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Dienstag, 23.10.2018

„Ich war als Kind sehr, sehr schlecht im Sport“

Von Alexander Hiller

Die Spätberufene: Angela Müller hatte nie Interesse an einer Karriere im Leistungssport. Mit 56 wurde die gebürtige Mecklenburgerin jetzt Siebenkampf-Weltmeisterin.Foto: Ronald Bonß
Die Spätberufene: Angela Müller hatte nie Interesse an einer Karriere im Leistungssport. Mit 56 wurde die gebürtige Mecklenburgerin jetzt Siebenkampf-Weltmeisterin.Foto: Ronald Bonß

© ronaldbonss.com

Auf den ersten Blick wirkt Angela Müller gar nicht wie eine geborene Kämpferin. Eher zart und zerbrechlich. Doch erste Eindrücke sind eben nur subjektive Draufsichten. Tatsächlich ist die 56-jährige Wahl-Dresdnerin eine der beste Kämpferinnen der Welt in ihrer Altersklasse. In einer Disziplin, die das Bezwingen der eigenen Grenzen bereits im Namen trägt: Siebenkampf. Bei der Masters-Weltmeisterschaft der Leichathleten in Malaga erkämpfte die Senioren-Athletin vom Dresdner SC mit 5 598 Punkten den Titel in der Altersklassenwertung W 55 mit über 300 Punkten Vorsprung auf ihre Landsfrau Ramona Schulz aus Obernburg.

Keine der 15 Konkurrentinnen war an jenen beiden Tagen im September im Hoch- und Weitsprung, Kugelstoßen, Speerwerfen, über 80 Meter Hürden, 200 Meter und im abschließenden quälenden 800-Meter-Lauf besser als Angela Müller. Und das ist durchaus bemerkenswert. Denn die grazile Frau behauptet von sich: „Ich war als Kind sehr, sehr schlecht im Sport.“ Dreien, Vieren und Fünfen brachte sie als Schülerin im einstmals ungeliebten Unterrichtsfach regelmäßig mit nach Hause. Bis ihrem Papa, einem bekennenden Sportfan, der Kragen platzte. „Er hat sich sehr darüber geärgert, zwei so unsportliche Töchter zu haben“, sagt Angela Müller.

Also schaffte der Papa einen Schlagball an und wollte mit seinen Töchtern im Wald üben. „Ich habe mir den Ball erst mal auf den Fuß geworfen, meine Schwester hat den Ball sogar nach hinten befördert“, erinnert sich Angela Müller und muss herzhaft lachen. „Dabei hatte er sogar Tabellen entworfen, was er sich so für unsere Entwicklung vorstellt“. Vom skurrilen Start seiner Idee ließ sich der besorgte Vater aber nicht entmutigen, sondern blieb geduldig dran. „Wir haben uns tatsächlich peu à peu verbessert“, staunt Müller noch heute. Die Familie zog von Altenburg ins beschauliche Örtchen Großkorbetha bei Weißenfels um – und aus Angela wurde eine ziemlich sportliche Studentin, die allerdings keine leistungssportlichen Ambitionen hegte.

Der Appetit auf sportliche Erfolge stellte sich erst viel später ein. Und auch, weil die Fachärztin für diagnostische Radiologie am Uniklinikum Dresden nach einem Ausgleich für ihre seelisch anspruchsvolle Arbeit suchte. „Man kann nicht jedem helfen, da gibt es natürlich auch negative Ausgänge, die ganz schön an die Psyche gehen, das nimmt man auch mit nach Hause“, sagt sie. „Aber hier“, ergänzt Angela Müller und deutet auf die DSC-Trainingshalle, „kann man gedanklich auch abschalten, da halte ich mich dran fest. Der Sport ist fast wie eine Parallelwelt, ein heftiger Kontrast, das sind ja alles gesunde Menschen.“

In ihrem Beruf erstellt sie MRT- und CT-Befunde, Angiografien für die Köpfe und Wirbelsäulen ihrer Patienten – in erster Linie bei Schlaganfällen.

Erst die Arbeit, dann das Training

Da Müller wie ihre Arbeitskollegen normal für Spät- und Rufdienste eingeteilt wird, kann die spätberufene Leichtathletin selten regelmäßig trainieren und muss flexibel sein. „Man kann nicht richtig trainieren, wenn man ständig aufs Handy gucken muss. Ich lasse lieber ein Training ausfallen und konzentriere mich auf die Arbeit“, betont die Vize-Weltmeisterin von 2015.

Dennoch sind die sportlichen Effekte erstaunlich. Vor allem die im Wurf- und Stoßbereich – dank Papa. „Ich bin eine schlechte Läuferin, das strengt mich am meisten an“, sagt sie. Mit dem Speer gehört sie hingegen zu den weltbesten Athletinnen in der W 55.

Die im mecklenburgischen Warin geborene Athletin probierte sich erstmals 2009 bei internationalen Meisterschaften aus – und fand sofort Gefallen daran. Auch wenn die Mastersathleten alle anfallenden Kosten selbst tragen müssen. „Da muss man die Meisterschaft mit dem Urlaub verbinden, nur für den Wettkampf wäre der Aufwand ein bisschen sinnlos“, sagte Angela Müller. Mit ihrem Mann erkundete sie nach ihrem WM-Triumph Nordspanien.

Die nächste Masters-Weltmeisterschaft steigt 2020 in Toronto. Da könnte Frau Müller ihren Titel verteidigen. „Mit diesen Menschen aus aller Welt zusammen zu sein, das begeistert mich immer noch. Da kann ich mich auch über einen vierten Platz ganz doll freuen, wenn ich mit meiner Leistung zufrieden bin“, sagt die Weltmeisterin. Für einen Platz im Rampenlicht ist sie auch viel zu bodenständig. Ihre frische Medaille versteckt sie ganz dezent hinter der Tür ihres Arbeitszimmers.