• Einstellungen
Donnerstag, 12.07.2018

Gefährliche Einwanderer

Auch fremde Pflanzen und Tiere können der Natur schaden. Experten von Senckenberg erklären, wie man mit den blinden Passagieren umgeht.

Von Anja Gail

Bild 1 von 5

Gabriele Utz und Lutz Stresemann im Kampf gegen den Japanischen Staudenknöterich an der Neiße bei Hirschfelde.
Gabriele Utz und Lutz Stresemann im Kampf gegen den Japanischen Staudenknöterich an der Neiße bei Hirschfelde.

© André Wirsig

Die Auwaldzecke ist aus Südeuropa vermutlich über Hunde eingeschleppt worden. Sie kann Erreger übertragen, die gefährliche Krankheiten wie „Hundemalaria“ (Babesiose) und Pferdepiroplasmose auslösen.
Die Auwaldzecke ist aus Südeuropa vermutlich über Hunde eingeschleppt worden. Sie kann Erreger übertragen, die gefährliche Krankheiten wie „Hundemalaria“ (Babesiose) und Pferdepiroplasmose auslösen.

© dpa

Das in Nordamerika beheimatete Grauhörnchen wurde in Europa „eingebürgert“. Es verdrängt das heimische Eichhörnchen.
Das in Nordamerika beheimatete Grauhörnchen wurde in Europa „eingebürgert“. Es verdrängt das heimische Eichhörnchen.

© dpa

Der ebenfalls aus Nordamerika stammende Waschbär wurde in Europa in Pelztierfarmen gehalten. Von dort ist der Allesfresser ausgebrochen.
Der ebenfalls aus Nordamerika stammende Waschbär wurde in Europa in Pelztierfarmen gehalten. Von dort ist der Allesfresser ausgebrochen.

© dpa

Die Spanische Wegschnecke verdrängt die heimische Schwarze Wegschnecke. Ihr aggressiver Schleim schützt sie vor Fressfeinden. Das robuste Tier verschlingt saftiges Grünzeug und Aas und richtet große Schäden in der Landwirtschaft und in Gärten an. Sie gelangte mit Obst- und Gemüsetransporten von der Iberischen Halbinsel nach Deutschland, wo sie sich maßlos vermehrt und die häufigste Schneckenart geworden ist.
Die Spanische Wegschnecke verdrängt die heimische Schwarze Wegschnecke. Ihr aggressiver Schleim schützt sie vor Fressfeinden. Das robuste Tier verschlingt saftiges Grünzeug und Aas und richtet große Schäden in der Landwirtschaft und in Gärten an. Sie gelangte mit Obst- und Gemüsetransporten von der Iberischen Halbinsel nach Deutschland, wo sie sich maßlos vermehrt und die häufigste Schneckenart geworden ist.

© dpa

Görlitz. Kampfansage am Neißeufer. Dem Japanischen Staudenknöterich Herr zu werden, so wie hier vor mehreren Jahren bei Hirschfelde, ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Mit einer Höhe von bis zu vier Metern besitzt die robuste Pflanze eine außergewöhnliche schnelle Wuchskraft. Sie war ursprünglich in Asien beheimatet. Um 1825 brachte sie ein aus Bayern stammender Arzt, Botaniker und Naturforscher als Zier- und Viehfutterpflanze mit nach Europa. Allerdings verdrängt sie längst in starkem Maße andere Arten.

Der Japanische Staudenknöterich gefährdet damit auch die biologische Vielfalt, was besonders in Gebieten mit geschützten Pflanzen zum Problem werden kann. Das bestätigt Biologin Dr. Christiane Ritz vom Görlitzer Senckenberg Museum für Naturkunde. Diese Bedrohung sei zwar nicht der Hauptgrund für den Rückgang von Arten, allerdings durchaus ernst zu nehmen. Dass sich der Staudenknöterich derart entwickeln konnte, liegt auch daran, dass er auf Lebensräume trifft, die bereits vom Menschen stark verändert wurden. Ursprünglich konnten sich an den Ufern von Bächen und Flüssen feuchte Auwälder entfalten. Dort, wo der Mensch diese Naturräume gestört hat, zum Beispiel um das Land anderweitig zu nutzen, haben eingewanderte Pflanzen ein leichtes Spiel. Der Staudenknöterich wächst in seinen Heimatländern häufig auf vulkanischen Aschefeldern und ist dort eher unauffällig. In Europa hat er sich hingegen in Gebieten mit feuchtem Boden ausgebreitet, also entlang von Gewässern, an gehölzfreien Uferzonen. Er wächst aber auch auf Brachflächen, am Straßenrand, entlang von Böschungen und Wäldern. Das Bundesamt für Naturschutz rät dringend von einer Anpflanzung im Garten ab.

Ambrosia kann Allergien auslösen

Solche Pflanzen und Tiere, die sich ohne oder mit Einflussnahme des Menschen in einem Gebiet ansiedeln und ausbreiten, in dem sie vorher nicht heimisch waren, nennt man Neobiota. Geht es dabei um Pflanzen, so werden sie als Neophyten bezeichnet, bei den Tieren spricht man von Neozoen. Die meisten von ihnen richten keinen Schaden an und man würde sich wundern, wie viele bei uns bekannte Tiere und Pflanzen ursprünglich aus ganz anderen Gefilden stammen. Diese fremden Arten werden erst dann zu einer Gefahr, wenn sie die hiesige Flora und Fauna verdrängen, Lebensräume und ganze Ökosysteme zerstören. Das führt zu negativen Folgen für Natur und Wirtschaft, aber auch für die Gesundheit von Mensch und Tieren.

In Deutschland werden laut Bundesamt für Naturschutz 168 Tier- und Pflanzenarten in einem Managementhandbuch für invasive Arten genannt, die nachweislich solche negative Auswirkungen nach sich ziehen können. Einer Studie des Umweltbundesamtes zufolge lag die volkswirtschaftliche Belastung von 20 invasiven Arten im Jahr 2002 bei 167 Millionen Euro. In der Studie wurden damals unter anderem Parasiten in der Land- und Forstwirtschaft wie der Laubholzbock aus Asien genannt – ein gefürchteter Holzschädling. Auch die aus Nordamerika stammende Pflanze Ambrosia kam zur Sprache. Sie verbreitet sich oft auf kargen Flächen, aber am häufigsten in Gärten unter Vogelfutterplätzen. Ihre Samen sind mit verunreinigtem Vogelfutter verbreitet worden. Die Pollen der Ambrosia gehören zu den stärksten Auslösern von schweren Allergien beim Menschen.

Laut Bundesamt für Naturschutz sind in der Oberlausitz 25 von 30 besonders auffälligen invasiven Arten ansässig. Die Herkunftsgebiete der meisten Neophyten in der Oberlausitz sind nach Informationen des Naturschutzzentrums Zittau Nordamerika, andere Teile Europas, Asien, das Mittelmeergebiet, Mittelamerika und Afrika.

Die invasiven Arten machen aber nur einen Bruchteil von allen eingewanderten Lebewesen aus. Wichtig ist ein sinnvoller Umgang mit dem Problem, erklärt Biologin Christiane Ritz. Aufwand und Kosten müssten in einem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen stehen. Bei geschützten Arten und Lebensräumen, die in Gefahr geraten, sind solche Schritte durchaus abzuwägen.

Der Landschaftspflegeverband Oberlausitz mit Sitz in Reichenbach war an so einem Projekt beteiligt. Es lief zwischen 2010 bis 2015 im Landkreis Görlitz und in der Region Liberec. An Ufern, auf Brachflächen, an Böschungen, Straßenrändern und auf Grünlandbrachen wurde der Japanische Staudenknöterich bekämpft, unter anderem mit Mähen, Rausreißen, mit Chemie und mit dem Setzen von Weidenstecklingen. Mithilfe der Ergebnisse wurden Bewertungskriterien erarbeitet, um Möglichkeiten zum Handeln aufzuzeigen.

Das Auftauchen von fremden Tieren und Pflanzen ist dabei aber kein Phänomen der heutigen Zeit. Um eine Unterteilung in fremd und einheimisch vornehmen zu können, haben sich Fachleute darauf geeinigt, das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckte, als Zeitmarker zu setzen. Arten, die danach vom Menschen bewusst oder unbewusst von einem Gebiet in ein anderes eingeschleppt wurden, gelten als „Einwanderer“. Heute, wo auch abgeschnittene Teile der Erde per Flugzeug und Schiff erreichbar sind, weltweit Güter auf Containerschiffen und in Zügen transportiert werden, können Arten schnell in andere Regionen gelangen. Dort zu überleben und sich zu vermehren, ist ein normaler Vorgang in der Natur. Bedingt durch den Klimawandel wandern Tiere und Pflanzen aber auch dorthin, wo es ihnen gut geht. Menschen haben sich schon vor Hunderten Jahren fremde Pflanzen und Tiere mitgebracht. Manche Lebewesen waren blinde Passagiere im Gepäck. Exotische Tierarten werden gern von Tierparks gehalten und von Zoogeschäften als Attraktion verkauft. Da sie ihren Besitzern manchmal zu groß oder anspruchsvoll in der Haltung werden, landen sie ausgesetzt in der freien Natur. So kommt es dann, dass die bis zu 30 Zentimeter große Schmuckschildkröte alles wegfrisst, was kleiner ist als sie. Verantwortung tragen auch Gartenbesitzer. Sie sollten Pflanzenabfälle keinesfalls auf Feldern, im Wald oder anderweitig in der Landschaft entsorgen.