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Freitag, 18.05.2018

Gegen die Abschiebung

Klajdi Lleshi spielt bei der TuS Weinböhla. Für den Albaner setzten sich sein Verein, Daniela Kuge und Geert Mackenroth ein.

Von Ines Scholze-Luft

Das Training läuft. Der Albaner Klajdi Lleshi auf dem Sportplatz der TuS Weinböhla an der Spitzgrundstraße.
Das Training läuft. Der Albaner Klajdi Lleshi auf dem Sportplatz der TuS Weinböhla an der Spitzgrundstraße.

© Norbert Millauer

Weinböhla. Beim Training haben Handys Pause. Darüber diskutieren die Weinböhlaer Fußballer nicht. Umso größer die Überraschung, als einer der neuen Spieler plötzlich ein solches Telefon zückt.

Frank Jüttner erzählt die Episode mit einem leichten Schmunzeln. Nicht nur für den ehemaligen Mannschaftsleiter des jungen Klajdi entpuppt sich der unerwartete Moment letztlich als erfreulich. Denn als Klajdi Lleshi vor zweieinhalb Jahren zur Turn- und Sportgemeinschaft (TuS) Weinböhla kommt, steht es um sein Deutsch schlecht, und genau das will er mithilfe des Handys verbessern. Zwar spricht er auch Englisch, hatte in seiner albanischen Heimatschule in dem Fach eine Zwei. Doch dass dann alles auf Englisch funktionieren müsste, mit der eigenen und anderen Mannschaften, scheint keine Lösung.

Außerdem will Klajdi Deutsch lernen. Inzwischen verständigt er sich fast mühelos in der Sprache. Wählt seine Worte differenziert, findet treffende Beschreibungen. Nur der Akzent lässt aufhorchen. Wie ein verkappter Engländer, sagt Nachwuchsleiter Maik Pones. Er schätzt neben Kajdis sprachlichen dessen sportliche Leistungen. Schließlich wollen die Weinböhlaer ihren eigenen Nachwuchs heranziehen und gute Spieler mit einer Perspektive im Männerbereich binden.

Den Willen zum Weiterkommen teilt Klajdi nicht nur beim Deutschlernen mit seiner Familie. Die geht 2015 nach Deutschland, weil Kajdis Schwester schwer krank ist. Die Viertklässlerin leidet an einem komplizierten bösartigen Tumor. In Albanien nicht zu heilen. Anfangs findet sich Hilfe in Griechenland. Bis zur großen Krise dort. Bleibt Deutschland als Rettungsanker. Da will die Familie hin, eigentlich nur für die erlaubten drei Monate. Sie haben nicht schlecht gelebt in Albanien, die Familie hatte ein Restaurant, erzählt Klajdi.

Nun richtet sich alles nach der Schwester. Die Krankheit ist ein Vierteljahr später nicht besiegt. Der Vater sucht Arbeit, ist bald als Koch tätig, der Bruder lernt Mechatroniker bei Mercedes in Dresden. Und Klajdi ist jetzt beim Hauptschulabschluss an der Leonhard-Frank-Schule in Coswig. Dort lebt er mit der Familie, wird auch bald nach Dresden pendeln, hat er doch eine Ausbildung als Koch im Hilton sicher.

Alles wichtige Themen für den heute 17-Jährigen. Den Fußball nicht zu vergessen. Angefangen hat der junge Mann einst beim RBC. Doch so richtig wollte das noch nicht laufen. Dann erfährt er von Freunden, Weinböhla sei ganz gut. Versucht es da. Gleich im Spielbetrieb der B-Jugend. Anfangs mit einigen Schwierigkeiten, vor allem wegen der Sprachbarriere. Aber Klajdi gibt sich Mühe, sucht von sich aus das Gespräch, sagt Frank Jüttner.

Nicht zuletzt habe seine mannschaftsdienliche Spielweise zur Akzeptanz im Team beigetragen. Ebenso der Lernwille. Und die Zuverlässigkeit, ergänzt Trainer Thomas Klinke. Selbst im Winter nimmt Klajdi jedes Training wahr, kommt die fünf Kilometer von daheim mit Rad, Bahn und zu Fuß, ist bei Eis und Schnee dabei. Zweimal die Woche, dazu das Spiel am Wochenende. Die A-Jugend spielt in der Landesklasse, da sind manchmal sonntags weite Fahrten angesagt. Nichts kann den jungen Mann abbringen von seiner Fußballleidenschaft. Er ist gern dabei, sagt er. Der Platz ist schön, die Leute, Mannschaftskameraden und Trainer, nett.

Doch im Februar kommt über die betreuende Sozialarbeiterin eine verstörende Nachricht zur TuS: Die Familie hat die Aufforderung zur Ausreise erhalten. Schnell sind sich die Fußballer einig, Menschen, die so integriert sind, die sich so viel Mühe geben und auch Sozialabgaben leisten, dürfen nicht abgeschoben werden. Die Sportler machen sich stark für Klajdi und seine Familie, wenden sich an die Härtefallkommission, an die Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth und Daniela Kuge (CDU). Und tatsächlich fällt Anfang April die Entscheidung: Die Familie darf bleiben, als albanische Bürger mit deutscher Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Wobei die Hoffnung auf eine dauerhafte Genehmigung groß ist.

Aus Klajdis Sicht vor allem wegen seiner Schwester. Sie ist noch nicht gesund. Dass sie das wird, ist für ihn das Wichtigste. Natürlich wünscht er sich auch Erfolg bei seiner Lehre. Nicht zuletzt, um sein albanisches Lieblingsgericht, Ziegenfleisch und Joghurt, so gut kochen zu können wie die Eltern. Und damit ihm seine deutsche Vorliebe gelingt: Kartoffelsalat. Da braucht er jetzt kein Handy mehr zum Dolmetschen.

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