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Freitag, 21.09.2018

Helfen statt Gaffen

Einsatzkräfte müssen sich immer öfter gegen Schaulustige wehren. Einen Sichtschutz setzen bislang aber nur wenige ein.

Von Verena Toth, Lukas Fischer und Jan Leißner

Gaffen wird teuer

Die Hainichener Feuerwehr musste bei einem Einsatz vergangene Woche auf der Autobahn 4, wo eine Frau bei einem Unfall ums Leben kam, wegen Schaulustiger ein Sichtschutzbanner einsetzen.
Die Hainichener Feuerwehr musste bei einem Einsatz vergangene Woche auf der Autobahn 4, wo eine Frau bei einem Unfall ums Leben kam, wegen Schaulustiger ein Sichtschutzbanner einsetzen.

© E. Hoffmann

Landkreis. Blaulicht zuckt, Rettungswagen und Feuerwehr bemühen sich, sich durch eine im Weg stehende Fahrzeugkolonne auf der Autobahn schlängeln. Haben sich die Retter endlich bis zum Unglücksort vorgekämpft, müssen sie sich dann auch noch mit unvernünftigen Zaungästen und neugierigen Gaffern auseinandersetzen. Um die Unfallopfer vor solchen Schaulustigen zu schützen, müssen Rettungskräfte immer häufiger zu Hilfsmitteln greifen. So geschehen vergangene Woche bei einem Unfall auf der Autobahn 4 nahe der Anschlussstelle Frankenberg. Ein Kleintransporter war an einem Stauende auf das Auto einer 43 Jahre alten Frau aufgefahren. Sie starb noch am Unfallort. Der 19 Jahre alte Fahrer des Transporters wurde schwer verletzt.

Erstmals setzte dabei die Hainichener Feuerwehr ein Banner mit der Aufschrift „Nicht gaffen, sondern helfen“ gegen Schaulustige ein. „Zum einen dient das dem Schutz der Opfer, zum anderen wollen wir damit auch Mitglieder werben“, sagt Sandro Weiß, Wehrleiter in Hainichen. Immer wieder habe es Probleme mit Gaffern gegeben, weshalb man sich das Plakat zugelegt habe. „Auch wir denken darüber nach, so eine Plane anzuschaffen“, sagt Frankenbergs Wehrleiter Michael Knoth. Denn so wie in dem jüngsten Fall gebe es immer häufiger Schaulustige, die an Einsatzstellen langsamer als nötig fahren oder gar anhalten, um mit Handys zu filmen oder zu fotografieren. „Wir finden es schlimm, dass die Leute so reagieren, auch weil sie so den Verkehr aufhalten und weitere Unfälle provozieren“, so Knoth. Wer sich tatsächlich für die ehrenamtliche Arbeit der Rettungskräfte interessiere, solle mitmachen, statt zuschauen.

Gaffen wird teuer

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Im Bußgeldkatalog der Straßenverkehrsordnung können Gaffer und Schaulustige für ihr Fehlverhalten bestraft werden.

Das Halten auf Autobahnen kostet 30 Euro, Parken 70 Euro.

Für „Gaffen“ als Ordnungswidrigkeit können 20 bis 1000 Euro fällig werden.

Unterlassene Hilfeleistung ist dagegen eine Straftat und wird mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet.

Auch wer einen Unfall fotografiert oder filmt begeht eine Straftat und kann zu einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren verurteilt werden.

Quelle: Polizei Chemnitz

Genau das sehen auch die Ersthelfer der Rettungsfahrzeuge so, wenn sie von allzu zu neugierigen Schaulustigen belagert werden. „Die Sanitäter drücken so jemandem dann einfach etwas zum Halten in die Hand, wenn es möglich ist. Entweder ein Gaffer rennt dann davon oder er kann zumindest in dem Moment nützlich sein“, sagt Tino Gaumnitz, Leiter des DRK-Rettungsdienstes Döbeln. Die Helfer auf den Rettungsfahrzeugen könnten sich und ihre Patienten im Notfall ohnehin nicht vor Zuschauern schützen. „Wir haben keinen Platz für einen Sichtschutz auf dem Fahrzeug, und auch kein Personal, welches eine solche Plane dann festhalten könnte,“ ergänzt der DRK-Leiter.

Michael Tatz, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Mittelsachsen, begrüßt es, wenn Kommunen die Anschaffungen solcher Planen unterstützen. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass der Aufbau oder das Halten eines Sichtschutzes Einsatzkräfte binde. „Mindestens zwei Leute fehlen dann effektiv beim Einsatz.“ Dass Leute neugierig sind und bei einem Einsatz der Feuerwehr zuschauen, sei sicherlich menschlich. „Das ist auch okay, solange die Arbeit der Helfer und Einsatzkräfte nicht behindert wird“, sagt Michael Tatz. Auf jeden Fall müssen immer die Anweisungen der Einsatzkräfte vor Ort beachtet werden, macht der Verbandsvorsitzende deutlich. Wenn die Polizei Autos an einer Unfallstelle auf der Autobahn oder der Bundesstraße vorbei leitet, dann sollten die Fahrer die Gefahrenstelle auch konzentriert und angemessen schnell passieren, sagt er. Wer langsam fährt oder gar anhält nur um einen Blick zu erhaschen oder noch schlimmer eine Foto zu schießen, der gefährdet den nachfolgenden Verkehr. „Solche Folgeunfälle sind vollkommen überflüssig und müssen vermieden werden“, macht Tatz deutlich.

„Obwohl auch wir des Öfteren zu Einsätzen auf und an der Autobahn gerufen werden, haben wir bislang glücklicherweise noch nicht solche extremen Erfahrungen mit Gaffern machen müssen“, berichtet der Döbelner Wehrleiter, Brandinspektor Thomas Harnisch. Zuschauer und Neugierige gebe es immer, wenn er und seine Kameraden zum Einsatz kommen. Die Notwendigkeit, auch einen Sichtschutz anschaffen zu müssen, gebe es bislang aber nicht. Auch die Helfer der Leisniger Feuerwehr müssen meist ausrücken, wenn es auf der Autobahn gekracht hat. „Den Fall, dass wir ein Unfallopfer vor Schaulustigen schützen mussten, hatten wir zum Glück noch nicht“, bestätigt Wehrleiter Bernd Starke. Im Einsatzfall seien seine Kameraden ohnehin darauf angewiesen, dass die Polizei vor Ort dafür sorgt, dass die Helfer ihrer Arbeit ungestört nachgehen können. „Wir haben in dem Moment weder die Zeit noch die Möglichkeit, störende Zuschauer wegzuschicken“, so Starke. (mit FP)