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Samstag, 15.09.2018 Anders Wohnen

Im Kleingarten zu Hause

Werner Höppner wohnt in der Hellersiedlung. Seine Datsche war Kulisse für eine DDR-Fernsehserie.

Carina Höppner und ihr Großvater Werner Höppner haben ihr Herz verloren an das Grundstück auf dem Heller. Werner Höppner lebt seit 60 Jahren in einer Gartensparte.
Carina Höppner und ihr Großvater Werner Höppner haben ihr Herz verloren an das Grundstück auf dem Heller. Werner Höppner lebt seit 60 Jahren in einer Gartensparte.

© Sven Ellger

Hellersiedlung, Weg C, Haus 559 – gewöhnlich ist die Adresse von Werner Höppner nicht. Und das aus gutem Grund: Der 91-jährige Dresdner lebt den Traum vieler Hobbygärtner, denn er wohnt auf einem Grundstück mitten in einer Kleingartensparte. Werner Höppner ist in der Hellersiedlung Nordhöhe einer von 15 glücklichen Besitzern, denen ein Garten gehört. „Nach der Wende haben wir die Grundstücke zum Kauf angeboten bekommen“, erinnert sich der Senior. „Die Chance haben meine Frau Erna und ich damals sofort genutzt.“ Eine gute Entscheidung, sagt er. Heute sei das Grundstück doppelt so viel wert.

Die Datsche in der Hellersiedlung

Dass das Areal ihm gehört, hat einen weiteren Vorteil: Werner Höppner darf – im Gegensatz zu den anderen Hobbygärtnern – in seinem 1 000 Quadratmeter großen Garten wohnen. Wer einen Kleingarten pachtet, darf sich dort nicht dauerhaft aufhalten. Für Werner Höppner hat die Siedlung eine ganz besondere emotionale Bedeutung, denn hier oben auf dem Heller ist er aufgewachsen. Sein Vater war Verwalter des Flughafens, der sich auf der Fläche der heutigen Gartensparte erstreckte und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Nach Kriegsende wurde das Areal zum sogenannten Bodenreformland, die Russen steckten mehrere Grundstücke ab, eines davon bekam Höppners Familie. „1953 haben wir dann mit dem Hausbau begonnen, 1959 sind wir eingezogen.“

Entstanden sind das Wohnhaus und ein kleineres Nebengebäude. Im Erdgeschoss befinden sich Wohnzimmer, Küche, Bad und ein kleiner Vorraum. Hier sitzt Werner Höppner oft, auf dem Tisch stehen Fotos der Datsche und selbstgeschnitzte Holzfiguren, eine Treppe führt in die obere Etage. Dort gibt es drei weitere kleinere Zimmer. Eines war früher das Schlafzimmer, nach einem Treppensturz schläft Werner Höppner nun aber unten. Auf der Rückseite des Hauses hat die Familie ein Waschhaus und eine Werkstatt eingerichtet. „Im Waschhaus haben wir früher das Wasser zum Baden warm gemacht, hier wurde Obst eingekocht, Wäsche und Windeln gewaschen.“ Bis heute nutzt Werner Höppner die Werkstatt, um alles Mögliche zu reparieren, um kleine Figuren zu schnitzen, um Holz für seine Öfen zu sägen. Die gemütliche Sitzecke im Nebengebäude ist regelmäßig Treffpunkt für die Nachbarn, dann werden hier Karten gespielt, oder die Männer fachsimpeln über die Gartenarbeit.

Auf dem C-Weg der Hellersiedlung befinden sich die meisten Grundstücke in Eigentum, der Zusammenhalt sei über Jahrzehnte gewachsen, man helfe sich gegenseitig. Werner Höppner ist der Einzige unter ihnen, der die Sparte mit aufgebaut hat, alle anderen Freunde von damals leben nicht mehr. „Viele Nachbarn sind deren Kinder und zehn, zwölf Jahre jünger als ich.“ Im kommenden Jahr feiert Werner Höppner Jubiläum: Dann wohnt er 60 Jahre in dieser Siedlung. Die beiden Gebäude, die Gehwegplatten, den Gartenpavillon, Tische und Bänke hat Werner Höppner selbst gebaut. Die Ziegelsteine hatte er – damals, Anfang der 1950er-Jahre – mit dem Leiterwagen von einer Trümmerhalde herangekarrt. „Immer 50 Stück pro Fuhre.“ Regenrinnen fand er in der Stadt, unten im Elbtal, genauso wie alte Leitungen, um die damals noch sehr kleine Siedlung mit etwa 20 Grundstücken an das Stromnetz anzuschließen. Auch das hat Höppner – als Ingenieur für Hochspannungsprüfanlagen – selbst gemacht. „Er ist wirklich ein Multitalent“, sagt seine Enkelin Carina Höppner.

Mehrmals pro Woche kommt die 36-Jährige, um den Großvater zu besuchen, mit ihm Besorgungen zu erledigen, in Erinnerungen zu schwelgen. „Wir waren als Kinder oft bei Oma und Opa, hier haben wir uns einfach wohlgefühlt.“ Was nicht zuletzt an der beschaulichen Gartenatmosphäre der Siedlung lag. „Der C-Weg ist leicht abschüssig, dort sind wir früher immer mit dem Schlitten gerodelt“, erzählt die Enkeltochter. Und, dass Oma Erna auf dem Herd Früchtetee mit Zucker zubereitet hat. Am Küchenofen haben im Winter alle gestanden, wenn sie von draußen hereinkamen. „Hier oben war es immer sehr kalt, meine Oma hat uns dicke Wolldecken vorgewärmt und uns mit ins Bett gegeben“, erzählt Carina Höppner. Jener Ofen steht noch heute in der Küche. Noch immer befeuert ihn Werner Höppner und kocht Essen auf ihm. Seit dem Tod seiner Frau vor zwölf Jahren kümmert sich Höppner allein um Haus und Garten. Das baufällige Gewächshaus ist inzwischen verschwunden, genauso wie sieben Kirsch- und zwei Birnenbäume. Von zwei Apfelbäumen steht noch einer, die Früchte sind gerade wieder reif. Im Garten wachsen Tomaten, Kürbisse, Zucchini. „Ich immer etwas zu tun.“ Wenn mal keine Gartenarbeit ansteht, blättert der Rentner gern im Fotoalbum. Schwarz-Weiß-Bilder zeigen ihn und seine Frau mit den bekannten Schauspielern Herbert Köfer, Helga Göring und Uta Schorn zu sehen. Anfang der 1980er-Jahre hatte sich ein Filmteam des DDR-Fernsehens Höppners Grundstück für die Serie „Geschichten übern Gartenzaun“ als Drehort ausgesucht.

Während der Dreharbeiten, die von 1981 bis 1984 regelmäßig stattfanden, wohnte die Familie in den kleinen Zimmern in der oberen Etage. „Das war eine sehr aufregende Zeit. Helga Göring verstand sich sehr gut mit meiner Frau und war auch privat oft bei uns.“ Vor zwei, drei Jahren sei Herbert Köfer zu Besuch gekommen, um sich seine frühere Spielstätte anzuschauen. „Das war ein schönes Treffen“, erzählt Werner Höppner. Mit Erinnerungen, die er gern an seine Familie weitergeben möchte. Seine „kleine“ Tochter ist heute 65 Jahre alt, neben sechs Enkeln hat Höppner neun Ur- und einen Ur-Ur-Enkel. Wer von ihnen das Haus samt Grundstück später übernimmt, weiß Werner Höppner noch nicht. „Es steht jetzt schon fest, dass es in der Familie bleibt“, sagt Enkelin Carina Höppner und streichelt ihm den Arm.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie finden Sie hier. Klicken Sie einfach auf die Fotos, um die Artikel zu lesen:

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