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Montag, 01.10.2018

Futter für das Phrasenschwein

Von Thomas Riemer

Der eingewechselte Dennis Scholtissek (links) versucht, den Riesaer Willy Christoph Mörer zu überlaufen. Die BSG Stahl bot im Derby defensiv eine starke Vorstellung und schlug in der 90. Minute eiskalt zu.Foto: Matthias Kost
Der eingewechselte Dennis Scholtissek (links) versucht, den Riesaer Willy Christoph Mörer zu überlaufen. Die BSG Stahl bot im Derby defensiv eine starke Vorstellung und schlug in der 90. Minute eiskalt zu. Foto: Matthias Kost

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Derbysieg! Während Spieler, Betreuer und Fans der BSG Stahl Riesa sich am Sonnabend kurz vor 17 Uhr zum „Indianertanz“ auf dem Großenhainer Rasen trafen, schlichen sich die Gastgeber leise vom Platz. Auch im dritten Spiel in der Landesliga gegen die Elbestädter blieb der Großenhainer FV punktlos. Die Stahler dagegen fuhren mit dem 1:0 ihre ersten drei Zähler der Saison ein. „Das ist Fußball!“ Oder: „Das Runde muss ins Eckige.“ Das berühmte Phrasenschwein wäre nach dem Abpfiff der umkämpften, hochdramatischen, aber keinesfalls hochklassigen Partie sehr gut gefüllt worden. Viele Klischees wurden bedient, auch schon im Vorfeld. Natürlich galten die Großenhainer diesmal als klarer Favorit – angesichts der Vorsaison und auch wegen des misslungenen Starts der Riesaer. Es kam – wieder einmal – anders.

GFV-Trainer Kupper musste personell erneut tief in die Kiste greifen. Zwar konnte er auf einige „Rückkehrer“ vertrauen. Doch mit Marcel Fricke (Kreuzbandriss – OP in dieser Woche) und Thomas Löffler (Muskelbündelriss) gibt es erneut zwei Langzeitausfälle zu beklagen. Dennoch: Eine „Notelf“ stand am Sonnabend nicht auf dem Platz. Stahl-Coach Daniel Küttner wiederum schickte eine sehr junge, hochmotivierte Truppe aufs Geläuf.

630 zahlende Zuschauer hatten ihre Plätze noch gar nicht richtig bezogen, als es den ersten „Knaller“ zu registrieren gab. Einen verunglückten Rückpass von Michael Gallwitz schnappte sich Paul Konrad Witschel, bediente Torjäger Torsten Marx. Doch das Leder sprang vom Innenpfosten ins Spielfeld zurück. Da waren gerade mal 20 Sekunden gespielt. Es war schon die „Schlüsselszene“. Und noch in der gleichen Minute hatte Henning Lotzmann nach feinem Solo von Nick Volkmann die Führung auf dem Schlappen, scheiterte jedoch an einem Stahl-Bein.

Stahl fing sich langsam. Stark defensiv eingestellt, sehr zweikampfstark, wurden die Angriffsbemühungen der Gastgeber frühzeitig zerstört. Die hatten zwar wesentlich mehr Ballbesitz und auch Chancen. Doch im Spielaufbau wirkte vieles überhastet. Zudem war Torsten Marx bei den Riesaer Defensivhünen in guten Händen, kam bei langen Bällen kaum zum Zuge. Wie aus dem Nichts wäre das Küttner-Team dann sogar fast in Führung gegangen. Doch der ansonsten eher blasse Paul Kiontke vergab einen sogenannten „Doppelriesen“ (19.). Bis zur Pause ein unverändertes Szenario: Der GFV dominant, auch mit guten Torgelegenheiten insbesondere durch Witschel. Stahl dagegen auf Sicherheit bedacht, offensiv kaum spürbar, „lullte“ seinen Gegner regelrecht ein.

Nach dem Wechsel hielten beide Teams weitgehend an ihrer „Linie“ fest. Spielerisch klar im Vorteil, tat sich der GFV aber weiterhin beim Aufbau schwer. Die meist langen Pässe erreichten in der Regel einen Gegenspieler. Bei den wenigen tollen Gelegenheiten zeigte der junge Riesaer Torwart Goldhammer, warum er derzeit die Nummer 1 ist. Stahl Riesa wiederum beschränkte sich aufs „Zerstören“ und kompromisslose Aktionen – zumeist mit fairen Mitteln. Glück hatten die Riesaer zudem in der 79. Minute, als Marx im Strafraum fiel, der mögliche Elfmeterpfiff des oft recht kleinlichen Schiedsrichters Mirko Eckart aus Döbeln aber ausblieb.

GFV versucht es mit der Brechstange

Zehn Minuten vor Schluss packte der GFV dann die Brechstange aus. Marx tankte sich durch die Abwehr, doch gleich sechs Beine versperrten den Weg zum Tor (83.). Eine Minute später versuchte es Bachmann mit einem Gewaltschuss – übers Stahl-Gehäuse. Und dann kam es, wie es kommen musste. Die Riesaer arbeiteten sich behäbig bis zu einem Eckball nach vorn. Der Ball flog mit viel Effet in den Fünf-Meter-Raum. Am langen Pfosten hatten die Großenhainer Norman Gründler „vergessen“ – der traf zuerst die Latte, im zweiten Versuch das Tor. Gespielt waren exakt 90 Minuten. Die schockierten Gastgeber schafften in der Nachspielzeit nichts mehr. Der Rest war Jubel in Blau-Weiß.

GFV-Trainer Thomas Kupper fand nach der Enttäuschung schnell die Sprache wieder. „Wir waren gut im Spiel, es war über weite Strecken Einbahnstraßenfußball. Aber wir haben eine Vielzahl von Chancen ungenutzt gelassen.“ Stahl Riesa sei quasi nur ein Mal richtig gefährlich gewesen – was zum „goldenen“ Tor führte. „Wir hätten gewinnen müssen, haben aber nicht. Trotzdem habe ich meiner Mannschaft nichts vorzuwerfen“, so Kupper. Sein Gegenüber Daniel Küttner zeigte sich äußerlich ungerührt. „Wir hatten uns diesen Ausgang so gewünscht, sind happy und zufrieden.“ Die Marschroute, den GFV zu langen Bällen zu zwingen, sei aufgegangen. „Und das haben wir dann mit großem kämpferischen Einsatz verteidigt.“

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – wieder etwas fürs Phrasenschwein. Für beide Teams heißt das „englische Woche“. Am Tag der Einheit reist der GFV nach Pirna-Copitz und die BSG Stahl empfängt den Aufsteiger aus Neusalza-Spremberg.

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