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Samstag, 10.11.2018

Gesellige Wesen oder egoistische Selbstdarsteller?

Von Anja Wallner

Hoyerswerda. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, ein zoon politikon, das wusste schon der alte Aristoteles. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Schön zu erleben war das am Donnerstagabend zur After Work Lounge im rappelvollen Café Auszeit der KulturFabrik: Menschen, die sich unterhielten, gemeinsam lachten, vielleicht neue Bekanntschaften machten. Gegenüber im Saal ging es auch um den Menschen und menschliche Beziehungen – speziell bezogen auf unsere globalisierte, digitalisierte Welt. „Kontrovers vor Ort“ hieß die Veranstaltung in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung und der Volkshochschule Hoyerswerda. Als Diskussionsgrundlage für die rund 30 Besucher diente die zum Einstieg gezeigte Dokumentation „Megatrends im Dialog – Wie werden wir sein?“ Die 30- minütige Episode gehört zu einer fünfteiligen Reihe des TV-Senders ARD alpha, die sich mit Zukunftsfragen beschäftigt – mit der künftigen Arbeit, dem Leben, dem Wohnen ...

Moderator Alexander Thamm bespricht darin mit Wissenschaftlern und Experten eine Welt im Wandel.

Der Mensch ein gesellschaftliches Wesen? Laut der Dokumentation ist der Mensch durch das Internet und die sozialen Netzwerke eher ein egoistischer Selbstdarsteller geworden, der um jeden Preis wahrgenommen werden will. Der sich dadurch, dass Arbeiten heute zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich ist, von anderen entgrenzt; der unverbindliche, flexible Gemeinschaften im virtuellen Raum echten Freunden vorzieht. Der alle 18 Minuten an seinem Smartphone herumklickt – nicht aus Interesse an Inhalten, sondern wegen des Kicks („Glücksspielautomat im Hosentaschenformat“ nennt der Informatiker und Autor Alexander Markowitz die mobilen Endgeräte). Der durch den immer größer werdenden, unstrukturierten Datenwust, der im Netz von ihm gesammelt wird, möglicherweise nach einer falschen, digitalen Identität bewertet wird. Und obwohl der Mensch eigentlich Gemeinschaft sucht, sterben Vereine. Psychologe Markus Väth erklärt dies damit, dass es immer schwerer wird, Leute zum gleichen Zeitpunkt zusammenzubekommen, und dass Menschen lieber ihre eigenen Anliegen verwirklichen und sich punktuell an Online-Kampagnen, -Aktionen oder -Petitionen beteiligen. Die Gemeinschaft der Zukunft: noch ein großes Fragezeichen. Gedreht wurde der Film in einer riesigen, leeren Industriehalle, sparsam dekoriert mit ein paar Palettenstapeln (eine Kulisse, die hippe, selbstdarstellerische Instagram-Jünger bestimmt gern für ein Shooting wählen würden).

Anschließend entspann sich ein reger Meinungsaustausch. Techniksoziologe Christian Papsdorf von der TU Chemnitz war als Experte Gast der Veranstaltung. Er bezweifelte, dass Selbstverwirklichung immer heißt, mehr vorzugeben, als man ist. Seiner Ansicht nach, ist die Hauptaufgabe von Social Media nach wie vor, Menschen zu vernetzen. Und das Netz, so der Junior-Professor, mache nicht automatisch jeden zum Egoisten. „Denken Sie an diese Riesen-Enzyklopädie Wikipedia, an der viele Menschen unentgeltlich gemeinsam arbeiten.“ Und die sogenannte Online-Identität sei höchstens ein Abbild. „Ist es nicht gut, dass das Bild nicht vollständig und damit transparent ist? Je schwammiger, desto besser!“ Ein Gast aus dem Publikum äußerte generell sein Unverständnis, dass Menschen freiwillig ihre Daten im Netz hergeben. Christian Papsdorf wies darauf hin, dass die Deutschen im Vergleich zu anderen Nationen extrem datenschutzsensibel seien. Gleichwohl sei es naiv zu sagen: „Ich habe doch nichts zu verbergen.“ Man gebe heute seine Daten her, weil man dafür Gratis-Online-Dienstleistungen bekomme. Eine Anwesende meinte, Manipulation der Menschen habe es schon immer gegeben, das sei kein Digitalisierungsproblem.

Heiko Schneider, internetaffiner Leiter des Salons HaarSchneider, plädierte dafür, sich nicht nur Angst machen zu lassen. „Die Frage ist, wie gehen wir mit der Digitalisierung um, um die positiven Aspekte daraus zu ziehen?“ Natürlich müsse man sich aber um seine Daten kümmern.

Gefragt, wo Digitalisierung und Technik mal hingehen werden, meinte Christian Papsdorf, dass er keine „Revolution“ (wie im 19. Jahrhundert im Falle der rasanten Industrialisierung), sondern eine „Evolution“ sehe. Es müssten allerdings Grenzen definiert werden, an welchen Stellen Digitalisierung nicht erwünscht sei. Stichwort: Ersetzen der menschlichen Arbeit durch Technik.

Termine: „Kontrovers vor Ort“ wird am 15. November um 19 Uhr fortgesetzt. Dann wird die Folge „Wie werden wir arbeiten?“ gezeigt. Anschließend Gespräch mit Prof. Dr. Petra Kemter-Hofmann (TU Dresden). Der Eintritt ist frei.