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Samstag, 15.09.2018

Häftling 74254/47 ging freiwillig in den Tod

... und rettete damit das Buchenwald-Kind, dessen Geschichte untrennbar mit Hoyerswerda und Willy Blum verknüpft ist.

Von Uwe Jordan

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Lesung von Annette Leo aus „Das Kind auf der Liste“ in der Thalia Buchhandlung im Lausitz-Center Hoyerswerda am 12.September um 20 Uhr. In Anschluss entspann sich eine rege Diskussion – auch zu tagesaktuellen Themen wie „Chemnitz“.
Lesung von Annette Leo aus „Das Kind auf der Liste“ in der Thalia Buchhandlung im Lausitz-Center Hoyerswerda am 12. September um 20 Uhr. In Anschluss entspann sich eine rege Diskussion – auch zu tagesaktuellen Themen wie „Chemnitz“.

© Kelly Kittel

Annette Leo in Spremberg, Lesung zur Strittmatter-Biographie.
Annette Leo in Spremberg, Lesung zur Strittmatter-Biographie.

© Kelly Kittel

Cover. Das Foto zeigt das einzige bekannte Bild von Willy Blum (im hellen Kreis).
Cover. Das Foto zeigt das einzige bekannte Bild von Willy Blum (im hellen Kreis).

© Kelly Kittel

Hoyerswerda. Eine der berührendsten Geschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus ist die in Bruno Apitz‘ Roman „Nackt unter Wölfen“ erzählte des polnischen Kindes Jerzy Zweig; das im Konzentrationslager Buchenwald bis zur Befreiung 1945 überlebte – dank der bis zur Selbstaufgabe gehenden Hilfe politischer Häftlinge. Doch wie immer gibt es eine Geschichte hinter der Geschichte. Nur: Wer erinnert sich ihrer?, wer erzählt sie?, wer bewahrt sie auf?

Diese Geschichte immerhin, in der Hoyerswerda eine vermeintliche Nebenrolle spielt, ist aufbewahrt worden – von Dr. Annette Leo (*1948 in Düsseldorf). Sie hat sich für unsere Region (und vor allem: die Wahrheit!) bleibende Verdienste erworben mit ihrer unvoreingenommen sachlichen Erwin-Strittmatter-Biographie, erschienen 2012, in der Zeit der größten Hetze gegen den unter nie bewiesenen SS- und Kriegsverbrechen-Verdacht gestellten Lausitzer Schriftsteller („Der Laden“).

Vergessenes Kapitel Stadtgeschichte

Mit „Das Kind auf der Liste – Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie“ hat sie jetzt, 2018, ein neuerliches Stück spannender Geschichtsschreibung im besten Sinne vorgelegt – und stellte es bei einer Lesung in der Hoyerswerdaer Thalia-Buchhandlung (im Lausitz-Center) am vergangenen Mittwoch, dem 12. September, vor. Ein gutes Viertelhundert Hoyerswerdaer hörte am späten Abend zu, wie ein vergessenes Kapitel Stadtgeschichte wieder lebendig wurde; eine Randnotiz der großen Chronik der Zeitläufte, aber in ihrer unbestechlichen Genauigkeit und Fundiertheit eine bessere Beschreibung des Gewesenen als manche dramatische, dickleibige, gut gemeinte Schrift, der zu bescheinigen bleibt: „... und wenn sie auch die Absicht hat, den Freunden wohlzutun, so fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“ (Johann Wolfgang von Goethe, „Torquato Tasso“).

Nummer 200

Ganz anders Annette Leo. Zu ihrem Buch wurde sie inspiriert, als die „Nackt-unter-Wölfen“- und Buchenwald-Betrachtung zwar immer wieder die zweifellos dramatische, erschütternde Geschichte des Jerzy Zweig in Erinnerung ruft, dabei aber Willy Blum mit keinem Wort erwähnt; an keiner Stelle, nirgends. Dabei hätte es ohne Willy Blum kein Kind von Buchenwald gegeben. Denn Jerzy Zweig stand schon als Nummer 200 auf der „Transportliste“ derjenigen 200 Kinder und Jugendlichen, die am 25. September 1944 von Buchenwald nach Auschwitz überstellt werden sollten – eine Fahrt in den sicheren Tod, in die Gaskammern. Doch sein Name ist gestrichen; im folgenden Zusatzblatt jener Todesliste findet sich die Bemerkung: „Als Ersatz für laufende gestrichene Nummern: 200 74524 (handschriftlich verbessert «254») Blum, Willy“. Also trat Willy Blum anstelle von Jerzy Zweig den Weg in den Tod an.

Vorwurf des „Opfertauschs“

Warum? Hatte ein „Kapo“, ein politischer Häftling mit Verwaltungsaufgaben, zugunsten seines Schützlings Zweig einen „Opfertausch“ vorgenommen; ihn vor der Deportation geschützt und Blum dem Verderben überantwortet? Dieser Verdacht blieb lange im Raum stehen und führte schließlich dazu, dass Jerzy Zweig später der Gedenkstätte Buchenwald gerichtlich untersagen lassen wollte, „den Vorgang, in dessen Verlauf Willy Blums Name an seiner Stelle auf die Transportliste gesetzt worden war, als «Opfertausch» zu bezeichnen. Es ist nur all zu verständlich, dass er damit die quälende Vorstellung abzuwehren versuchte, das eigene Leben dem Tod eines anderen zu verdanken“, schreibt Annette Leo in der Einleitung („Die Nummer 200 auf der Liste“) ihres Buches. Dieser Band verschafft, wie sich erweisen wird, der historischen Wahrheit ihr Recht.

Aber – wer war Willy Blum? Und was verband ihn mit Hoyerswerda? Nun, die Familie Blum war eine seit mehreren Generationen durch Deutschland fahrende Schaustellerfamilie. Zwar seit Jahrhunderten in Deutschland lebend und christlich assimiliert und getauft, gehörte sie doch zur Minderheit der Sinti, damals „Zigeuner“ geheißen. Vater Aloys war „Theaterdirektor“; Besitzer eines Marionettentheaters.

Liberal-preußisches Hoyerswerda

Die Kinder der reisenden Familie(n) wurden meist an Tournee-Orten geboren; so auch Willy Blum im Juni oder Juli 1928 im Harzstädtchen Rübeland. Später verschlug es die Familie nach Dresden. Als die Nazis an der Macht waren, wurde die Lage für die Sinti schwieriger denn je. Der Wandergewerbeschein, unerlässlich zur Ausübung des Gewerbes, wurde vielfach nicht verlängert; die Familien wurden „festgeschrieben“, durften den Ort nicht verlassen und wurden vom Arbeitsamt zu schlecht bezahlten, schweren Hilfsarbeiten verpflichtet. Bei Nichtbefolgung wanderte man als „Asozialer“ und Arbeitsscheuer“ ins Gefängnis, später in die einschlägigen Lager.

Aloys Blum hatte das sächsische Dresden allerdings noch vor dem drohenden Berufsverbot verlassen: 1938 zog die Familie mit Sack und Pack, mit Theater und Wagen, mit zehn Kindern in die liberalere preußische Provinz Niederschlesien um: nach Hoyerswerda. Hier war es anfangs besser: Blum konnte, wie er später erklärte, sein Gewerbe bis 1942 ausüben und im Umkreis mit seinem Marionettentheater reisen – was dafür spricht, dass er von der Stadt Hoyerswerda einen Wandergewerbeschein erhalten hatte. Seine Ehefrau Toni Blum wird im Hoyerswerdaer Adressbuch von 1939 als „Händlerin“ mit der Adresse „Burgplatz 4“ geführt, und die Kinder der Blums konnten die Schule besuchen: Willy Blum, auf Grund seiner kräftigen Statur „Masengro“ („Fleischer“) genannt, und sein jüngerer Bruder Rudolf die evangelische Knabenschule (heute Grundschule Am Park), ihre Schwester Dora die Volksschule (die benachbarte spätere Musikschule). In Nazideutschland war es nunmehr unstatthaft, dass Sinti-Kinder die Schule besuchen durften, doch in Hoyerswerda sah man das offenbar anders. Sogar mit der Polizei lebten die Blums in gutem Einvernehmen.

Das Drama begann 1942

Doch 1942 änderte sich alles dramatisch. Aloys Blum wurde im Februar „aus rassischen Gründen“ das Gewerbe gesperrt, am 8. Mai wurde er verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis im Hoyerswerdaer Schloss eingeliefert. Am 5. Juli wurde er in Auschwitz als Häftling registriert. Anfang März mussten Toni Blum, ihre Kinder und Enkelkinder sowie ihr Schwiegersohn den Weg nach Auschwitz antreten; auch Willy und Rudolf. Anfang August 1944 wurden Aloys Blum und seine Söhne Willy und Rudolf nach Buchenwald überstellt. Gewiss auch eine Vorhölle auf Erden, aber doch kein Vergleich zum Todeslager Auschwitz. Es schien sogar, als ob Willy Blum doppelt Glück hätte: Er wurde neben anderen Arbeiten dazu angestellt, dem Bären des KZ-Zoos (ja, den gab es!), an dem die SS-Leute und nur die ihre Freude hatten, seinen täglichen Eimer Honig zu bringen. So hätte er überleben können, doch am 23. September wurde auf der Schreibstube ein Transport von 200 Kindern und Jugendlichen nach Auschwitz zusammengestellt. Auf der Liste: Rudolf Blum. Nicht Willy. Doch sein kleiner Bruder habe so sehr nach ihm gerufen, „dass es ihm das Herz gebrochen“ habe, wie ein Zeuge erzählt, und obwohl Willy Blum im Gegensatz zu seinem Bruder wusste, dass es eine Fahrt in den Tod sein würde, habe er sich „freiwillig“ gemeldet. Im Dokument des Lagerarztes von Buchenwald mit Datum 23. September 1944 steht lapidar: „Die Häftlg. 41983/47 Bamberger W. und 74254/47 Blum W. wollen auf Transport mit ihren Brüdern, wogegen keine Bedenken bestehen.“ Da jedoch die Zahlen stimmen mussten, wurde für den neu hinzugekommenen Willy Blum der letzte auf der Ur-Liste gestrichen, Nummer 200 – und das war eben Jerzy Zweig, der durch diesen Zufall den Gaskammern entging. Die Blum-Brüder nicht.

Die Blums hatten sich bei ihrer Verhaftung versprochen: „Wer überlebt, kommt nach Hoyerswerda“. Und so fanden sich im Mai/Juni 1945 alle Blums, die wie durch ein Wunder überlebt hatten, wieder in Hoyerswerda ein – bis auf Willy und Rudolf. Aber sie blieben nicht lange: Bei Nacht und Nebel flohen sie; wie Aloys Blum 1955 erklärte, weil die Bedrohungen durch die russischen Soldaten unerträglich geworden seien – bis hin zu körperlichen Misshandlungen und Vergewaltigungen der Töchter.

Eine Tafel im Museum Hoyerswerda

Mit diesem Nachspiel könnte die Geschichte der Blums auserzählt sein; aber Annette Leo fügt ein höchst aufschlussreiches Kapitel an, in dem sie den entwürdigenden, langen und erst spät erfolgreichen Kampf der Blums und vieler anderer Sinti um eine Entschädigung schildert.

Und Hoyerswerda? Im Stadtmuseum im Schloss (in dem Aloys Blum inhaftiert war), in der Ausstellung „Lehrreich“, soll in absehbarer Zeit eine Gedenktafel für Willy Blum gezeigt werden – die Tafel, mit deren Ankündigung Annette Leos Buch schließt.

„Das Kind auf der Liste – Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie“ (Autorin Annette Leo); aufbau-Verlag 2018, ISBN 978-3-7466-3431-9, 10 Euro, unter anderem bei Thalia im Lausitz-Center Hoyerswerda erhältlich.