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Mittwoch, 10.10.2018

Größter Wolfsriss im Landkreis

Vermutlich zwei Rudel Wölfe haben 40 Schafe und Ziegen im Biosphärenreservat getötet. Nicht alle Tiere sind bisher gefunden.

Von Steffen Gerhardt

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Wagner kümmert sich in der Naturschutzstation um die Schafe und Ziegen. In der Nacht zu Dienstag fielen Wölfe in eine gesicherte Herde von Schafen und Ziegen ein. Mindestens vierzig Tiere wurden getötet.
Wagner kümmert sich in der Naturschutzstation um die Schafe und Ziegen. In der Nacht zu Dienstag fielen Wölfe in eine gesicherte Herde von Schafen und Ziegen ein. Mindestens vierzig Tiere wurden getötet.

© André Schulze

Eine schaurige Strecke an toten Schafen, die vor dem Stall, in dem sie sonst untergebracht sind, abgelegt worden sind. Alle Tiere sind noch nicht gefunden.
Eine schaurige Strecke an toten Schafen, die vor dem Stall, in dem sie sonst untergebracht sind, abgelegt worden sind. Alle Tiere sind noch nicht gefunden.

© André Schulze

Kraftfahrer sind darüber verwundert, zu früher Morgenstunde am Dienstag umherirrende Schafe auf der Straße zwischen Förstgen und Tauer anzutreffen. Sie riefen beim zuständigen Schäfer der in Förstgen ansässigen Naturschutzstation an. Felix Wagner berichtet: „Schnell wurde uns klar, dass die Tiere nicht grundlos ausgebüxt sind. Einige Schafe hatten Verletzungen und bluteten am Kehlkopf, andere lagen bereits tot in der Gegend.“ Zusammen mit seinem Kollegen Gerald Starke fuhr der junge Schäfer das Gebiet um die Koppel im ehemaligen Armeeübungsgelände Dauban ab. Es häuften sich die Tierkadaver, die die Mitarbeiter und Helfer der Naturschutzstation einsammelten. Dass hier Wölfe am Werk waren, ist den beiden Männern von Anfang an klar. „Zudem haben wir an dem Morgen insgesamt fünf Wölfe gesehen, einige fraßen noch an den Schafen“, berichtet Gerald Starke über sein jüngstes und grausamstes Wolferlebnis.

Herde mit 139 Muttertieren

Die Leiterin der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz, Annett Hertweck, spricht von 139 betroffenen Schafen, die als Muttertiere auf der Koppel über Nacht waren. Nach dem Wolfsangriff suchten sie das Weite. Die gestrige Bilanz fiel am Abend so aus: Fast 40 verendete Schafe und Ziegen. Damit ist das der bisher größte Wolfsriss im Landkreis Görlitz. In der Oberlausitz wird dieser nur von dem Vorfall in Schwepnitz (Landkreis Bautzen) überboten. Am 22. Februar 2016 wurden durch Wölfe 70 Schafe und drei Ziegen gerissen.

Rund 60 Schafe sind am Dienstag wieder eingefangen und in den Stall nach Förstgen gebracht worden. Schäfer Wagner ergänzt, dass ein Drittel von ihnen selbst den Weg in den Schafstall gefunden hatte. „Wir haben festgestellt, dass die Herde sehr unruhig ist, schon das kleinste Geräusch verunsichert die Tiere“, erzählt Felix Wagner. Selbst vor den Ziegen, mit denen sie aufgewachsen sind, haben die Schafe jetzt Angst. Felix Wagner konnte das beobachten: „Die Schafe rannten vor einer unserer Ziegen weg, obwohl diese nur Anschluss an die Herde suchte.“

Hinzu kommt, dass die Mutterschafe, wie es der Name schon sagt, für neuen Nachwuchs sorgen sollen. Nicht wenige sind schon trächtig. Deshalb ist der Schaden bei den getöteten Schafen doppelt so hoch, weil auch das Ungeborene im Schafsleib Opfer des Wolfes wurde. Annett Hertweck kann den wirtschaftlichen Schaden nach dieser Wolfsattacke noch nicht beziffern. „Wir müssen erst analysieren, wie hoch die Verluste sind, wie viele Tiere tot beziehungsweise verletzt sind“, sagt sie.

Die Herde wurde schon einmal vom Wolf attackiert. Am 17. Dezember 2017 lagen morgens acht tote Tiere auf der Weide, 29 Schafe blieben verschwunden. Auch hier handelte es sich um trächtige Mutterschafe. „Wir warten noch heute auf die Entschädigung für die getöteten Tiere“, sagt Annett Hertwick – und auch für die verlorenen Tiere, die bisher als Wolfsschaden vom Land nicht anerkannt werden.

Den Vorwurf, dass die Tiere ungeschützt auf der Koppel standen und somit leichte Beute für den Wolf sind, lassen die Mitarbeiter der Naturschutzstation nicht gelten. „Wir haben einen besseren Schutz als es der Gesetzgeber verlangt“, sagt Schäfer Wagner. Statt geforderten 90 Zentimetern ist der Elektrozaun um die Koppel 110 Zentimeter hoch und mit einem Durchgrabungsschutz versehen. Den ersten Erkenntnissen nach sind die Wölfe gegen beziehungsweise über den Zaun gesprungen. „Wir vermuten, dass hier zwei Rudel unterwegs auf Nahrungssuche waren“, sagt Felix Wagner. Nach der Wolfsattacke haben die Tiere im ganzen Biosphärenreservat Zuflucht gesucht beziehungsweise wurden von den Wölfen gejagt. Die Nutztiere haben normalerweise als „Rasenmäher“ auf den Wiesen ihren Einsatz.

Dass die Tiere vorschriftsmäßig gesichert waren, bestätigte gestern Nachmittag das Kreisforstamt. „Der Halter der Herde, die Naturschutzstation ,Östliche Oberlausitz’, hatte seine Weideflächen vorschriftsmäßig mit Flexinetz-Elektrozäunen in einer Höhe von 1,10 Meter gesichert“, teilt das Amt in einer Pressemitteilung mit. Weiter heißt es: Die Rissbegutachtung erfolgt derzeit, sodass noch keine endgültigen Zahlen der toten Tiere genannt werden können. „Es wird davon ausgegangen, dass mindestens vier Wölfe an dem Angriff beteiligt waren“, so Landkreis-Sprecherin Franziska Glaubitz.

Wolfentnahme wird geprüft

Zudem informierte das Kreisforstamt das Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft über den Vorfall. „Im Rahmen der derzeitigen Untersuchung wird die Möglichkeit einer Entnahme geprüft“, so die Sprecherin.

Bis zur Dunkelheit wurde am Dienstag von den Mitarbeitern und Helfern das Gebiet im Biosphärenreservat abgesucht. Nicht alle 139 Schafe waren an dem Tag auffindbar. Rund 50 Tiere sind am Abend noch vermisst gewesen. Die Suche muss also weitergehen und schließt die Bitte an die Bevölkerung ein, herrenlose Schafe oder Ziegen, die auch verletzt sein können, der Naturschutzstation zu melden.

www.foerderverein-oberlausitz.de