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Mittwoch, 10.10.2018

Geduldsspiel für einen Ungeduldigen

Ein Kreuzbandriss ist schlimm genug. Dynamos Sören Gonther hat jetzt den zweiten hinter sich – zur Freude seiner Frau.

Von Tino Meyer und Sven Geisler

Sein bereits zweiter Kreuzbandriss im linken Knie bereitet Sören Gonther keine Probleme mehr, die Bandage trägt er jetzt rechts.
Sein bereits zweiter Kreuzbandriss im linken Knie bereitet Sören Gonther keine Probleme mehr, die Bandage trägt er jetzt rechts.

© WORBSER-Sportfotografie/Mike Worbs

Die Ansage kommt völlig unerwartet, ist für einen erfahrenen Familienvater und Fußballprofi wie ihn aber kein Problem. „Ich hatte keine Sachen dabei, war nicht vorbereitet“, gesteht Sören Gonther, was Dynamos Verteidiger seinem Trainer besser nicht verraten hat. Schließlich weiß er sich ja zu helfen. Spielsachen stellt der Verein, ein Paar Schuhe steht ohnehin immer griffbereit, und eine Zahnbürste für unterwegs, sagt Sören Gonther, habe er auch im Schrank gefunden. „Gott sei Dank!“

Das Auswärtsspiel in Magdeburg vergangenen Samstag und damit Gonthers Rückkehr nach dem Kreuzbandriss kann kommen. Das, meint er, sei immer sein Traum gewesen. „Da weiß man, wofür man in der Reha gearbeitet hat“, erzählt der 31-Jährige, der die ziemlich schlimmste Verletzung für einen Leistungssportler schon zum zweiten Mal mitgemacht hat. Es ist die Geschichte eines Geduldsspiels mit einem Ungeduldigen in der Hauptrolle.

Am 20. September 2017 bei der Heimniederlage gegen Bielefeld sorgt ein Schlag auf Gonthers linkes Knie dafür, dass die bei seinem ersten Kreuzbandriss eingesetzte Plastik zum Großteil eingerissen ist und erneuert werden muss. „Ich kenne mich mit dieser Verletzung leider bereits aus“, sagt er danach, „und ich weiß daher genau, was auf mich zukommt.“

Erst warten und dann Fragezeichen

Als wäre die Diagnose nicht schon niederschmetternd genug, setzt sich Sekunden später die Erkenntnis durch, dass die Saison gelaufen ist. „Aber ich werde kämpfen und alles dafür geben, damit ich so schnell wie möglich wieder der bin, der ich vor der Verletzung war“, betont Gonther.

Was nach Optimismus klingt, ist mehr ein-sich-selbst-Mut-machen – wohlwissend um das langwierige, vor allem seelisch quälende Prozedere. Es folgt das Warten auf die erste Operation, bei der die Bohrkanäle von der OP des ersten Kreuzbandrisses aufgefüllt worden sind, dann fünf, sechs Wochen Ruhe, schließlich der zweite Eingriff mit dem Reparieren des kaputten Knies und anschließend die nicht enden wollende Reha samt den vielen Fragezeichen.

Hält das Knie der Belastung stand? Ist es am Tag nach dem Krafttraining oder den ersten Ausdauerläufen dick geworden? Bedeutet der Schmerz eher Muskelkater oder doch einen Rückfall? Und vor allem: Bleibt es beim Zeitplan für das Comeback? „Zweifel, dass ich zurückkomme, hatte ich nie. Es ging immer nur um den Zeitpunkt“, sagt Gonther.

Sechs Monate plus/minus x lautet die allgemeine Ausfallformel beim Kreuzbandriss, bei einem zweiten im gleichen Knie fällt das Minus schon mal weg. Bei Gonther steht aber jetzt vor und hinter dem Plus eine Sechs, dabei hat er schon nach der Sommerpause wieder topfit auf dem Platz stehen wollen und wohl auch sollen. Doch das Knie ist im Juni noch nicht so weit, es toleriert die höhere Belastung nicht. Kleinere Komplikationen verschieben den Zeitpunkt fürs Comeback auch danach immer wieder nach hinten. „Eine Prognose könnt ihr mir nicht entlocken“, sagt Gonther schließlich Anfang September, da hat er die erste richtig harte Trainingseinheit mit den Mitspielern gerade hinter sich.

Unfassbar glücklich sei er in dem Moment gewesen. „Ich war vorher aufgeregt und habe mich riesig darauf gefreut, das war ein Gefühl wie bei der Unterschrift unter meinem ersten Profivertrag“, sagt er und stellt fest: Seit der Geburt seines Sohnes im Juli ist es nur noch besser geworden, keine Rückschläge mehr, weniger bange Blicke aufs Knie.

Spätestens jetzt hat der gebürtige Hesse auch sein Stimmungstief überwunden. Das Nervende ist der Zuversicht gewichen. Und noch etwas: „Geduld ist ein sehr, sehr wichtiger Punkt. Und Geduld habe ich nicht. Es musste mir beigebracht werden, Geduld zu haben. Irgendwie habe ich es geschafft“, erklärt er rückblickend und kann darüber lachen. Seine Frau Johanna auch – wieder. „Ich habe sie zwischendurch ganz schön genervt. Da hätte ich nicht so gerne sie sein wollen“, sagt Gonther, „gerade, wenn es mal nicht so gut ging und man überlegt, ob man nicht schon weiter sein müsste. Das kriegt sie zu Hause ab, da hatte sie sicher keine einfache Rolle.“

Den Start in Dresden nach fünf Jahren beim FC St. Pauli haben sich beide anders vorgestellt. Hamburg, ihren Lebensmittelpunkt und den der Töchter Cleo und Paula, haben sie im Sommer 2017 schweren Herzens aufgegeben, nur für seine berufliche Veränderung. „Als Fußballer ist die Umstellung relativ einfach. Das sieht für meine Frau und unsere Kinder natürlich anders aus. Für die ist es viel schwieriger, weil sie all ihre Freunde und das soziale Umfeld in Hamburg zurückgelassen haben“, erklärt Gonther nach dem Wechsel im Stadionheft Kreisel und sagt, er habe noch einiges vor.

Ohne Einfluss auf der Tribüne

Gut vier Wochen später verschickt der Verein die Pressemitteilung mit der Kreuzband-Diagnose des Neuzugangs, der von seinen Mitspielern trotz der langen Verletzungspause auch in dieser Saison in den Mannschaftsrat gewählt worden ist. Gon-thers Meinung ist gefragt, auch wenn er feststellt, dass es nicht einfach ist, sich von außen einzubringen. Noch schlimmer aber ist die Zuschauerrolle, wie er meint: „Das ist extrem schwierig, auf der Tribüne oder vorm Fernseher zu hocken. Dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin total angespannt, viel mehr, als wenn ich selbst spiele. Da hätte ich wenigstens einen gewissen Einfluss.“

So wie am Samstag in Magdeburg, als er in der 86. Minute tatsächlich eingewechselt wird – und den Gegentreffer zum 2:2-Endstand in der Nachspielzeit auch nicht verhindern kann. „Der Moment, als ich den Platz betreten habe, war Routine, das habe ich mir in den Monaten vorher deutlich emotionaler vorgestellt“, sagt er, was womöglich auch mit dem hektischen Spiel und dem bitteren Ende zusammenhängt. Die persönliche Freude kommt am Abend, als er zu Hause die Zahnbürste auspackt. „Ich bin einfach nur glücklich, wieder dabei zu sein“, sagt Gonther.

Sein nächstes Ziel heißt jetzt: Großaspach, Dynamos Testspiel am Freitagabend. Die Zahnbürste muss also gleich wieder in die Tasche, was nicht zuletzt Frau Gonther freuen wird. „Sie ist“, sagt er, „glaube ich, richtig glücklich darüber, dass ich am Wochenende mal wieder weg bin.“

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