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Freitag, 27.07.2018

Grübeln über die Sinnfrage

Von Daniel Klein

Vor zwie jahren absolvierte Martin Wolfram bei den Olympischen Spielen in Rio seinen letzten großen Wettkampf vom Turm. Foto: dpa/Felix Kästle
Vor zwie jahren absolvierte Martin Wolfram bei den Olympischen Spielen in Rio seinen letzten großen Wettkampf vom Turm. Foto: dpa/Felix Kästle

© dpa

Gern hätte Martin Wolfram mal über Salti, Drehungen und Medaillenhoffnungen gesprochen. Ganz banal also über seinen Sport, das Wasserspringen. Und über den Jahreshöhepunkt, die Europameisterschaften im schottischen Edinburgh, die in anderthalb Wochen beginnen. So, wie es am kommenden Montag das Dresdner EM-Trio Tina Punzel, Louisa Stawczynski und Timo Barthel bei einem Pressegespräch machen werden. Wolfram wird bei diesem Termin fehlen. Mal wieder.

Er kann stattdessen erneut nur über seinen lädierten Körper reden und über orthopädische Fachbegriffe wie Gleitwirbel. „Ich habe ja Übung darin“, sagt er. Manchmal hilft nur noch Galgenhumor. Die Leidensgeschichte des 26-Jährigen droht zu einer unendlichen zu werden, und sie begann 2012 bei den Olympischen Spielen in London, als er sich mitten im Finale vom Zehnmeter-Turm eine Schulter auskugelte und trotzdem noch Achter wurde. Nach EM-Gold 2015 und dem fünften Platz bei Olympia 2016 gehörte Wolfram zu den Weltbesten in seinem Metier mit besten Aussichten auf viele Medaillen.

Keine Wettkämpfe im Vorjahr

Doch der Auftritt bei den Spielen in Rio de Janeiro war bis heute sein letzter bei internationalen Titelkämpfen. 2017 bestritt er keinen einzigen Wettkampf und nun verpasst er erneut den wichtigsten des Jahres. Dreimal wurde Wolfram bereits an den Schultern operiert, 16 Narben hat er dort. Diesmal aber schmerzt es im Rücken.

„Ich habe einen Gleitwirbel im Lendenbereich, daraus resultierend eine muskuläre Dysbalance, und die schränkt meine Bewegungsfreiheit extrem ein“, erklärt er. „An Springen ist derzeit nicht zu denken.“ Unmittelbar vor dem Grand Prix in Bozen vor drei Wochen wurden die Schmerzen immer schlimmer. Zwar kann da gezieltes Training der Rückenmuskulatur helfen, „aber die Zeit bis zur EM ist einfach zu kurz“, erklärt der Dresdner. Also musste er absagen. „Das zu verdauen, hat schon eine Weile gedauert. Doch ich versuche, mich nicht runterziehen zu lassen.“ Das, gesteht er, wird immer schwieriger. In seiner Paradedisziplin vom Turm ist Wolfram seit Rio überhaupt nicht mehr gesprungen, weil aus dieser Höhe die Belastungen für die Schultern beim Eintauchen am höchsten sind. Er konzentriert sich längst aufs Dreimeter-Brett, beim Grand Prix im Mai im kanadischen Calgary wurde er im Vorkampf Vierter, war, wie er selber sagt, auf einem richtig guten Weg. „Aber im Finale konnte ich dann nicht mehr antreten – der Rücken.“

Wolfram würde gerade dringend gebraucht bei den deutschen Wasserspringern. Sascha Klein hat seine erfolgreiche Karriere beendet, Patrick Hausding möchte sich auf die Brettkonkurrenzen konzentrieren. Die Lücke auf dem Turm, der Königsdisziplin im Wasserspringen, ist groß, und ob sie Wolfram irgendwann füllen kann, fraglich.

Gedanken über seine Zukunft macht er sich schon länger. Seinen Abschluss als Fachangestellter für Bäderbetriebe hat er längst, im vergangenen Jahr schloss er einen Lehrgang mit einem B-Trainer-Schein ab. „Ich bleibe dem Wasserspringen also auf jeden Fall erhalten – so oder so“, sagt er. Finanziell abgesichert ist er durch die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Seine Stelle dort darf er behalten, obwohl er zwei Jahre in Folge die Jahreshöhepunkte verpasst. „Das ist nicht selbstverständlich, deshalb bin ich da auch sehr dankbar“, sagt er. Ein Ultimatum setzt er sich selber: „Wenn ich im kommenden Jahr die WM verpassen sollte, dann hat es keinen Sinn mehr.“

Trost findet er bei seiner neuen Liebe, die ebenfalls aus dem Wasserspringen kommt und in Rostock den Nachwuchs trainiert. Während der EM zieht sie nach Dresden, um hier zu studieren. Wolfram will ihr dabei helfen. Nur aufs Kistenschleppen verzichtet er: der Rücken.