hat jeden Tag dieses geschenkten Lebens geschätzt. Bis auch die Spenderniere keine Kraft mehr hatte und er wieder zur Dialyse musste. Eine zweite Chance hat mein Schwager nicht bekommen. Wir hätten sie ihm so sehr gewünscht. Er war gerade erst Mitte 40, als er starb.

In unserer Familie hat jeder ganz selbstverständlich einen Organspendeausweis. Wir sind nicht gläubig und überzeugt davon, dass das richtig ist. Und vor allem auch notwendig. Denn allein in Sachsen – genaue Zahlen für den Landkreis Bautzen gibt es nicht – warten derzeit 490 Menschen Tag und Nacht auf den erlösenden Anruf aus einem der Transplantationszentren. Und sehr viele von ihnen werden diese Chance auf ein Weiterleben nicht bekommen können. Nierenpatienten haben wenigstens noch für einen mehr oder weniger langen Zeitraum die Möglichkeit der künstlichen Blutwäsche. Aber was ist mit jenen auf den langen Wartelisten, die ein neues Herz, eine Lunge oder Leber brauchen – Organspenden, für die es keine alternativen Behandlungen gibt?

Denn während die Zahl der Menschen auf den Wartelisten wächst, sinken die Spenderzahlen seit einigen Jahren dramatisch. 2017 lag die Bereitschaft zur Organspende in Mitteldeutschland auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. In Sachsen hat es im vorigen Jahr nur 50 Organspender nach einem Hirntod gegeben, im Jahr davor waren es wenigstens noch 60, vor zehn Jahren noch 86. Dabei hätte auch im vergangenen Jahr das Leben von viel mehr Menschen mit einer Organspende gerettet werden können. Weil es viel mehr potenzielle Organspender gegeben hätte. Achtmal sind die Transplantations-Koordinatoren der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) im vergangenen Jahr in Krankenhäuser der Lausitz gerufen worden. Aber nur in drei Fällen – einem in Bautzen und zwei in Görlitz – konnten die Organspenden realisiert werden. In fünf Fällen lehnten die Angehörigen eine mögliche Organentnahme ab.

Und genau das ist das größte Problem: Einer der häufigsten Gründe für die Ablehnung von Spenden nach einem Hirntod ist schlichtweg, dass die Angehörigen nicht wissen, wie der Verstorbene selbst für sich entschieden hätte – und sich deshalb mit einer Zustimmung überfordert sehen. Die meisten haben sich mit diesem Thema zu Lebzeiten ja auch nie befasst. Nur in einem von neun Fällen, so zeigt es die Erfahrungen der DSO-Mitarbeiter, ist den Angehörigen der persönliche Wille des Verstorbenen bekannt. An dieser Situation haben auch alle bisherigen Kampagnen der Krankenkassen nichts geändert. Zwar bekommen alle Versicherten regelmäßig Organspendeausweise zugeschickt, auf denen sie nur noch ein Ja oder ein Nein anzukreuzen brauchten, aber nur die allerwenigsten haben dieses kleine Kärtchen tatsächlich ausgefüllt im Portemonnaie stecken. Und auch in den meisten Patientenverfügungen fehlen Informationen über eine mögliche Bereitschaft zur Organspende.

Wäre das anders, wäre nicht nur sehr viel mehr Menschen geholfen, die auf ein Spenderorgan warten müssen. Es wäre auch den Angehörigen eine große Last genommen, in einem so schlimmen Moment, wie es der plötzliche Tod eines nahestehenden Menschen ist, eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Aber so lange in Deutschland die Regelung gilt, dass einem hirntoten Menschen Organe nur entnommen werden dürfen, wenn ein Verstorbener zu Lebzeiten selbst oder seine Angehörigen dem ausdrücklich zugestimmt haben. Vor allem deshalb bin ich sehr froh, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) das Thema Organspende vor Kurzem wieder in die Diskussion gebracht hat – mit einem Vorschlag, der der Entscheidungsmüdigkeit in dieser Frage ein bisschen besser auf die Sprünge helfen soll. Setzt er sich durch, könnte die Organspende bald auch in Deutschland so geregelt sein wie bei unseren Nachbarn in Tschechien und Polen, in Österreich und 19 anderen Ländern Europas: Bei der so genannten „Widerspruchsregelung“ wird jeder im Falle eines Hirntods automatisch zum Organspender, wenn er dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat.

Auch diese Lösung zwingt niemanden, der das nicht will, im Todesfall Organe zu spenden, aber sie zwingt dazu, sich dieser Frage ernsthaft zu stellen und eine Entscheidung für sich selbst zu treffen. „Alle Patienten erhoffen sich, dass es mit der angedachten Widerspruchslösung vorwärtsgeht“, sagt Catrin Nitzsche, die Vorsitzende des Sächsischen Landesverbands Niere. Der Verband regt an, die Entscheidung Pro oder Kontra Organspende direkt auf der Gesundheitskarte zu registrieren – auch so, dass sie im Bedarfsfall problemlos geändert werden kann. Auch ich würde mir sehr wünschen, dass der Bundestag demVorschlag für diese Gesetzesänderung folgt. Und dass dadurch mehr kranke Menschen als bisher die Chance auf ein Weiterleben erhalten.