• Einstellungen
Mittwoch, 07.11.2018

Hundert Jahre Erzsuche

Die mittelalterlichen Stollen in Niederpöbel haben den Bergleuten wenig gebracht, aber den Archäologen viel.

Von Franz Herz

Bild 1 von 4

Das Archivbild zeigt ein Mundloch, als die Bergsicherung dieses erforscht und schließlich wasserdicht verwahrt hat. Das bot den Archäologen die Chance, den mittelalterlichen Bergbau hier so gründlich wie selten zu erforschen. 1689 verschiedene Fundstücke haben sie hier geborgen. Dank dieser Funde steht jetzt fest, dass die Stollen aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen, also der Zeit des ersten Berggeschreis.
Das Archivbild zeigt ein Mundloch, als die Bergsicherung dieses erforscht und schließlich wasserdicht verwahrt hat. Das bot den Archäologen die Chance, den mittelalterlichen Bergbau hier so gründlich wie selten zu erforschen. 1 689 verschiedene Fundstücke haben sie hier geborgen. Dank dieser Funde steht jetzt fest, dass die Stollen aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen, also der Zeit des ersten Berggeschreis.

© Egbert Kamprath

Das Archivbild zeigt einen Schacht, den die Bergsicherung erforscht hat.
Das Archivbild zeigt einen Schacht, den die Bergsicherung erforscht hat.

© Egbert Kamprath

Vor dem Museum steht Frank Schröder mit seinem neuen Buch über den Bergbau in Niederpöbel.
Vor dem Museum steht Frank Schröder mit seinem neuen Buch über den Bergbau in Niederpöbel.

© Frank Baldauf

Leder bleibt selten erhalten. In Niederpöbel hat Frank Schröder Reste von einem Bergmannstiefel gefunden. Damit war es möglich, diesen zu rekonstruieren, so dass ihn die Besucher im Dippser Museum für mittelalterlichen Bergbau sehen können.
Leder bleibt selten erhalten. In Niederpöbel hat Frank Schröder Reste von einem Bergmannstiefel gefunden. Damit war es möglich, diesen zu rekonstruieren, so dass ihn die Besucher im Dippser Museum für mittelalterlichen Bergbau sehen können.

© Egbert Kamprath

Niederpöbel. Wer heute erkunden will, ob an einer Stelle Erz im Boden zu finden ist, kann danach bohren, wie vergangenes Jahr in Sadisdorf und Zinnwald geschehen. Das ist zwar auch teuer, aber kein Vergleich zu dem, was die Bergleute im Mittelalter an Aufwand treiben mussten, um Erz zu finden. Im Pöbeltal haben sie hundert Jahre Stollen in den Berg getrieben und sind kaum fündig geworden. „Hundert Jahre Bergbau für fast nichts“, fasst Frank Schröder vom Landesamt für Archäologie das Ergebnis seiner Forschungsarbeiten zusammen.

Diese Erkenntnis gilt für ein Gebiet von etwa fünfeinhalb Hektar Größe. Das ist die Fläche, auf der inzwischen der Hochwasserschutzdamm in Niederpöbel aufgeschüttet wurde. Bevor diese Arbeiten beginnen konnten, hat die Bergsicherung Freital von 2009 bis 2013 das Areal auf alte Hohlräume untersucht, diese geöffnet und anschließend verwahrt. Schließlich soll im Hochwasserfall der Damm das Wasser aufhalten, das dann kontrolliert wieder abgelassen wird. Da darf nicht irgendwo im Untergrund Wasser durch einen alten Stollen um den Damm herum- oder unten durchfließen.

Das war die Chance für die Archäologen, an die alten Stollen heranzukommen, sie zu dokumentieren und Fundstücke aus dem Altbergbau zu sichern. Frank Schröder war damit betraut. Er ist Vermessungsingenieur und arbeitet beim Landesamt für Archäologie. Er war drei Jahre lang jeden Arbeitstag in Niederpöbel. Zusammen mit der Bergsicherung ist er schrittweise in den Berg gegangen. Die Mitarbeiter der Bergsicherung Freital haben Verfüllmaterial aus den Stollen herausgeschafft. Dabei haben Schröder und Sascha Lämmel, der ihn als Grabungsarbeiter unterstützte, kontrolliert, ob historisch interessantes Material dabei ist, Holzreste, Werkzeuge oder Erzstücke. Insgesamt 1 689 Fundstücke haben sie aufgenommen, der Großteil davon waren Holzreste, die im Wasser die Jahrhunderte überstanden haben.

Wenn die Bergsicherung fertig war, haben sie das Teilstück des Stollens dokumentiert und vermessen. Sie wussten, das ist ihre einzige Chance, hier heranzukommen. Vorher waren die alten Stollen zugesetzt und standen voll Wasser. Und danach haben die Bergleute die Stollen aufgeweitet, damit sie darin arbeiten konnten, und verwahrt, damit der Untergrund des Hochwasserdamms wasserdicht ist.

Die Holzreste haben den Archäologen die Möglichkeit geboten, über die Jahresringe genau zu datieren, wann es geschlagen wurde. Schnell hat sich gezeigt, dass der Bergbau im Pöbeltal ins hohe Mittelalter fiel, in die Zeit des ersten Berggeschreis. Das ist auch die Zeit, als in Dippoldiswalde der Silberbergbau in Blüte stand, aus der es aber kaum überlieferte Dokumente gibt.

Inzwischen sind die Fundstücke gereinigt, mit Laser gescannt, teilweise konserviert und ausgewertet. „Dabei haben wir bahnbrechende Beobachtungen gemacht“, sagt Christiane Hemker, Leiterin des EU-Forschungsprojekts Archaeomontan. Das wurde ins Leben gerufen, um die Bergbaufunde wissenschaftlich zu bearbeiten.

Frank Schröder kam zu dem Schluss, dass es sich in Niederpöbel um „Prospektionsbergbau“ handelte. Die Bergleute haben ihre Stollen bis zu 30 Meter in den Fels getrieben, immer in der Hoffnung, auf Erz zu treffen. Aus der Umgebung war ihnen bekannt, dass in der Gegend Erz zu erwarten war. Diese Suche haben sie ein ganzes Jahrhundert lang vorangetrieben. Das beweisen die Hölzer, die hier gefunden wurden. Die Ältesten sind im Jahr 1184 gefällt worden, die Jüngsten im Jahr 1291.

Das lässt Rückschlüsse auf die Organisation des Bergbaus in der damaligen Zeit zu. „Es bestand eine Hierarchie“, sagt Hemker. Es muss reiche Grundherrn gegeben haben, welche die Mittel hatten, um ein Jahrhundert lang diesen Bergbau zu finanzieren, obwohl der in der ganzen Zeit keinen nennenswerten Ertrag gebracht hat. Schröder vermutet sogar, dass im Umfeld ähnliche Erkundungen stattgefunden haben.

Aus der Regelmäßigkeit, wie die Stollen angelegt wurden, schließt Schröder auch darauf, dass die Bergleute hier nach den Regeln der Vermessung vorgegangen, eventuell schon durch Markscheider unterstützt worden sind.

Frank Schröder hat jetzt die Ergebnisse seiner Arbeit in einem wissenschaftlichen Katalog zusammengefasst, den das Landesamt für Archäologie Sachsen in seiner Reihe „Archaeomontan“ veröffentlich hat. Auf 250 Seiten dokumentiert er die Funde aus Niederpöbel. Aufnahmen aus den Laserscans, die genauer sind als Fotografien, zeigen die Stücke, und jedes ist beschrieben. Auf 60 Seiten wird das Vorgehen der Archäologen erklärt und mit Grafiken und Kartenskizzen verdeutlicht. Auch gibt Schröder Anregungen, in welche Richtung weiter geforscht werden sollte. So müsste es ganz in der Nähe von Niederpöbel auch eine Bergbausiedlung gegeben haben. Die hat aber bisher niemand entdeckt.

Frank Schröder: Funde aus den mittelalterlichen Bergwerken von Niederpöbel; deutsch und tschechisch, englische Zusammenfassung; 39 Euro; Verlag: Sächsisches Landesamt für Archäologie; ISBN 978-3-943770-36-0.

SZ-News jeden Tag mehrmals aktuell aufs Handy.