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Dienstag, 02.10.2018

Ihr emotionales Erlebnis

Von Alexander Hiller

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Julia Vietor (r.) präsentiert ihre Bronzemedaille. Foto: dpa
Julia Vietor (r.) präsentiert ihre Bronzemedaille. Foto: dpa

© ZB

Mit 19 Jahren fängt eine Sportlerkarriere meist erst so richtig an. Für Turnerin Julia Vietor ist ist fast beendet – mit einem Knalleffekt. Foto: Christian Juppe
Mit 19 Jahren fängt eine Sportlerkarriere meist erst so richtig an. Für Turnerin Julia Vietor ist ist fast beendet – mit einem Knalleffekt. Foto: Christian Juppe

© Christian Juppe

Diese unglaubliche Pechsträhne ist endlich beendet. Und das mit einem Paukenschlag. Julia Vietor, die derzeit beste Turnerin des Dresdner SC, hätte von ihren sportlichen Fähigkeiten her bereits seit 2015 an deutschen Meisterschaften mit guten Chancen teilnehmen können. Doch die 19-Jährige erlebte am Wochenende in Leipzig tatsächlich ihren ersten nationalen Titelkampf bei den Erwachsenen.

Dreimal musste sie zuvor aufgrund von Verletzungen auf einen Start verzichten. „2015 hatte ich mir die Hand gebrochen, ein Jahr später erlitt ich einen Ermüdungsbruch, und im letzten Jahr bin ich mit beiden Füßen gleichzeitig umgeknickt“, zählt die Dresdnerin auf. 2017 wurde sie zwar wieder fit, konnte aber nicht mehr rechtzeitig eine erforderliche Qualifikationsleistung nachweisen. Es war wie ein Fluch, aber sie hat sich von diesen Rückschlägen nicht entmutigen lassen und immer an ihre Chance geglaubt.

In Leipzig ergriff Vietor diese Möglichkeit nun mutig. Als Elfte des Vierkampfes, bestehend aus Sprung, Stufenbarren, Schwebebalken und Boden, hatte sie sich in ihrer Spezialdisziplin Sprung für das Finale der besten sechs qualifiziert. Wohlwissend, dass die Stars der Szene, wie Mehrkampfsiegerin Elisabeth Seitz, Kim Bui oder die Chemnitzerin Sophie Scheder, an diesem Gerät ihre Schwächen haben. Vietor zeigte im Finale zwei starke Sprünge – einen Überschlagsalto vorwärts gebückt mit halber Drehung am Ende und den Jurtschenko-Salto gestreckt. Für ihre konstante Vorstellung wurde sie mit der Bronzemedaille belohnt, nur die Kölnerin Sarah Voss und die Berlinerin Michelle Timm wurden höher bewertet. „Das war auch emotional das Karriere-Highlight für mich, ich konnte das anfangs noch gar nicht richtig fassen“, erzählt Vietor.

Ein positives Zeichen

„Für uns ist diese Medaille ein positives Zeichen“, sagt DSC-Chefturntrainer Tom Kroker. Podestplätze bei Titelkämpfen in der Meisterklasse sind für den Verein seltene Erfolgserlebnisse. Marlene Bindig hatte dem DSC 2015 mit ihrem Sensationssieg am Boden den ersten Turntitel seit 1990 beschert und im Vorjahr noch mal Silber gewonnen. Danach beendete sie ihre Karriere. Vietor trat gewissermaßen nahtlos die Nachfolge von Bindig an. Und es ist ein Erfolg mit einer besonderen Note.

Einerseits ist da diese lange Verletzungsmisere. „Herr Kroker hat mir vor jeder Saison gesagt: Julia, das wird dein Jahr“, zitiert die Athletin ihren Trainer. „Ich war anfangs immer in Topform, und immer ist vor der Meisterschaft etwas passiert. Für mich ist das wie ein Fluch gewesen.“ Doch Vietor ist keine, die aufgibt. Auf ihrem Whatsapp-Profil hat sie den Spruch hinterlegt: „Hard works beats talent, when talent doesn’t work hard.“ Übersetzt heißt das in etwa: Harte Arbeit schlägt Talent, wenn Talent nicht hart arbeitet. „Das trifft auf Julia genau zu. Sie ist das Vorbild dafür, was man mit harter Arbeit alles erreichen kann, auch wenn man vielleicht nicht das überragende Talent hat“, sagt Tom Kroker.

Dass es nicht für die ganz große und glanzvolle Turnkarriere mit Starts bei Weltmeisterschaften oder Olympia reichen würde, hat Julia Vietor ziemlich schnell erkannt. „Man müsste mit zwölf, 13 Jahren auf sich aufmerksam machen. Das ist bei mir erst in diesem Jahr passiert. Das ist einfach zu spät“, sagt sie auch in dem Wissen, dass die meisten Turnerinnen-Karrieren mit Mitte 20 beendet sind. „Aber auch die kleinen Erfolge machen glücklich“, sagt Vietor, die derzeit auf Minijobbasis beim DSC die jüngsten Turntalente trainiert.

Vietor hat sich bereits jetzt um eine Karriere nach der Karriere bemüht. Und auch die klingt interessant. Am 1. April beginnt die 1,58 Meter große Turnerin ein Studium beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden. Das läuft auf eine Karriere als Beamtin im gehobenen Kriminaldienst, also Kriminalistin, hinaus. „Ich wollte schon immer Polizistin werden“, erklärt die Athletin.

Für die neue Ausbildung wird sie umziehen müssen und damit ihre Laufbahn wohl beenden. „In Wiesbaden gibt es einen Turnverein, aber ich weiß noch nicht genau, ob ich überhaupt noch turnen darf – wegen des Verletzungsrisikos.“ Wie hoch das ist, weiß kaum jemand besser als sie. „Ich habe mich da schon ein bisschen darauf eingestellt, irgendwann ist es mit dem Turnen sowieso vorbei“, meint Julia Vietor. Was bleibt, sind die schönen Erinnerungen. Und nun auch diese Bronzemedaille.