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Dienstag, 11.09.2018

Gewerbegebiet statt Kriegsgebiet

Von Jonas Gerding

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© - keine Angabe im huGO-Archivsys

Illustration: Malte Knaack
Illustration: Malte Knaack

© - keine Angabe im huGO-Archivsys

Auch wenn sich Stefan Reum den Wunsch nach einem Job in der Raumfahrt bereits früh abschminken musste, ist aus seinem Traum vom Fliegen doch noch etwas geworden. Wobei der 50-Jährige auch dabei den Boden unter den Füßen nicht verliert. Er lässt eine Drohne aufsteigen, ausgestattet mit einer Kamera, um hochwertige Fotos zu schießen. „Diese Perspektive kommt natürlich viel besser an als ein Bild von Google Maps“, sagt er über die Luftaufnahmen, für die seine Agentur VidPicMedia unter anderem von Immobilienfirmen beauftragt wird.

Etwa 600 000 Drohnen dürften im Jahr 2017 hierzulande im Einsatz gewesen sein, gut ein Drittel mehr als im Vorjahr, schätzt die Deutsche Flugsicherung. Während manchem Laien die unbemannten Flugobjekte nicht ganz geheuer sind, müssen sich die Piloten vor strengen Auflagen in Acht nehmen, durch die Unfälle vermieden werden sollen. Den aufwendigen Papierkram nimmt ihnen nun das Leipziger Start-up FlyNex ab, das eine App entwickelt hat, mit der sich die Flüge planen lassen. Sie wollen die Zukunftstechnologie nicht nur unter Hobby-Tüftlern verbreitet sehen, sondern ihr zum Durchbruch im Alltag kleiner und mittelständiger Unternehmen verhelfen.

Seit vergangenem Herbst macht die sogenannte Drohnen-Verordnung bundesweit strikte Vorgaben: Wiegt eine Drohne beispielsweise mehr als zwei Kilogramm, muss ein spezieller Führerschein vorgelegt werden. Bei Flügen über 100 Metern Höhe ist sogar eine Aufstiegserlaubnis einzuholen. Und Verbotszonen über Bahnhöfen, Flugplätzen und Industriegeländen sind ohne Ausnahmeerlaubnis ohnehin tabu. „FlyNex ist da eine große Hilfe“, sagt Reum über die App. „Wirklich super, weil ich so Verbotszonen sehen kann“.

Seine Ursprünge hat FlyNex dort, wo der Einsatz von Drohnen besonders sensibel ist: im Krieg in Afghanistan. Drei der vier FlyNex-Gründer kennen sich von der Bundeswehr. Einer von ihnen ist Andreas Dunsch. Der 35-Jährige kann davon erzählen, wie sie Drohnen in Gebiete geflogen haben, um Gefahren zu identifizieren: „Wir wissen, wie nützlich Drohnen sein können, und das wollten wir auf das Zivile übertragen“. In Deutschland mangelte es an einheitlichem Kartenmaterial, erkannten sie schnell. Dabei ließen sich die nötigen Luft- und Bodeninformationen aus verschiedenen Karten technisch gut zusammenführen. Und so holten sie sich einen Programmierer an Bord und gründeten 2015 Flynex.

70 000 Nutzer hätten sie bereits, sagt Dunsch. Eine kostenfreie Version bietet eine Karte, die mit bunten Feldern Verbotszonen und jene Areale markiert, für die es bestimmte Genehmigungen braucht. Der Nutzer erfährt, an welche Behörde er sich mit dem Antrag wenden muss. „Das ist jedoch keine Service-Hotline“, scherzt Dunsch, „sondern wie beim Finanzamt, wo man ja auch keine ausführliche Steuerberatung bekommt“. Auch deshalb verlangen sie für die kostenpflichtige Version 4,95 Euro im Monat. Dort lassen sich umfangreiche Projekte anlegen und Antragsunterlagen automatisch als PDF ausdrucken.

Zudem gibt es für Dienstleister wie den Fotografen Reum die Option, gleichzeitig auch seinen Kunden Zugang zu einem Projekt zu geben. „So können manche Firmen von den Vorteilen der Technologie profitieren ohne zwangsläufig selber teure Drohnen anschaffen und Personal schulen zu müssen“, sagt Dunsch. Ersten größeren Firmen wie dem Leipziger Verbundnetz Gas (VNG) bietet FlyNex mittlerweile auch maßgeschneiderte Beratungslösungen an.

Als Abteilungsleiter für den Bereich Innovation und Technologie der Handwerkskammer Dresden ist Ulrich Goedecke in engem Kontakt mit etlichen Betrieben. „Es gibt viele, die sich noch nicht wirklich mit Drohnen beschäftigt haben“, räumt er ein, folgert daraus jedoch ein großes Potenzial – unter anderem für Installateure, Innenausstatter und Gebäudereiniger. „Aber auch als Dachdecker kann ich die Schäden eines Dachs dokumentieren, ohne gleich draufsteigen zu müssen“, sagt er. Und mit sinkenden Kosten für die praktischen Flugobjekte sinke auch die Hürde für den Einsatz. Teilweise würden schon Drohnen zu Preisen unter 2 000 Euro gute Luftaufnahmen liefern.

Noch passt das FlyNex-Team in eines der Büroräume der Spinnerei Leipzig, einem umfunktionierten Werksgelände, das Start-ups und Künstler bezogen haben. Dunsch selbst kommt aus Halle, die anderen Mitstreiter von weiter her. Das Unternehmen gründeten sie in Hamburg, bevor sie 2017 im SpinLab, einem Start-up-Förderprogramm in der Spinnerei aufgenommen wurden. Auch wenn ein Teil der 19 Mitarbeiter noch im Hamburger Büro arbeitet, haben sie den Hauptfirmensitz nach Leipzig verlegt. Es war unter anderem der Technologiegründerfonds Sachsen, der sie mit der siebenstelligen Summe versorgte, mit der sie nun ihr Produkt von Leipzig aus verbessern.

Wer hier mit Drohnen fliegen will, muss einige Hürden nehmen, wie Dunsch auf seinem Laptop zeigt: Die Spinnerei liegt in einem Gewerbegebiet. Direkt nebenan verlaufen Straßen, Bahngleise – und auch vom Verwalter des Areals muss eine Erlaubnis eingeholt werden. Immerhin: Den kennen sie gut.

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