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Donnerstag, 13.09.2018

Genuas stille Wunde

Das Rauschen von der Brücke ist verstummt. Doch Genua versucht noch immer, die Katastrophe vom 14. August zu fassen. Erst allmählich wird klar, was das klaffende Loch bedeutet.

Von Lena Klimkeit

Blick auf Überreste der Morandi-Brücke, die am 14. August auf etwa 180 Metern Länge einstürzte. 43 Menschen starben bei der Katastrophe.
Blick auf Überreste der Morandi-Brücke, die am 14. August auf etwa 180 Metern Länge einstürzte. 43 Menschen starben bei der Katastrophe.

© Lena Klimkeit/dpa

Genua. Für Iris Bonacci hat die wahre Katastrophe von Genua erst angefangen, als die Brücke längst eingestürzt war. Sie erinnert sich an den 14. August als einen Tag, der heiß, schwül und voller Blitze war. In das Gewitter mischte sich plötzlich dieses sehr lange Donnern. Und Schreie, bei denen sie ahnte, dass etwas passiert sein musste. Die 55-Jährige las schließlich in einer SMS, die Brücke sei zusammengestürzt. Da war sie noch in ihrer Wohnung, direkt unter der Brücke. „Aber von meinem Balkon aus habe ich sie noch gesehen. Für mich war die Brücke noch ganz.“ Unten auf der Straße sah sie die riesige Lücke. „Da habe ich verstanden, dass es wahr ist.“

Etwa 180 Meter, die ein halbes Jahrhundert lang den Osten mit dem Westen der Stadt verbunden haben, sind an jenem Sommertag um 11.36 Uhr in die Tiefe gestürzt. Mit ihnen Dutzende Fahrzeuge. Die Tragödie nahm 43 Menschen das Leben und einer ganzen Stadt ihre Routine.

Die zwei monströsen Betonstümpfe ragen auch einen Monat nach dem Unglück in den Himmel über Genua. Wenn eine Straße mitten im Nichts endet, dann durchzuckt es einen schon beim Anblick. Unglaublich, nicht möglich, unfassbar, sind die Worte, die einem zu Ohren und in den Sinn kommen. Sonst hört man nicht viel. Die Brücke und ihr Rauschen sind längst verstummt.

Der Viadukt, der einst als Allheilmittel der Verkehrsprobleme der zwischen Meer und Bergen eingepferchten Stadt galt, wurde gebaut, da waren die Häuser längst da. Die Konstruktion von Architekt Riccardo Morandi wurde 1967 eröffnet. Damals beeindruckte besonders an der Schrägseilbrücke, dass sie streckenweise über dem Polcevera-Tal zu schweben schien, ohne dass dafür viele Pfeiler in die Ebene gerammt werden mussten.

Die Brücke verband die Stadt mit dem Meer, dem Hafen, der zu den wichtigsten in Südeuropa zählt. Aber auch mit Südfrankreich und anliegenden Regionen in Italien. Wer aus Genua kommt, ist womöglich viele Tausende Male über den Polcevera-Viadukt gefahren. Jeder wusste: Erst kommt der dunkle Tunnel, dann eine fiese Kurve, dann meistens der Stau. Je älter die Brücke wurde, desto mehr mussten die in Beton eingepackten Stahlseile an den drei Pylonen tragen.

Iris Bonacci ist nicht danach, sich im Angesicht des Ortes der Tragödie zu treffen. Aber sie will darüber reden. Eine kurze Begrüßung, dann bricht es aus ihr heraus. Kann sie je auf ihre 103 Quadratmeter zurückkehren, die sie doch erst vor acht Monaten bezogen hatte? Diese Hoffnung hat die Lehrerin längst aufgegeben. „Aber Erinnerungen eines ganzen Lebens sind noch dort“, sagt sie, ihre helle Stimme ganz dünn vor Aufregung. Viele der mehr als 550 Ausquartierten verstehen nicht, warum sie nicht wenigstens kurz in ihre Wohnungen zurückkönnen. Die Überreste der Brücke stünden schließlich noch dort wie vor einem Monat. Was soll da schon passieren? Experten stufen beide Seiten als bedenklich ein. „Wir sind sauer, wir sind am Warten“, sagt Bonacci. „Wir haben keine Zukunft und nicht mal mehr eine Gegenwart.“

Über die Baumkronen an der Via Walter Fillak ragt Pylon Nummer zehn hinaus. Anders als die Nummer neun ist er stehengeblieben. Für Silvia war die Brücke nur vier Tage lang ein Nachbar, für Mariella 38 Jahre lang. Auch wenn beide nicht mehr hier wohnen können, sie kommen immer noch her, an die Absperrung zur „roten Zone“, wo sich Ausquartierte und Helfer treffen. Mariella vermisst die vertrauten Gesichter, auch wenn sie ihnen auf der Straße oft nur ein „Ciao, buongiorno!“ zugerufen habe. Ihre Wohnung ist einen Steinwurf entfernt und doch unerreichbar. Sie tupft die Tränen weg.

„Die ersten Tage nach dem Unglück war diese Stille das Schlimmste“, sagt Mariella. „Es war unheimlich. Man hat ja nicht nur den Verkehr gehört. Sonst liefen immer die Fernseher, die Kinder schrien auf der Straße. Dann war alles tot.“ Silvia hat der Stress zugesetzt. Sie war gerade erst eingezogen, die Möbel waren aufgebaut, da stürzte die Brücke zusammen. Die 45-Jährige habe sieben Kilo abgenommen, oft schlafe sie nicht länger als zwei Stunden. „Wir sind gestresst, müde“, sagt sie. Aber sie sagt auch, dass die Stadt viel für die Betroffenen tue. Dass Genua sich so schnell nicht unterkriegen lasse.

Es könnten die Worte von Bürgermeister Marco Bucci sein. „Du bist nach Genua gekommen, weil wir es hier gut haben, stimmt’s?“, ist das Erste, was er sagt. Der ehemalige Pharma-Manager will nicht im Krisen-Narrativ verharren. Er lässt sich in den Schreibtischstuhl zurückfallen, hebt die Arme und sagt: „Wenn wir die Sache aus einer Höhe von zehntausend Metern betrachten, ist in Genua eine Brücke zusammengestürzt. That’s it.“

Auch wenn Bucci abgeklärt klingt: Er ist wohl der Letzte, der die Ereignisse vom 14. August herunterspielen würde. Am Freitag wird in Genua der 43 Opfer gedacht. Dazu kommt die Liste an Problemen, die jetzt gelöst werden müssen. „Die erste Notwendigkeit ist: den Ausquartierten ein Zuhause geben. Die zweite: die Mobilität wieder herstellen. Die dritte: die Brücke abreißen. Die vierte: die Brücke bauen“, sagt er mit ruhiger Stimme.

Diskret gibt er in Richtung der populistischen Regierung in Rom zu verstehen, dass ihn die Streitereien um den Wiederaufbau nicht weiterbringen. Die Fünf-Sterne-Bewegung will die neue Brücke nicht in die Hände des Autobahnbetreibers Autostrade per l’Italia legen, die sie unmittelbar nach der Katastrophe als Schuldigen benannt hat. In der Krise sieht Bucci sich als Verwalter. „Ich arbeite für die Brücke, nicht für die Politik.“

Einen Entwurf für die neue Brücke hat er schon - von Star-Architekt Renzo Piano, der selbst aus Genua kommt. Eine Ausschreibung soll angesichts der Notlage vermieden werden. Wenn man ihn arbeiten lasse, solle mit der Zerlegung der Brücke im Oktober begonnen werden, sagt Bucci. Eine neue Brücke soll Ende des nächsten Jahres stehen.

Doch daran glaubt in Genua so gut wie niemand. „Italien ist sehr gut darin, unmöglich zu machen, dass es schnell geht“, sagt Giuseppe Costa. Der Unternehmer verwaltet das Aquarium am Hafen, auch er ist pragmatisch, er braucht Touristen für sein Geschäft. Das Problem: „Die Leute von außerhalb denken, dass Genua nicht mehr erreichbar ist.“ Aber natürlich komme man in die Stadt - vielleicht mit 10, 20 Minuten Verspätung. Und dennoch stornierten Touristen Buchungen. Die Delfine, Seesterne und Haie sahen sich seit dem Unglück im Vergleich zum vergangenen Jahr 40 bis 50 Prozent weniger an. „Genua trauert jetzt wirtschaftlich“, sagt Costa.

„In gewisser Weise ist der Einsturz für jeden hier ein Opfer“, sagt Ludovica Migliorino. Je mehr Zeit seit dem Einsturz vergehe, desto klarer werde, was er für die Stadt bedeute. Egal, ob im Bus, im Restaurant oder auf der Straße - ständig wird über die Brücke geredet oder über die Umwege, die nun genommen werden müssen. Dass nichts mehr ist, wie es vorher war, spüre man selbst an der Käsetheke, sagt Migliorino. Für einige Bauern, die von außerhalb kommen, ist der Umweg einfach zu groß.

Migliorino schaut sich an diesem Tag die zerstörte Brücke zum ersten Mal aus der Nähe an. Sie erblickt das Haus ihrer Mutter, das nördlich des Viadukts steht. Es wurde immer von der Brücke verdeckt, das Panorama im Polcevera-Tal hat sich verändert. „Der Anblick geht mir emotional sehr nah“, sagt Migliorinos Partner, Guido Paliaga. So lange sie noch stehen, sind die Überreste der Brücke ein Mahnmal. Ein Rollerfahrer bleibt am Straßenrand stehen und hält inne. Eine Frau steigt aus ihrem Wagen, holt zaghaft ihre Kamera heraus. Ein Liebespaar steht Arm in Arm zusammen. Wie um sich zu vergewissern, dass nicht doch alles nur ein böser Traum war.

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