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Samstag, 15.09.2018

Geistige Kur mit Gundermann

Von Olaf Winkler

Olaf Winkler  ist Film- und Fernsehdramaturg sowie Neu-Hoyerswerdaer. Hier schildert er seine Eindrücke von der Stadt.Foto: MK
Olaf Winkler ist Film- und Fernsehdramaturg sowie Neu-Hoyerswerdaer. Hier schildert er seine Eindrücke von der Stadt.Foto: MK

© Mirko Kolodziej

Älteren 55-plus-Knaben wie mir droht, dass so langsam staubige Schablonen die Regie über die grauen Zellen übernehmen – da muss ich mir nichts vormachen: Das flexible Denken lässt nach, die Neuroplastizität des Gehirns nimmt ab – die beste Voraussetzung für Altersstarrsinn und spätere Demenz. Gottsei Dank gibt’s aber auch mit 55 plus noch Entdeckungen, die einen richtig durchrütteln können, sodass der angesetzte Kalk rieselt.

Hier rede ich nicht von einer touristischen Wohlfühl-Entdeckung, wie sie mir im Urlaub widerfahren wäre. Nee! Sondern ich spreche von einer Entdeckung, die mir in einem Provinznest wie Hoyerswerda passiert ist, und die zur Kategorie „geistiger Blitz-und-Donner-Einschlag“ gehört. Eine Entdeckung, die meinen Kopf mal wieder richtig durchgeweht hat und auf Trab brachte und die mich die Stadt Hoyerswerda verblüfft als eine Art geistiger Kurort erleben ließ. Die Kur vollzog sich in drei Etappen. Die erste geschah mir während des lokalen Projekts „Eine Stadt tanzt: Manifest!“ Da begegnete ich einem wundersamen Text, den ich als Chormitglied während der Proben und Vorführungen wie ein Vaterunser ständig hoch und runter singen musste.

Die Zukunft ist ’ne abgeschossne Kugel / auf der mein Name steht und die mich treffen muss. / Und meine Sache ist, wie ich sie fange / mit’m Kopp, mit’m Arsch mit der Hand oder mit der Wange / trifft sie mich wie ein Torpedo / oder trifft sie wie ein Kuss.“ Und dann war da noch dieser frivole Text: „Und schlief der Janek mit der Frau vom Klaus / ach alles gleich / das fiel nicht weiter auf / hier sehn‘ ja alle aus wie Klaus / Hier in Hoywoy.“ Das war die Erwärmungsphase. Die zweite Etappe war eine Juni-Woche im Bürgerzentrum. Ich ließ Veranstaltungen zum Autor dieser Texte über mich hageln: Konzerte, Dokumentarfilme über und mit ihm, Diskussionsrunden. Stunden saß ich vor seinem digitalen Bildschirmarchiv, genannt „Schaltzentrale“, die man gerade frisch eröffnet hatte. Das war das Erststudium. Die dritte Kuretappe setzte mit der Premiere des Spielfilms über diesen Mann ein: „Gundermann“. Und hier machte es: Klick! Peng! Wumms! Die Initiationsphase. Ein Thema kräht mich seitdem ununterbrochen wie ein lästiger Guten-Morgen-Hahn an: Wem gehört die Deutungshoheit über meine Herkunft, Heimat und Zukunft? Wem?

Wie sich dieser ostdeutsche Heimat-Landstrich anfühlte, als ihn noch ein Staat namens DDR unter seiner Kontrolle hatte, darüber sind wir uns vermutlich einig, die wir die DDR noch erlebten: Es ist ein Segen, dass dieser Staat, wie er war, weggebaggert und verheizt wurde wie die Braunkohle. Nach ihm ergab ich mich demütig-brav den Anpassungsgeboten der neuen bundesdeutschen Gesellschaft. Der tote Gundermann aber, von dem als Asche oder Gewürm nur seine Texte, Bild- und Tondokumente bleiben, stößt mich nach der „Kur“ auf etwas, von dem ich heute behaupten würde, dass es mir damals gestohlen wurde: das sozialutopische Denken eines anderen „Miteinanders“. Ich meine ein Denken, das arrogant abgewertet und ersetzt wurde durch besserwisserische „Deutungshoheiten“, die mir eintrichterten, worum es jetzt und für immer eigentlich zu gehen hat: Kauf, Verkauf, Selbstoptimierung, stählerne Ellenbogen. Natürlich muss man das sozialutopische Denken nicht gutheißen und ihm schon gar nicht verpflichtet sein. Das individuelle Durchkommen durch den eigenen Lebenslauf ist anstrengend genug, sodass es verzeihlich scheint, wenn wer über den persönlichen Tellerrand nicht schauen mag und nur die eigene Suppe löffelt.

Gundermann aber stellte den eignen Tellerrand wohl schon immer in Frage, sozusagen persönlichkeits-immanent. Ich schreibe es meiner charakterlichen Unreife zu, dass ich damals ihn, dessen Namen ich natürlich kannte und der bloß acht Jahre älter war als ich, nicht zur Kenntnis nahm. Nicht mal aufgehorcht habe ich. Vielleicht tat ich’s ja und vergaß es nur wieder. Dieser dialektische Unruhestifter und Melancholiker mit seiner ungeheuer erdigen Sprachgewalt haut die Direktive raus: „Von jedem Tag will ich was haben/ Was ich nicht vergesse / Ein Lachen, ein Sieg, eine Träne / Ein Schlag in die Fresse.“

Für mich übersetze ich das staubtrocken mal so: Du alternder Sack! Gewinne nicht länger Eigenwert aus dem, was du selbst für wertlos hältst! Stell’s in Frage und stell diejenigen in Frage, die nichts in Frage stellen! Nach dieser geistigen Kur wurde mir klar: Gerhard Gundermann ist nach Konrad Zuse und Brigitte Reimann der dritte geistige Herold für Veränderungsenergie in dieser geplagten Stadt. Hoyerswerda stinkt geradezu nach Kurort.