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Dienstag, 09.10.2018

Heimplätze in Reichenbach kosten mehr Geld

Eine bevorstehende Fusion der sozialen Unternehmen ist nicht der Grund. Das Pflegepersonal soll besser bezahlt werden.

Von Anja Gail

Kristina Milewski im Martinstift Reichenbach. Die Bereichsleiterin für stationäre Altenhilfe, ist für zurzeit sechs Heime in Görlitz, Reichenbach und Hoyerswerda zuständig und kennt die Sorgen und Nöte Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen nur zu gut.
Kristina Milewski im Martinstift Reichenbach. Die Bereichsleiterin für stationäre Altenhilfe, ist für zurzeit sechs Heime in Görlitz, Reichenbach und Hoyerswerda zuständig und kennt die Sorgen und Nöte Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen nur zu gut.

© Nikolai Schmidt

Reichenbach. Wer seinen Lebensabend im Pflegeheim verbringt, möchte dort nicht nur gut versorgt sein. Die Sorge um die Finanzierbarkeit eines Platzes oder damit verbundene Belastungen für die Familie sollen dabei möglichst keine Rolle spielen. Diese Gedankengänge von Senioren sind Kristina Milewski von der Stiftung Diakonie Görlitz-Hoyerswerda gut bekannt. Genauso wie die damit verbundenen Ängste und Nöte. Als Geschäftsbereichsleiterin für stationäre Altenhilfe mit zurzeit sechs Heimen in Görlitz, Reichenbach und Hoyerswerda hat sie oft damit zu tun. Sie kann viele Befürchtungen entkräften und Hintergründe erklären. Im Sommer sind zum Beispiel die Heimplätze im Martinstift in Reichenbach spürbar teurer geworden. Seitdem gab es auch die Vermutung, dass die Ursache in der bevorstehenden Fusion mit dem Martinshof Rothenburg Diakoniewerk liegt. Ab 2019 verschmelzen beide Unternehmen zur Stiftung Diakonie St. Martin. „Wir arbeiten bereits eng zusammen“, bestätigt Pressesprecherin Doreen Lorenz. Doch die Fusion ist nicht der Grund für die Preiserhöhung.

Preiserhöhung soll Situation und Gehälter des Pflegepersonals verbessern

Seit Juli müssen Bewohner im Reichenbacher Altenpflegeheim monatlich einen Eigenanteil von reichlich 1 567 Euro bezahlen. Vorher waren es etwas über 1 207 Euro. Das sind 360 Euro mehr im Monat. Damit werden gestiegene Kosten und höhere Personalausgaben im Heim gedeckt. So verfügt das Martinstift jetzt nicht nur über mehr Beschäftigte. Sie sind auch finanziell besser gestellt, da ihre Gehälter nach dem Tarif der Diakonie Sachsen gezahlt werden. Das war vorher nicht so. Hintergrund für diese Lohnsteigerungen sind Tarifverhandlungen im Pflegebereich. Sie sollen helfen, Personal zu gewinnen und zu halten. Die Stiftung Diakonie sieht sich für ihre Mitarbeiter in dieser Verantwortung und hat die Erhöhungen vereinbart. „Die Veränderungen betreffen nicht nur die Gehälter, sondern auch die Arbeitssituation“, erklärt Kristina Milewski. Die Beschäftigen sollen gern auf ihre Arbeit kommen und Belastungen ausgleichen können. Ob künftig tatsächlich auch der Pflegeschlüssel weiter verbessert wird, ist bislang offen. Seit Anfang 2017 laufen Verhandlungen zwischen Leistungserbringern und Geldgebern, um einen besseren Personalschlüssel in der Pflege zu erreichen. Sachsen besitzt einen der schlechtesten Pflegeschlüssel bundesweit, Deutschland hinkt vor allem den skandinavischen Ländern hinterher.

Kosten für einen Platz liegen in kleinen Heimen oftmals höher als in großen

Die Kosten für einen Heimplatz setzen sich so wie in Reichenbach aus mehreren Positionen zusammen. Das sind die Ausgaben für die Pflege je nach Pflegegrad, für Unterkunft und Verpflegung, für Investitionen und für die Ausbildungsvergütung. Die Leistung der Pflegeversicherung richtet sich nach dem jeweiligen Pflegegrad. Sie liegt zwischen 770 Euro bei Grad zwei und 2 005 Euro bei Grad fünf. Damit werden Grundpflege, Behandlungspflege und Betreuung finanziert. Beim Preis für einen Heimplatz sind die Pflegekosten unabhängig vom jeweiligen Grad für alle Bewohner in Reichenbach mit 711,52 Euro ausgewiesen. Bei mehr benötigten Pflegeleistungen liegt der Zuschuss der Pflegekasse höher, sodass sich das für den Heimbewohner ausgleicht. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Investitionen, Ausbildungsvergütung und gewünschte Zusatzleistungen, die ebenfalls Bestandteil des Gesamtpreises von rund 1 567 Euro sind, müssen über die Rente finanziert werden. Die Stiftung Diakonie informiert ausführlich über Kosten und Preise im Internet. Die Eigenanteile pro Platz sind von Heim zu Heim unterschiedlich. Während Bewohner in Reichenbach 1 567,54 Euro im Monat zahlen, sind es 1 233,23 Euro im Altenpflegeheim Goldener Stern in Hoyerswerda und 1 643,91 Euro im Bethanien in Görlitz. Pauschal könne man sagen, dass die kleinen Häuser oftmals höhere Kosten bestreiten müssen, erklärt Kristina Milewski. Der Aufwand sei unabhängig von der Bewohnerzahl an einigen Stellen genauso hoch und auch die Betriebskosten für das jeweilige Gebäude wirken sich aus. Bethanien zum Beispiel zählt nur 36 Plätze, Hoyerswerda hingegen 92. Auch Reichenbach gehört mit 80 Plätzen zu den großen Heimen. Bei der Entscheidung für einen bestimmten Ort sind für Pflegebedürftige und Angehörige noch mehr Punkte ausschlaggebend.

Für erhöhte Preise muss zuerst der Pflegebedürftige aufkommen

Laut einer bundesweiten Studie der Ber-thelsmann-Stiftung zur Pflegeinfrastruktur konnten sich vor zwei Jahren viele pflegebedürftige Senioren einen Heimplatz nicht leisten. Demnach lag der Eigenanteil in 44 Prozent aller Städte und Landkreise der BRD über dem durchschnittlichen Budget von Senioren im Alter von über 80 Jahren. Diese Feststellung traf bislang so aber nicht auf Ostdeutschland zu. Hier war die Finanzierung eines Heimplatzes meistens kein Problem. Als Grund für die starken regionalen Unterschiede sah die Studie die unterschiedliche Vergütung der Pflegekräfte an. Das Gefälle wird jetzt durch Lohnsteigerungen zumindest etwas abnehmen. Dennoch, so erklärt Kristina Milewski, muss in Ostsachsen niemand befürchten, einen Heimplatz nicht finanzieren zu können. Wenn die Rente nicht ausreicht, wird zuerst geprüft, ob der Pflegebedürftige Vermögen besitzt, das über einen gewissen Selbstbehalt hinausgeht. Generell gilt, es muss alles genutzt werden, um die Heimrechnung zu bezahlen. Wohnt der Ehepartner noch im gemeinsamen Haus, muss er das Haus nicht zwingend verkaufen. Das Sozialamt geht in Vorleistung. Es kann Sozialhilfe bewilligen, um die Differenz auf der Heimrechnung auszugleichen. Außerdem steht dem Heimbewohner ein Taschengeld von monatlich 112,32 Euro zu. Bevor das Sozialamt einem Antrag stattgibt, prüft es auch die Verhältnisse der Kinder. Diese können gegenüber ihren Eltern unterhaltspflichtig sein. Die Sicherung der eigenen Familie der Kinder geht dabei aber vor. Es werden verschiedene Selbstbehalte hinzugezogen. Dazu finden Interessenten einen Rechner im Internet und Beratungsangebote in allen Altenhilfeeinrichtungen.

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