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Samstag, 11.08.2018

Freude bei Urlaubern, Sorgen bei Bankern

Der Kursverfall der türkische Lira geht immer schneller vor sich. Das macht dem Land Sorgen und die Märkte nervös.

Von Rolf Obertreis

Währungstausch heißt derzeit auch auf diesem Istanbuler Markt schnell rechnen. Die türkische Lira verfällt rasant.
Währungstausch heißt derzeit auch auf diesem Istanbuler Markt schnell rechnen. Die türkische Lira verfällt rasant.

© dpa

„Macht Euch keine Sorgen“, ruft der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seinen Landsleuten zu. Es gehe dem Land „heute besser als gestern“ – und am nächsten Tag werde es sogar noch besser. „Vergesst nicht: Wenn die USA Dollar haben, dann haben wir unseren Gott.“ Genau solche Worte aber vergrößern eher die Sorgen – nicht nur der Türken.

Am Freitagnachmittag rutschte der Kurs der türkischen Lira zum US-Dollar dann zeitweise auf ein Rekordtief von 6,87 Lira ab. Zuvor hatte US-Präsident Trump auf Twitter mitgeteilt: „Ich habe gerade eine Verdoppelung der Zölle auf Stahl und Aluminium hinsichtlich der Türkei bewilligt.“ Auch gegenüber dem Euro verlor die türkische Währung weiter drastisch an Wert. Mussten für einen Euro am Jahresanfang noch 4,50 Lira bezahlt werden, sind es jetzt mehr als 7,20 Lira. Das freut Türkei-Urlauber, bei Ökonomen werden die Sorgenfalten aber immer größer.

Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sieht eine Vertrauenskrise und die türkische Währung in einer „Abwärtsspirale“. Mittlerweile wird an den Finanzmärkten schon über die Zahlungsunfähigkeit der Türkei spekuliert. Die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte Bankenaufsicht prüft offenbar, ob sich aus den Forderungen europäischer Banken an die Türkei Probleme ergeben könnten.

Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben Banken aus Spanien in der Türkei derzeit Kredite in Höhe von rund 83 Milliarden Dollar ausgereicht, aus Frankreich 38 und aus Italien und Deutschland je rund 17 Milliarden Dollar. Deutsche Institute haben vier Milliarden Dollar an türkische Banken, fünf Milliarden an Unternehmen und zwei Milliarden an öffentliche Kreditnehmer gegeben. „Alles kein Drama“, sagt ein Banker.

Insgesamt gilt es derzeit als unwahrscheinlich, dass die Türkei-Krise Probleme auch in der Eurozone verursachen könnte. Die EZB stuft die Lage als noch nicht kritisch ein. Aber am Devisenmarkt ist man vorsichtig. Am Freitag rutschte der Euro auch, wie es hieß, wegen der Entwicklung in der Türkei, auf unter 1,15 Dollar und damit den tiefsten Stand seit einem Jahr.

Die Bedienung und Rückzahlung der Kredite wird für türkische Unternehmen immer teurer, weil sie für ihre Aufträge in Lira bezahlt werden, aber Zins und Tilgung in Dollar oder Euro überweisen müssen. Möglicherweise droht einigen Unternehmen sogar die Pleite. „Für die aktuelle massive Schwäche der Lira sind hausgemachte Probleme verantwortlich“, sagt Commerzbank-Ökonom Lutz Karpowitz.

Zwar wächst die türkische Wirtschaft 2018 vermutlich um rund fünf Prozent, aber das Leistungsbilanzdefizit von sechs Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist massiv – die Bonität der Unternehmen sinkt, die Devisenreserven schrumpfen. Auch die mittlerweile bei 15 Prozent liegende Inflation schürt die Skepsis gegenüber der Politik von Erdogan und befördern den Vertrauensverlust in die Türkei. Holger Bahr von der DekaBank verweist zudem auf die hohe kurzfristige Auslandsverschuldung.

Höchst problematisch sind zudem die Attacken Erdogans auf die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank. Sie müsste eigentlich die Zinsen erhöhen. Das aber passt dem Präsidenten überhaupt nicht. Zur schwierigen Lage tragen der Konflikt mit den USA und wahrscheinliche Sanktionen wegen des von der Türkei festgehaltenen Pastors Andrew Brunson bei.

Mittlerweile droht dem Land sogar die weitere Herabstufung durch Ratingagenturen. „Wir schauen uns die Entwicklung genau an“, heißt es bei Fitch. Die Agentur hatte die Note erst im Juli auf „BB“ gesenkt. Investments in der Türkei gelten damit als spekulativ. Nach Angaben von Commerzbank-Ökonom Karpowitz braucht das Land pro Jahr Kapitalzuflüsse von mindestens 40  Milliarden Euro. Faktisch aber machen Investoren derzeit einen immer größeren Bogen um das Land.

Auch der Rubel schwächelt

Sorgen bereitet den Volkswirten aber auch die anhaltende Schwäche des Rubels. Der Kurs der russischen Währung ist gegenüber dem Dollar mit knapp 67 Rubel auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren abgerutscht. Für einen Euro müssen mittlerweile 77 Rubel bezahlt werden – 13 Prozent mehr als Ende vergangenen Jahres. Es könnten schon bald 72 Rubel für den Dollar und 83 für den Euro sein.

Die Rendite russischer Staatsanleihen ist auf den höchsten Stand seit fünf Jahren gestiegen. Grund ist der Konflikt zwischen Russland und den USA wegen der Nervengift-Anschläge auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und die Sanktionsdrohungen durch die USA. Freilich stünde Russland erheblich besser als die Türkei, sagt Ökonom Bahr. Die Leistungsbilanz sei im Plus, die Auslandverschuldung niedrig und Russland verfüge über Öl und andere Rohstoffe. Und Russland hat die Rezession im vergangenen Jahr überwunden. Der Internationale Währungsfonds rechnet für 2018 mit einem Wachstums-Plus von 1,7 Prozent, im Jahr darauf noch mit 1,5 Prozent. Da hat auch die Fußball-WM kaum einen Schub gebracht.

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