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Donnerstag, 12.07.2018

Im Schatten der Ex

Für Marcel Kittel läuft es auch bei der Tour de France nicht rund. Sein altes Quick-Step-Team räumt indes ab.

Von Christoph Leuchtenberg und Emanuel Reinke

Marcel Kittel schaut der Konkurrenz derzeit meist hinterher.
Marcel Kittel schaut der Konkurrenz derzeit meist hinterher.

© dpa

Als Peter Sagan am Mittwoch zu seinem zweiten Etappensieg bei der Tour de France fuhr, da war von den üblichen Konkurrenten niemand mehr zu sehen. Zu steil war die Anfahrt nach Quimper für die Sprinter. Marcel Kittel tröstete das wenig. Der Arnstädter hatte bereits während des gut 205 Kilometer langen Tagesabschnitts Probleme bekommen und kam erst mit 20:56 Minuten Rückstand ins Ziel.

Frustriert haben dürfte ihn schon die Szenerie nach der Zieldurchfahrt am Dienstag: Ein Sprinter im Blau des Quick-Step-Teams, der mit breitem Grinsen, Blumenstrauß und Hostessen im Arm den Etappensieg bei der Tour de France feiert. Im Vorjahr war dieser Sprinter fünfmal Kittel selbst, 2018 nahm sein junger Nachfolger Fernando Gaviria bereits zum zweiten Mal diese Rolle ein. Und Kittel schaut seit seinem Wechsel zur Katusha-Mannschaft regelmäßig in die Röhre.

„Ganz offensichtlich ist Quick-Step sehr stark und das Team, das es hier zu schlagen gilt“, sagte Kittel, nachdem der erst 23 Jahre alte Kolumbianer Gaviria in Sarzeau seinen zweiten Coup gelandet hatte. Diesen hatte Kittels Ex-Equipe in beeindruckender Manier vorbereitet, das Rennen kontrolliert, ehe der blaue Sprintzug Gaviria perfekt in Stellung brachte.

Und Kittel? Der wurde am Dienstag Fünfter, war im Finale eingeklemmt, sein Katusha-Team kaum zu sehen, der geplante Sprintzug mit Zeitfahr-Ass Tony Martin sowie den Landsleuten Rick Zabel und Nils Politt quasi nicht vorhanden. Und so bemühte der Vorjahres-Dominator Durchhalteparolen. „Wenn du aufhörst, es zu versuchen, kannst du auch nach Hause fahren“, sagte Kittel: „Die Tour läuft drei Wochen, und es gibt Fahrer, die durch diese drei Wochen gehen und am Ende auf den Champs-Elysees gewinnen.“

Dass sich vorerst etwas an der Vormachtstellung Quick-Steps ändert, danach sieht wenig aus, das Team bietet seinem Topsprinter perfekte Bedingungen. Aus Kittels Sicht also ein klarer Fall von „verwechselt“? Das greift zu kurz. Der Vertrag des heute 30-Jährigen lief Ende 2017 aus. Die belgische Equipe und ihr mächtiger Boss Patrick Lefevere wussten, dass sie in Gaviria den Sprinter der Zukunft bereits in ihren Reihen haben – der Südamerikaner gewann bereits beim Giro 2017 vier Etappen. Warum sich also für den sieben Jahre älteren Kittel finanziell an die Decke strecken? Warum sportliche Garantien geben?

Die wünschte sich allerdings Kittel. „Ich möchte eine Diskussion über meinen zukünftigen Tour-Start und meine Rolle als Sprinter vermeiden. Die Teamleitung kann mir dafür keine Sicherheit geben“, sagte Kittel damals. Somit erfolgte der Wechsel zu Katusha, das zunehmend mit deutschsprachigem Fokus arbeiten wollte.

Gaviria füllt Kittels mächtige Fußstapfen problemlos aus und schwärmte nach dem Sarzeau-Sieg über seinen Arbeitgeber: „Wir sind mehr als ein Team, sind eine Familie, glauben immer an unsere Chancen und fahren jeder für den anderen.“ Kittel, der ein schwaches Halbjahr mit nur zwei Siegen hinter sich hat, muss hingegen bei Katusha fast komplett neue Strukturen aufbauen. Und im Alleingang kann es der laut Katusha-Teammanager Jose Azevedo „beste Sprinter der Welt“ auch nicht richten.

Noch ist die Tour lang, noch ist nichts verloren, darauf weist Kittel nachdrücklich hin: „Es gibt bis Paris noch viele Chancen, und die will ich nutzen“, sagte er. Die Hoffnung auf Sprint-Festtage in Rot statt in Blau lebt also noch. Wenn auch nicht auf der sechsten Etappe am Donnerstag. Um das Ziel in Mûr-de-Bretagne Guerlédan nach 181 Kilometern als Erster zu erreichen, sind Kletterqualitäten gefragt. (sid)

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