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Samstag, 11.11.2017

Im Sehnsuchtsland

Die Seychellen stehen für Traumstrände und unberührte Natur. Doch der Klimawandel und steigende Touristenzahlen gehen auch am Paradies nicht spurlos vorüber.

Von Katrin Saft

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Allein am Strand: Eine der Traumbuchten auf den Seychellen mit den typischen Granitsteinen. Auf der Insel Curieuse leben Riesenschildkröten frei. Fotos: Katrin Saft (7)/nikigowerphoto.com (1)
Allein am Strand: Eine der Traumbuchten auf den Seychellen mit den typischen Granitsteinen. Auf der Insel Curieuse leben Riesenschildkröten frei. Fotos: Katrin Saft (7)/nikigowerphoto.com (1)
Allein am Strand: Eine der Traumbuchten auf den Seychellen mit den typischen Granitsteinen. Auf der Insel Curieuse leben Riesenschildkröten frei. Fotos: Katrin Saft (7)/nikigowerphoto.com (1)
Allein am Strand: Eine der Traumbuchten auf den Seychellen mit den typischen Granitsteinen. Auf der Insel Curieuse leben Riesenschildkröten frei. Fotos: Katrin Saft (7)/nikigowerphoto.com (1)
Katamaran-Skipper Dan.
Katamaran- Skipper Dan.
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Typisch Seychellen: der größte Samen der Welt, frische Kokosnüsse, Takamaka-Rum und Luxus bis zur Dekadenz (v.l.).
Katamaran-Skipper Dan.
Katamaran- Skipper Dan.

Dan redet nicht viel. Dan beobachtet: wie das Meer sein Farbkleid von Türkis zu Petrol wechselt, wie sich Delfine im Synchronspringen üben. Seit 20 Jahren ist er Kapitän und steuert einen Katamaran durch den Indischen Ozean. Seine Passagiere: Inselhüpfer auf der Suche nach dem Paradies. Kaum ein Ort auf der Welt steht so für die Sehnsucht nach unberührter Natur wie die Seychellen. Bis ins 18. Jahrhundert unbesiedelt, blieben die 115 Inseln lange von menschlichen Einflüssen verschont. Doch wie viel Paradies ist in Zeiten von Klimawandel und Massentourismus geblieben?

Beim Landeanflug auf die Hauptinsel Mahé fallen zuerst die Windräder auf, die sich vor der Küste drehen. Ein Bild, das so gar nicht zum Postkartenklischee von einsamen weißen Stränden passen will. „Wir testen umweltfreundliche Alternativen zu Dieselgeneratoren“, sagt Gästeführer David Nicette. Denn die Umwelt sei für die Seychellois der größte Schatz. Zwei Drittel der Einnahmen bringen die Touristen, die vor allem wegen der Natur kommen. Im vorigen Jahr waren es 304 000 – dreimal so viele wie Inselbewohner. Und es werden immer mehr – auch aus Deutschland.

Der typische Seychellenurlaub beginnt auf der Insel Mahé in Victoria – der kleinsten Hauptstadt der Welt, wie David versichert: „Als ich Kind war, bestand Victoria aus einer großen Straße, heute aus einer großen Straße und einer Ampel.“ Der Markt mit tropischen Früchten, Gewürzen und fangfrischem Thunfisch ist schnell erkundet. Großartige Sehenswürdigkeiten bietet die Stadt nicht. Die gesamte Insel lässt sich mit dem Mietauto in zwei, drei Stunden umrunden – es sei denn, man verweilt an einem der traumhaften Strände. Der Sand ist hier so fein wie Puderzucker und das Wasser mit 27 Grad badewannenwarm. Kokospalmen spenden Schutz vor der Sonne, die in Äquatornähe gnadenlos brennt. Doch wer das Naturwunder Seychellen erfassen will, muss mehrere Inseln bereisen. Denn jede ist anders.

Über 40 Inseln bestehen aus Granitgestein. Einige sind so klein wie der Dresdner Neumarkt. Andere haben hohe Berge, auf denen Palmen, Zedern und Takamakabäume wachsen. Die restlichen Inseln sind flache Koralleninseln und befinden sich bis zu 1 000 Kilometer von Victoria entfernt. Zwischen den Hauptinseln Mahé, Praslin und La Digue verkehren Fähren. Nach Praslin fliegt zudem Air Seychelles. Wer das Geld hat, chartert sich einen Hubschrauber oder bucht eine Schiffstour – wie mit Dan.

Mit zwölf Doppelkabinen gehört sein Katamaran zu den größten auf den Seychellen. Die Kabinen sind zwar eng, verfügen aber über Toilette, Dusche und Steckdose zum Laden des Handys. Dan stellt die Crew vor: Bootsgehilfe Neal, Hostess Dean und Koch Medy – der für Urlauber wohl wichtigste Mann. In der kleinen Bordküche zaubert er typisch kreolische Currys und bäckt Bananenkuchen fürs Dessert.

Die Fahrt startet in Eden – kein Garten, sondern eine künstlich aufgeschüttete Insel vor Victoria, auf der Millionäre aus aller Welt Villen mit Privatstränden und -häfen gekauft haben. Die Seychellen gelten als sicheres Land und liegen außerhalb des Zyklongürtels. Eden Island ist eine Luxus-Oase. Statt Frauenparkplätze werden hier Porscheparkplätze ausgewiesen.

Dan setzt die Segel und steuert den Katamaran in Richtung Praslin, der zweitgrößten Seychelleninsel. „Für die knapp 50 Kilometer brauchen wir etwa vier Stunden“, sagt er. Kleine Inseln ziehen vorbei – einige unbewohnt, andere touristisch genutzt oder in Privatbesitz. Vor St. Pierre wirft der Kapitän den Anker – ein Felsklecks im Meer mit ein paar Palmen drauf. „Hier lässt sich wunderbar schnorcheln“, verspricht er. Bunte Fische gibt es viele, intakte Korallen dagegen kaum. El Nino und der Tsunami 2004 haben einen Großteil der Korallen auf den Seychellen zerstört. „Wir versuchen, die Riffe wiederzubeleben“, sagt Tourismuschefin Edith Hunzinger. „Meeresbiologen züchten unter Wasser Tausende Korallen an Fäden. Wenn sie nach etwa einem Jahr Fußballgröße erreicht haben, werden sie auf die toten Korallen aufgepflanzt.“

Für die Nacht macht Dan den Katamaran vor einem der schönsten Strände Praslins fest – Anse Lazio: weiß der Sand, glasklar das Wasser. Als dann noch die Sonne am Horizont eintaucht, wird es schwer romantisch: So muss sich Robinson gefühlt haben – bloß ohne Cocktail in der Hand. Doch nicht nur Dan kennt die Magie des Ortes. Neun weitere Katamarane und ein kleines Kreuzfahrtschiff haben inzwischen in der Bucht geankert. Alle wollen jungfräuliche Natur. Nur wird das mit steigenden Touristenzahlen immer schwieriger. Zwar sind die Seychellen nach wie vor ein sehr teures Urlaubsland. Doch neben Luxusinseln wie Fregate, wo eine Nacht bei 4 000 Euro beginnt, sind in den letzten Jahren viele bezahlbare Unterkünfte in einfachen, aber sauberen Gästehäusern von Einheimischen entstanden. „Die Preise beginnen hier bei 60 Euro im Doppelzimmer“, sagt Tourismuschefin Hunzinger, „und liegen im Schnitt zwischen 100 und 150 Euro pro Nacht.“ Versorgen muss man sich selbst. Ein Mittagessen in der Box „to go“ zum Beispiel gibt es ab fünf, sechs Euro. Das Buffet im lokalen Restaurant kostet mindestens 30 Euro, ein Seybrew – Seychellen-Bier nach deutschem Reinheitsgebot – zwischen fünf und acht Euro. Bezahlt wird in Seychellen-Rupie.

Neben schönen Stränden wartet die Insel Praslin mit einem Unesco-Weltnaturerbe auf. Der klassische Tagesausflug führt ins Vallée de Mai, wo die Coco de Mer wächst – eine Palme mit männlichen und weiblichen Blüten. „Der Samen ist mit bis zu 25 Kilo der schwerste der Welt“, sagt Nationalparkführer Jason Gomme. Er sieht wie das Becken einer Frau aus und ist als Wahrzeichen der Seychellen in allen Souvenirläden zu finden – in Form von Schlüsselanhängern, Seifen oder Aschenbechern.

Wieder an Bord, serviert Koch Medy einen Cocktail mit lokalem Rum. Zwar existieren auf den Seychellen keine großen Zuckerrohrplantagen. Doch seit zehn Jahren wird auf Mahé unter dem Label „Takamaka“ Rum gebrannt. „Wir bekommen das Zuckerrohr von Bauern und produzieren 350 000 Flaschen pro Jahr“, sagt Generalmanager Francis Mondon. 40 Prozent werden exportiert, auch nach Deutschland. In der kleinen Fabrik können Besucher sechs verschiedene Sorten in kolonialem Ambiente verkosten. Bis zur Unabhängigkeit 1976 waren die Seychellen zuerst von Franzosen, dann von Engländern besetzt.

Wie die Einheimischen heute leben, lässt sich am besten auf der benachbarten Insel La Digue erleben. Fahrräder haben dort den Ochsenkarren abgelöst. Es gibt so gut wie keine Wellblechhütten und keinen Müll am Straßenrand. Der Lebensstandard ist für afrikanische Verhältnisse hoch. „Das Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 500 Euro im Monat“, sagt Gästeführer David. Der Staat stelle günstige Kredite für Wohnungen bereit. Die medizinische Grundversorgung und die Schule seien kostenlos. Es wird dreisprachig gelehrt: Englisch, Französisch, Kreolisch. Natürlich hat auch La Digue Traumstrände zu bieten. Der berühmteste dürfte den meisten Deutschen vertraut sein – aus der Bacardi-Werbung. Kapitän Dan zeigt vom Katamaran aus auf die markanten runden Granitfelsen. „Dort hat die Hütte aus dem Spot gestanden“, sagt er.

Von La Digue aus ist es nicht weit bis zur kleinen Insel Curieuse, auf der mehr Riesenschildkröten als Menschen leben. Ein über 100 Jahre altes Tier wartet schon am Strand – auf Bananen. Geduldig lässt es sich von begeisterten Touristen fotografieren. In einer Zuchtstation werden die Jungen aufgepäppelt, bis sie sich nicht mehr vor Fraßfeinden fürchten müssen.

Auf der Rückfahrt nach Mahé stoppt Dan noch mal zum Schnorcheln. „Bitte nichts ins Wasser werfen oder am Strand hinterlassen“, sagt er. Der Schutz der Umwelt ist auf den Seychellen in der Verfassung verankert. Umweltminister Didier Dogley hat zu DDR-Zeiten in Erfurt Gartenbau studiert und die Mülltrennung mit in seine Heimat gebracht. Plastiktüten wurden verboten und Flaschenpfand eingeführt. Das Abwasser darf nicht mehr ins Meer. Verstöße werden hart bestraft. Denn der Klimawandel macht auch vor dem Paradies nicht halt: Korallenbleiche, Algenplage, Küstenverlust. Kapitän Dan redet nicht viel. Dan beobachtet.

Blogger Francis Markert aus Oederan hat die schönsten Reiseimpressionen mit seiner Drohne festgehalten: http://www.sz-link.de/drohnenvideo

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