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Mittwoch, 11.07.2018

Idyll ohne Trinker-Szene

Seit der Brunnen-Eröffnung hat sich das Bild am Wettiner Platz in Löbau komplett gewandelt. Die Trinker sind jetzt woanders.

Von Markus van Appeldorn

Die Befürchtungen für den Wettiner Platz haben sich nicht bewahrheitet.
Die Befürchtungen für den Wettiner Platz haben sich nicht bewahrheitet.

© Matthias Weber

Löbau. Mit der Einweihung des Brunnens am Wettiner Platz kamen auch die Befürchtungen vieler Löbauer: Würde sich das liebevoll hergerichtete Areal wieder zum Treffpunkt einer Trinker-Szene entwickeln? Lange Jahre war nicht nur die Ruine des 120 Jahre alten Vorgänger-Brunnens ein Schandfleck in bester Lage. Das dort oft versammelte Publikum sorgte dafür, dass viele Menschen den Platz mieden.

Doch die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. „Wir nehmen schon seit einer Weile mit großer Freude zur Kenntnis, dass der Brunnen am Wettiner Platz seit seiner Eröffnung kaum bis gar nicht mehr als Treffpunkt für die Löbauer Trinker-Szene dient“, teilt Löbaus Pressesprecher Marcus Scholz auf SZ-Anfrage mit. Das Publikum am Brunnen habe sich gewandelt. Der Platz ist zu dem geworden, was mit dem Neubau des Brunnens geplant war: ein kleines Stadt-Idyll. „Wo früher die Trinker-Szene gesessen hat, halten sich nun vermehrt ältere Menschen zum Entspannen oder Ausruhen nach einem Stadtbummel auf“, so Scholz weiter. Junge Mütter kämen gerne hierher, deren Kinder bei schönem Wetter am Brunnen spielen. „Das belebt den Wettiner Platz im positiven Sinne“, so der Stadtsprecher.

Das registrieren auch die Anwohner mit Wohlwollen. Bürgerliste-Stadtrat Reinhard Keßner betreibt am Wettiner Platz seinen Stempel-Laden. „Ich freue mich sehr, dass nun die Bürger der Stadt ihren Platz in Besitz genommen haben“, sagt er auf SZ-Anfrage. In jüngster Zeit sei das im Laden oder unter den Nachbarn am Platz oft Gesprächs-Thema gewesen. „Bestimmt zehn Menschen haben mich darauf angesprochen“, so Keßner. Seine Stadtratsfraktion hatte in der letzten Sitzung des Stadtrates auch eine Anfrage zur Ordnung und Sicherheit in Löbau an die Stadtverwaltung gerichtet.

Die Stadt führt diesen Erfolg auf eine rigorose Arbeit ihres Ordnungsdienstes zurück. „Die Präsenz und Hartnäckigkeit unserer Vollzugsbediensteten trägt durchaus Früchte“, teilt Pressesprecher Marcus Scholz mit. Der städtische Gemeindevollzugsdienst habe besonders in den ersten Tagen nach der Eröffnung des Brunnens dort Kontrollen durchgeführt. Dabei angetroffene Angehörige der Trinker-Szene seien angewiesen worden, ihr Leergut nicht liegen zu lassen und auf Sauberkeit zu achten. „Binnen weniger Tage hatte sich die am Brunnen etablierte Szene nahezu aufgelöst“, so Scholz. Es sei nicht einmal notwendig gewesen, Platzverweise gegen Angehörige der Szene auszusprechen.

Derweil hat die Trinker-Szene ihren Treffpunkt ein paar Meter verlagert. Nun sitzen die Menschen oft auf den Bänken in der kleinen Grünanlage an der Kreuzung Poststraße / Sachsenstraße. Man könne diese sogenannten Trinker-Treffs nicht vollständig aus dem Stadtgebiet verbannen, heißt es dazu von der Stadt. Der Gemeindevollzugsdienst kontrolliere diese Szene regelmäßig. „Gegen die Verlagerung der Szene von A nach B ist es allerdings schwer, vorzugehen“, so Stadtsprecher Scholz. Es gebe derzeit von Bürgern oder Gewerbetreibenden keine Beschwerden über den neuen Szene-Standort.

Geblieben ist das Problem in der nahen Einkaufs-Passage an der Sachsenstraße. Aus dem dortigen Supermarkt versorgt sich die Szene mit Nachschub. Und je nach Temperatur und Uhrzeit wird der Alkohol auch direkt dort vor der Tür verzehrt. „Es gibt schon Kunden, die sich darüber beschweren und sagen, dass sie hier nicht gerne langgehen“, sagt der Verkäufer der Fleischerei im Eingangsbereich des Supermarktes. Die Betreiberin eines Eiscafés teilt diese Einschätzung. „Meistens stehen die da in den Abendstunden zusammen und haben oft schon einen gewissen Promille-Pegel“, sagt sie, „ich weiß von vielen Kundinnen, dass sie da besonders im Winter, wenn’s um die Zeit schon dunkel ist, nicht mehr durchgehen.“

In der von der Bürgerliste-Fraktion gestellten Anfrage hatte Stadtrat Reinhart Keßner der Stadt vorgeworfen, die Löbauer Ortspolizei sei so gut wie nie an wirklichen Brennpunkten zu finden. Dem widerspricht Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (parteilos) nun in seiner Antwort. Das sei sicher eine subjektive Wahrnehmung von Keßner, lässt der OB wissen. Die Ortspolizei leiste dort eine sehr umfangreiche Arbeit. Im Grunde sei es Sozialarbeit, immer wieder das Gespräch mit dieser Szene zu suchen, zu argumentieren, aber auch mitunter Platzverweise zu erteilen. „Es ist für viele gar nicht vorstellbar, wie oft die Kollegen des gemeindlichen Vollzugsdienstes beschimpft oder angegriffen werden“, schreibt der OB – und das nicht ausschließlich von Menschen aus der Trinker-Szene.

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