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Mittwoch, 12.09.2018

„Ich möchte ins Leben zurück“

Kristina Vogel nimmt ihr Leben nach dem tragischen Unfall mit viel positiver Energie in Angriff. Die Radsport-Olympiasiegerin hat viele Optionen, Kraft geben ihr die Familie, ihr Freund und die große Anteilnahme.

Von Andreas Zellmer und Ralf Jarkowski

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Kristina Vogel ist seit ihrem Trainingssturz vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt.
Kristina Vogel ist seit ihrem Trainingssturz vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt.

© dpa/Annegret Hilse

Seit dieser Woche absolviert die 27-Jährige ein Rollstuhltraining.
Seit dieser Woche absolviert die 27-Jährige ein Rollstuhltraining.

© dpa/Annegret Hilse

Kristina Vogel gab am Mittwoch eine Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.
Kristina Vogel gab am Mittwoch eine Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.

© dpa/Annegret Hilse

Berlin. Radsport-Olympiasiegerin Kristina Vogel hat sich von der Anteilnahme an ihrem Schicksal überwältigt gezeigt und daraus viel Mut für ihr künftiges Leben geschöpft. „Ich hätte niemals gedacht, dass das so eine Welle schlägt. Das war berührend, das war herzzerreißend und hat mir positive Energie gegeben“, sagte die 27 Jahre alte Sportlerin am Mittwoch auf einer Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. „Ich habe vor Freude geweint, als ich aus dem Koma erwacht bin und gemerkt habe, welche Anteilnahme es auf der ganzen Welt gibt“, sagte Vogel, die sich nach ihrem „Spiegel“-Interview erstmals öffentlich äußerte.

Seit zweieinhalb Monaten wird die Ausnahmeathletin, die seit ihrem Trainingssturz vom 26. Juni vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt ist, in der Berliner Spezialklinik behandelt. Am Wochenende fährt sie zum ersten Mal nach dem Unfall für ein paar Tage nach Hause nach Erfurt. „Ich möchte ins Leben zurück“, sagte die junge Frau im Rollstuhl vor etwa 80 Journalisten. Aber: „Ich bin keine Maschine. Es gab auch Momente, wo ich Tränen und Emotionen zulassen musste.“

„Ich möchte zu Hause auf meiner Terrasse sitzen und keine Angst vor Paparazzi haben“, sagte die Thüringerin. Zunächst muss sie aber ihre Reha in Marzahn bis voraussichtlich Weihnachten fortsetzen und will danach in ihr neu gebautes Haus in Erfurt umziehen. Sie möchte dann „auf viel Hilfe verzichten und unabhängig sein“. Seit dieser Woche dürfe sie „schon wieder richtig Sport machen“, sagte Vogel. „Ich war gestern schon beim Rollstuhltraining. Der Ehrgeiz ist geweckt.“

Sehr dankbar sei sie ihrer Familie, ihrem Lebensgefährten Michael und der Bundespolizei, ihrem Dienstherren. Sie alle hätten ihr viel Kraft gegeben. „Michael hat die ersten Nächte auf dem Stuhl nebenan geschlafen“, erzählte sie. „Ich hab‘ durch ihn einen sicheren Halt. Ich weiß: Er ist immer für mich da.“ Sie habe „so eine starke Familie. So konnte ich den Schmerz teilen.“

Athletensprecherin des Weltverbandes UCI wolle sie „auf alle Fälle“ bleiben. Zu einer möglichen zweiten Karriere als Paralympics- Sportlerin wollte sie sich nicht konkret äußern, die zweimalige Olympiasiegerin und elfmalige Weltmeisterin deutete aber an: „Vielleicht hole ich meine zwölfte Goldmedaille woanders.“ Ihr Manager Jörg Werner betonte, es sei nicht zwingend, dass Kristina Vogel im aktiven Sport bleibe. Sie habe „viele andere Möglichkeiten“.

Durchhaltewillen, Entschlossenheit und Optimismus werden der in Kirgisistan geborenen Sportlerin helfen, auch ihr neues Leben im Rollstuhl zu meistern. Materiell kommen Spenden und Versicherungszahlungen dazu. Eine Sport-Versicherung zahlt 150 000 Euro, bei einer Spendenaktion ihres Chemnitzer Erdgas-Teams unter dem Motto #staystrongkristina sind rund 120 000 Euro zusammengekommen.

Bereits 2009 hatte Vogel einen schweren Trainingssturz erlitten. Der damals 18-Jährigen hatte ein Kleinbus die Vorfahrt genommen. Sie flog mit Tempo 50 durch die Heckscheibe, lag zwei Tage im Koma, erlitt zahlreiche Brüche am Brustwirbel, an der Hand, am Arm, am Kiefer und verlor fast alle Zähne. Es folgten unzählige Operationen und Reha-Maßnahmen. Noch heute sind die Narben in ihrem Gesicht zu sehen.

Vielleicht sei dieser Unfall die „Vorbereitung auf jetzt“ gewesen. „Die Kraft, die ich 2009 dadurch erlangt habe“, erzählte sie neun Jahre später, die habe ihr nun geholfen. (dpa)

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