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Mittwoch, 03.01.2018

„Ich stand mit einem Bein im Zuchthaus“

Die Apothekerin Brigitte Broschwitz hat unzählige Pillen gedreht, spät die Liebe gefunden und das Internet erobert.

Von Nadja Laske

Faulenzen kennt Brigitte Broschwitz nicht. Aber sie macht sich ihr Leben im aktiven Ruhestand so bequem wie möglich.
Faulenzen kennt Brigitte Broschwitz nicht. Aber sie macht sich ihr Leben im aktiven Ruhestand so bequem wie möglich.

© Christian Juppe

Dimethylaminophenyl-dimethylpyrazolon. Brigitte Broschwitz rauscht durch das Wortungetüm, ohne sich auch nur einmal darin zu verheddern. „Diesen Begriff werde ich niemals vergessen“, sagt die
90-Jährige und lacht. Ein wenig Stolz und Triumph klingen mit. Auch Wehmut. Die Jahrzehnte ihres Lebens sind vergangen wie ein fröhlicher Badetag. Nur nicht so locker und leicht.

„Es war schwierig, aber immer schön“, sagt sie und beginnt ihre Erzählung im Sommer 1927. Während des verheerenden Hochwassers dieser Julitage kommt Brigitte Broschwitz als Tochter des Geisingener Postmeisters zur Welt. Die Flutkatastrophe im Osterzgebirge kostet 160 Menschen das Leben. Im Postamt beginnt ein neues. Dort hat die Familie auch ihre Wohnung, ein Ort, der für Brigitte Kindheit bedeutet. Eine kurze Kindheit, nur fünf Jahre lang. Denn als der Vater stirbt, verlieren sie und ihre Mutter nicht nur Wohlstand, sondern auch das Heim. So ziehen sie nach Dresden, wo Verwandtschaft wohnt und sich leichter Arbeit finden lässt.

Trotz ärmlicher Verhältnisse denkt Brigitte Broschwitz mit guten Gefühlen an diese Zeit: „Ich bin gern zur Schule gegangen“, sagt sie und schwärmt vom tollen Rektor, der so groß und stattlich war, über alle Schüler Bescheid wusste und für jeden ein gutes Wort hatte. Als Zehnjährige träumt sie davon, Sattlerin zu werden. „Meine Mutter arbeitete bei einem Bauern in Bad Gottleuba als Köchin, da half ich in den Ferien und fand das Landleben herrlich.“ Obwohl sie nun in der Stadt wohnt, bleibt sie im Herzen doch ein Landmensch, liebt Pferde, die frische Luft, die Natur, das Gefühl von Freiheit.

Ein schöner Traum, der hart auf die Wirklichkeit trifft. „Mit dem Ende des Krieges verlor meine Mutter alle Pensionsansprüche. Deshalb konnte ich keine höhere Schule besuchen und musste Geld verdienen.“ Für die erhoffte Ausbildung zur Krankenschwester ist die nur 1,50 Meter große Frau zu klein, um Hebamme zu werden, zu jung. „Ich war ja noch keine 18 Jahre alt.“ Ein Bekannter erzählt, ein Apotheker suche dringend eine Hilfskraft. So bewirbt sich Brigitte Broschwitz in der Robert-Koch-Apotheke auf der Kesselsdorfer Straße. „Ich habe dort ohne Vorbildung angefangen. Meine Arbeitsbekleidung war die bunte Kittelschürze meiner Mutter.“ Zunächst aber übersteht kein Mitarbeiter den Arbeitstag ohne Mantel und Mütze. „Der Winter 1946 war so kalt, dass ich im Apothekenofen alles verfeuerte, was brennbar war.“ Das Materiallager wird Brigittes Reich. Sie ist dafür verantwortlich, Produkte heranzuschaffen – zu Fuß.

„Wir hatten kein Lieferauto, deshalb bin ich mit zwei Rucksäcken, auf dem Rücken und vor dem Bauch, losgezogen.“ Schwere Taschen trägt sie links und rechts, läuft kilometerweit und holt bei Großhändlern Inhaltsstoffe und Verpackungsmaterial für Medikamente ab. Kaum eine Straßenbahn fährt durch die Trümmerlandschaft. Selten nimmt ein Pferdefuhrwerk sie mit. Endlich kann der Apotheker einen Handwagen anschaffen. Im Herbst 1947 kauft er den ersten Lieferwagen.

Von ihren 80 Mark Bruttogehalt bekommt Brigitte monatlich 72 Mark ausgezahlt. „40 Mark kostete die Miete und 30 Mark gab ich meiner Mutter für unser gemeinsames Leben.“ Bleiben zwei Mark im Monat für persönliche Wünsche. Außer Arbeit und Schlafen gibt es für sie nichts. Das Vergnügen, jung zu sein, geht an ihr vorüber. Aber sie klagt nicht. Damals nicht und heute nicht. „Wir waren am Leben, nicht ausgebombt und ausgeplündert, wir hatten ein Zuhause, und wir hatten uns. Damit waren wir zufrieden.“

Ewig ohne Abschluss bleiben will Brigitte Broschwitz nicht. Deshalb ist sie froh, sich ab Anfang der 50er-Jahre zur Apothekenhelferin ausbilden lassen zu dürfen. Später fängt sie in der Hubertus-Apotheke Bühlau an. Zu ihr gehört ab 1967 auch die Apotheke Schönfeld, wo Brigitte häufig aushilft und die Buchführung übernimmt. Insgesamt 30 Jahre pendelt sie mit Bus und Bahn zwischen ihrer Wohnung in Löbtau und der Arbeit in Bühlau und Schönfeld. „Ich hatte am Ende 2 000 Überstunden, aber das war mir egal – Hauptsache, ich konnte Menschen helfen.“

Und die Liebe? Will diese engagierte, wohlmeinende, fleißige und trotz aller Unbequemlichkeiten lebensfrohe junge Frau nicht auch einen Mann? Kinder? Familie? „Ach, es gab schon hier und da ein paar Schmetterlinge“, gibt sie zu. „Aber ich war doch für meine Mutter verantwortlich und wollte keinem Mann zumuten, auch für sie zu sorgen.“ So bleibt sie allein und lebte für ihre Arbeit.

Die ist fordernd genug. „Ich stand dauernd mit einem Bein im Zuchthaus“, sagt Brigitte Broschwitz. Schließlich stellen sie und ihre Kollegen die Medikamente noch selbst her, streng nach Anweisung des Arztes. Da können eine kleine Unaufmerksamkeit, eine unleserliche Schrift oder ein Schreibfehler schlimme Folgen haben. „Ich weiß nicht, wie viele Tausend Pillen ich gedreht, wie viele Pasten und Salben ich angerührt, wie viele Wässerchen ich gemischt und wie viele Zäpfchen ich gegossen habe.“ Pulver werden nach Milligramm abgewogen und per rhythmischem Schlagen als Einzeldosen auf Papiertütchen verteilt. Da sei es von Vorteil gewesen, wenn man einmal Klavierspielen gelernt hat, sagt Brigitte Broschwitz. Nach zehn Jahren als Apothekenassistentin studiert sie nebenberuflich, da war sie schon 50 Jahre und enthusiastisch wie am ersten Tag.

„Zum Glück kann ich heute von mir sagen, dass ich niemanden um die Ecke gebracht habe.“ Im Gegenteil – auch nach verstrichener Öffnungszeit schickt sie keinen Kranken weg. Ein Leben immer auf den Beinen habe sie geführt, sagt Brigitte Broschwitz. Und auch als Rentnerin legt sie die Füße nur selten hoch.

Nun holt sie vieles nach, was in ihrer Jugend unmöglich war. „Ich besuche gern die Philharmonie und das Hygiene-Museum“, sagt sie. Auf Busreisen hat sie Monaco, Städte in Kroatien, Danzig, die Dolomiten und Ostfriesland gesehen. Im Fernsehen schaut sie am liebsten Krimis. „Aber nur die britischen, da sind die Toten meistens schon tot.“ Mit 78 Jahren macht Brigitte Broschwitz den Führerschein. Die Theorieprüfung hatte sie schon Jahrzehnte zuvor bestanden, dann aber keine Gelegenheit für die Praxis gehabt. Das Internet lässt sie sich nicht so lange entgehen. Zu Hause habe sie ein Tablet, erzählt sie. „Da google ich alles, was mich interessiert. Aber das verschlingt so viel Zeit!“ Auf ihrem Smartphone zeigt sie Fotos ihrer jüngsten Traumreise: Zusammen mit einer Freundin besuchte sie vor einigen Monaten Irland.

Und es erfüllt sich für sie eine späte Liebe mit aller Zuneigung in guten wie in schlechten Zeiten. Nur wenige gemeinsame Jahre blieben dem Paar. Doch Brigitte Broschwitz ist auch dafür dankbar. „Es gibt in meinem Wortschatz drei Fremdwörter“, sagt sie, „Neid, Hektik und Langeweile.“

In der Serie „Ein Leben voller Leben“ stellt die Sächsische Zeitung ältere Menschen vor, die viel zu erzählen haben. Kennen Sie jemanden, der auch in diese Reihe passen könnte? Rufen Sie an unter 0351 48642210 oder schreiben Sie an sz.dresden@ddv-mediengruppe.de.

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