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Mittwoch, 15.11.2017

Gastwirt schließt die Linde

Der Rehnsdorfer Gasthof macht Ende Dezember zu. Weil es Steffen Jack an Personal fehlt. Und das ist nur ein Grund.

Von Manuela Paul

Reichlich sieben Jahre bewirtschafteten Steffen Jack und seine Ehefrau die Rehnsdorfer Linde. Das Gasthaus mit dem tollen Biergarten, in dem man sogar in der Krone einer über hundert Jahre alten Linde sitzen kann, schließt Ende Dezember.
Reichlich sieben Jahre bewirtschafteten Steffen Jack und seine Ehefrau die Rehnsdorfer Linde. Das Gasthaus mit dem tollen Biergarten, in dem man sogar in der Krone einer über hundert Jahre alten Linde sitzen kann, schließt Ende Dezember.

© René Plaul

Rehnsdorf. Steffen Jack und seine Ehefrau Claudia sind am Ende. Mit ihrer Kraft. Nicht etwa mit ihrer Ehe. Darum geben sie die Bewirtschaftung der Rehnsdorfer Linde auf. Ab 31. Dezember bleibt das Traditionshaus erst einmal zu. Seit dies im Buschfunk die Runde macht, gibt es die wildesten Gerüchte und Spekulationen. Immer wieder wird da von Scheidung gemunkelt. „Ich gehe angeblich nach Südtirol und du in die Steiermark. Das war es doch? Oder das Zillertal?“, unkt Steffen Jack zu seiner Frau.

Dem ist natürlich nicht so. Das Gastwirtspaar lässt sich nicht scheiden. „Wir sind glücklich“, betont Claudia Jack. Doch so ganz stimmt das nicht. Die Wirtsleute sind zwar in ihrer Ehe zufrieden, aber in puncto Arbeitsalltag unglaublich frustriert und abgekämpft. Schon seit anderthalb Jahren steht Steffen Jack nahezu allein in der Küche. Das geht zum einen an die Substanz. Zum anderen bleibe dabei auch die Familie und das ganze soziale Umfeld auf der Strecke, erklärt der Gastronom, während seine Frau mit den Tränen kämpft.

Wenn er – wie jetzt am Sonntag zur Mittagszeit – beispielsweise allein 70 Essen zubereitet, kann es auch schon mal passieren, dass Gäste vierzig Minuten auf ihr Essen warten müssen. „Das ist für alle Seiten unbefriedigend.“ Gern hätte er einen zweiten Koch eingestellt. „Doch es ist sehr schwer, Personal zu finden“, so der Mittvierziger, der keinen Hehl aus seiner Enttäuschung macht. „Offensichtlich hat kaum einer noch Lust in der Gastronomie zu arbeiten.“

Leicht haben sich Jacks die Entscheidung nicht gemacht. Immer wieder gab es Versuche, die angespannte Situation zu entschärfen. Beispielsweise hatten sie die Bestuhlung im Biergarten reduziert. Doch das sei auf Unverständnis gestoßen. Dann hatten sie sich dazu durchgerungen, am Wochenende keine Cateringaufträge mehr anzunehmen, um die Kraft ins Tagesgeschäft zu stecken. „Irgendwas bleibt auf der Strecke, wenn man mit so einer kleinen Mannschaft beides macht.“ Neben Steffen und Claudia Jack kümmert sich noch ein Kellner um die Gäste. Und sie haben eine Mitarbeiterin, die die Wirtsleute als gute Seele des Hauses bezeichnen. Sie hilft quasi als Mädchen für alles überall aus. „Beide haben immer mitgezogen“, lobt der Chef. Dass die beiden 58-Jährigen nun auch neu durchstarten müssen, tue ihm zwar leid, doch es gehe einfach nicht mehr. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht. „Alles ist teurer geworden. Vom Strom über Versicherungen bis hin zu Lebensmitteln.“ Eigentlich müsste man das auf den Preis der Gerichte umlegen. Doch das sei im ländlichen Raum nicht so einfach. „Wir können das nicht einfach so weiterreichen, wie beispielsweise Gastwirte in Dresden“, weiß Steffen Jack. „Da würden die Leute fragen, ob wir ne Macke haben.“ Doch wenn man die Preiserhöhungen nicht in der Kalkulation einrechne, schustere man zu. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht eine Dummheit. „Wir haben auch schon überlegt, die Karte zu verkleinern“, erzählt der Küchenchef. Doch das widerstrebt seiner Berufsvorstellung. Steffen Jack hatte den Anspruch, neben den traditionellen Gerichten, auch raffiniertere anzubieten. Frisch gekocht, versteht sich. „Ich wollte zeigen, dass es auch was anderes gibt als Schnitzel und Feuerfleisch.“ Denn dafür sei er nicht Koch geworden. Deshalb gab es in der Linde beispielsweise Spezialitätenwochen. Doch das sei inzwischen wirtschaftlich nicht mehr machbar.

Am Ende sei nur eine Option geblieben: Die Reißleine zu ziehen. Trotzdem wollen Jacks bis zum 31. Dezember noch durchziehen. Wohin es Steffen Jack danach beruflich treiben wird, das weiß er noch nicht. Angebote habe er schon. Kein Wunder. In der Küche macht dem Linden-Wirt so leicht keiner etwas vor. Er hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. In Nürnberg. Danach arbeitete er in renommierten Häusern wie der „Baumwiese“ in Radebeul oder dem „Kaiserhof““in Radeberg, unter anderem als Küchenchef. Auch in der Schweiz hat er schon gekocht. Arbeit zu finden wird sicher nicht schwer. Köche werden derzeit überall gesucht. Ganz anders als vor reichlich sieben Jahren. „Damals hat niemand einen Koch gesucht.“ Also machten Jacks den Schritt in die Selbstständigkeit, um Arbeit zu haben. „Es macht ja auch Spaß, Gäste zu bewirten.“ Die Zufriedenheit zu spüren, zu hören, dass es geschmeckt habe, sei immer ein schönes Gefühl. Doch leider habe sich auch das verändert. Das Klima in der Gesellschaft ist rauer geworden. Das bekommen auch Gastwirte zu spüren. Dreiste Forderungen, Unverschämtheiten und schlechtes Benehmen brechen sich Bahn. „Da fehlen einem manchmal die Worte.“

Dass sie all die Jahre durchgehalten haben, ist auch ein Verdienst ihrer Familien, die ihnen, den Rücken freigehalten haben. Und auch ihre Tochter Anna-Lena hat entscheidenden Anteil daran. Denn sie hat klaglos akzeptiert, dass Mama und Papa jedes Wochenende in der Linde und nicht zu Hause waren. „Wenn ich sonntags Eltern mit ihren Kindern in unserem Biergarten Eis essen sah, da gab es mir oft einen Stich ins Herz“, sagt Claudia Jack. Sie wusste ihre Tochter zwar bei Oma und Opa gut aufgehoben, trotzdem war da diese Sehnsucht nach einem normalen Familienleben, wie es andere auch haben. Das wollen sich die Wirtsleute jetzt gönnen.

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