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Mittwoch, 10.10.2018

„In Deutschland gibt es wenige gute Lügner“

Elie Levy verdiente 30 Jahre lang als Pantomime sein Geld. Jetzt erklärt er im Stern wortreich die Geheimnisse der Körpersprache.

Pantomime im „Ruhestand“: Elie Levy kommt am Wochenende nach Riesa.
Pantomime im „Ruhestand“: Elie Levy kommt am Wochenende nach Riesa.

© Florian Miedl

Herr Levy, wie wird ein Pantomime zum Vortragsreisenden? Ging Ihnen etwa das lange Schweigen auf den Geist?

Das ist eigentlich eine etwas verrückte Geschichte. Ich war Gastdozent in der Musikhochschule in Hamburg. Dort habe ich Opernsängern beigebracht, wie sie sich bewegen müssen. Jede Rolle hat ja eine andere Haltung auf der Bühne, der König läuft anders als der Bettler. Einer der Schüler war Sohn eines Bankpräsidenten und hat von mir erzählt. Dann hat mich der Vater gefragt, ob ich einen Vortrag über Körpersprache machen könnte. Der war noch in Englisch, in Bremen. Es war schockierend, wie sehr das Thema die Leute interessiert.

Sie haben also Ihr erstes Seminar vor Bankern gehalten?

Ja.

Was wollten die wissen?

Einen Bankier interessiert vor allem: Wie erkenne ich einen Lügner? Das war das Hauptthema. Dazu noch, wie kannst du jemanden beeindrucken, wie kannst du Vertrauen gewinnen.

Am Sonnabend werden wohl nicht nur Bankangestellte im Publikum sitzen.

Der Vortrag ist gut für alle Menschen. Besonders gut passt er etwa für Geschäftsleute, aber nicht nur. Einen Tag vor Riesa bin ich in Cottbus. Da mache ich vor dem Vortrag noch einen eintägigen Workshop für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Es ist gut, wenn die an ihrer Ausstrahlung arbeiten und erkennen können, wenn jemand nicht die Wahrheit sagt. Auf der Bühne spreche ich darüber und zeige das. Aber das ist eben kein Workshop.

Was hat denn der Normalbürger davon?

Der Vortrag ist amüsant. Viele Leute sagen, es sei wie Kabarett. Nach 20 Sekunden kommt der erste Witz, und es kommen viele andere danach. Niemand hat eine Chance, einzuschlafen. Schreiben Sie: Der Vortrag ist nicht geeignet für Leute mit Schlafstörungen!

Geben Sie doch mal eine Kostprobe. Woran erkennen Sie, ob jemand lügt?

Da gibt es tausend Elemente. Erst mal: Er schaut dir nicht in die Augen. Außerdem: Man atmet schneller, die Körpertemperatur ist erhöht, man leckt die Lippen zu viel, blinzelt schneller. Der Lügner macht komische Grimassen, bewegt die Hände etwas hysterisch ... Nicht alle Signale bedeuten automatisch, dass jemand lügt. Wer jemandem nicht in die Augen sieht, kann auch einfach nur schüchtern sein. In manchen Kulturen ist es auch unhöflich, jemanden direkt anzusehen. Übrigens: Nur zehn Prozent der Menschen können gut lügen, nur ein Prozent sehr gut. In bestimmten Kulturen sind die Leute bessere Lügner als andere. In Deutschland gibt es wenige gute Lügner. Die sind gut erzogen und lügen normalerweise nicht. In Norwegen noch weniger.

Kann man sich eine andere Körpersprache antrainieren?

Erst mal musst du verstehen, womit du ein Problem hast. Danach wechselst du entweder deine Bewegung. Oder du wechselst deine Mentalität, arbeitest etwa an deinem Selbstbewusstsein.

Noch einmal zurück zu Ihrem „Lehrberuf“: Als Pantomime treten Sie gar nicht mehr auf?

Manchmal noch als Gastdozent. Aber aktiv gespielt habe ich seit acht, neun Jahren nicht mehr. Nach so langer Zeit fehlt der Schwung.

Ich denke bei Pantomimen immer an Straßenkünstler. Kann man denn davon überhaupt leben?

Ich habe auf der Straße angefangen, das stimmt. Wenn ein Pantomime sehr gut ist, kann er sehr gut davon leben.

Interview: Stefan Lehmann

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