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Donnerstag, 09.08.2018

Fledermaus-Idyll in Gefahr

Mehr als 66000 Euro fließen in den Erhalt der alten Lindenallee in Ruppersdorf – zum Wohl der Tiere. Eine heikle Mission.

Von Anja Beutler

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Ingenieur Lutz Edelmann (großes Foto, links) erklärt SZ-Mitarbeiterin Anja Beutler, warum die Lindenallee in Ruppersdorf als Lebensraum für Fledermäuse und andere Tiere so wichtig ist.
Ingenieur Lutz Edelmann (großes Foto, links) erklärt SZ-Mitarbeiterin Anja Beutler, warum die Lindenallee in Ruppersdorf als Lebensraum für Fledermäuse und andere Tiere so wichtig ist.

© Bernd Gärtner

Die Jahrhunderte alten Linden stützen und reparieren sich nach Schäden oft selbst....
Die Jahrhunderte alten Linden stützen und reparieren sich nach Schäden oft selbst....

© Bernd Gärtner

und sind innen häufig hohl.
und sind innen häufig hohl.

© Bernd Gärtner

Ruppersdorf. Gleich hinter dem Ruppersdorfer Forsthaus führt ein huckeliger Weg geradewegs in eine idyllisch grüne Welt. Eine alte Lindenallee ist es, die hier in Richtung Wald führt, links und rechts von abgeernteten Feldern umgeben. Vor Jahrhunderten fuhr man hier per Kutsche auf das Rittergut Oberruppersdorf zu. Heute nutzen Landwirte mit ihren Maschinen diesen Weg ebenso wie Spaziergänger mit und ohne Hund. Auch Lutz Edelmann ist in letzter Zeit häufiger hier und hat vor allem Augen für die riesigen und sehr alten Bäume. Edelmann ist selbstständig als Beratender Ingenieur für Freiraum- und Landschaftsplanung unterwegs und bereitet gerade eine besondere Rettungsaktion vor, die rund 66 400 Euro kostet. Zu 90 Prozent finanziert sie der Freistaat, den Rest muss die Stadt beisteuern, die verpflichtet ist, dieses besondere Alleen-Biotop zu erhalten.

Gerettet werden sollen in den kommenden Wochen die Wohnhöhlen der Fledermäuse, die sich in und an den Bäumen befinden. „Wir haben konkret den Auftrag, etwas für den Naturschutz, speziell für die Fledermausquartiere zu tun“, bringt es Edelmann auf den Punkt. Es gehe ausdrücklich nicht um eine Verkehrssicherung auf dem Wirtschaftsweg und auch nicht darum, die Allee zu erneuern oder die Lebensdauer der Bäume an sich zu verlängern, stellt er klar. Lebensdauer ist das, was diese Bäume in großem Maße aufzubieten haben: Zu wahren Riesen sind die knapp 50 Linden in den rund 200 Jahren gewachsen. 30, gar 40 Meter sind viele von ihnen hoch. Lutz Edelmann kann in und an ihnen lesen wie in einem Buch: „Man sieht, dass die Linden früher gestutzt wurden“, sagt er und zeigt auf die dicken Stämme. Als dann irgendwann dieser rund um Herrnhut typische Schnitt wegfiel, haben sich die Bäume entfaltet. Aus dem großen Stamm sind kleine Stämmlinge gesprossen, die mittlerweile wie eigenständige Bäume aufragen.

Dort, wo sich die Stämmlinge verzweigen, bildet sich fast immer eine Mulde. Hier sammelt sich Wasser und Feuchtigkeit. Das Holz beginnt zu faulen und den dicken unteren Stamm auszuhöhlen. Auch bei weiteren Verzweigungen bilden sich solche Hohlräume, in denen – nicht nur – die Fledermäuse gern schlafen und vermutlich teilweise sogar überwintern. Sieben Fledermausarten hat der Sächsische Fledermausverband erst in den vergangenen Wochen hier nachgewiesen – darunter beispielsweise die Zwergfledermaus. Bei den Arbeiten werden die Fledermausexperten auch mit vor Ort sein, um dann, wenn durch die Arbeiten unabsichtlich Quartiere zerstört werden müssen, die Tiere zu bergen und „Ersatzwohnungen“ an der Allee einzurichten. „Diese Bäume sind ein einzigartiges Biotop mit ihren abgestorbenen Ästen“, beschreibt Lutz Edelmann. „Es gibt eine Käfergruppe, die in solchen Höhen auf abgestorbenes Holz angewiesen ist.“

Die für Tiere so wertvollen Baumhöhlen haben aber auch einen gewaltigen Haken: Bei so mancher Linde ein Teil des Stammes weggebrochen, weil die Last der Krone zu groß geworden war. „Hier steht nur noch die Hälfte des Baumes und die neigt sich bedrohlich zur Seite“, sagt Lutz Edelmann und zeigt auf eine besonders hoch aufgeschossene Linde, die viel schmaler als die anderen wirkt. In einem solchen Fall wird die beauftragte Firma – Baumdienst Knorre aus Bautzen – wohl die Höhe etwas kappen müssen, um die Last zu nehmen. An anderen Bäumen sollen Anker das Auseinanderbrechen der Stämme verhindern. „Das geschieht mit gepolsterten Schlaufen, die um die Äste gelegt werden. Sie sind so ausgestattet, dass sie bei Wind und Wetter dem Baum Spielraum lassen“, erklärt Edelmann.

52 Bäume hat der Ingenieur auf der Liste, die Lebensraum für viele Tiere bieten – 45 davon sind alte Linden. Bei nahezu allen dieser Bäume gibt es Handlungsbedarf, wenn auch nicht überall in gleichem Maße. „Wir werden hier und da durchaus Teile kappen, aber nur da, wo es unbedingt sein muss“, betont er. Denn jeder Schnitt gerade im sogenannten Starkastbereich ist eine Gefahr, eine Angriffsfläche für Schädlinge. Bislang haben die Linden so mancher Unbill getrotzt und sich selbst reparieren und stabilisieren können: „Hier hat der Baum Äste nach unten wachsen lassen, die wie Wurzeln fungieren und die Linde abstützen“, erklärt Edelmann und zeigt die neckisch aussehenden, verschlungenen Äste, die wie Arme nach unten greifen. Die Linden in dieser Allee haben alle auf diese Weise Gesicht und Charakter.

Und dennoch müssen sie mit den Menschen leben: Mit Landwirt Roland Weber zum Beispiel, der seinen Wagen stoppt, als er Lutz Edelmann auf Bauminspektion sieht. Ob man denn bei der Gelegenheit etwas dafür tun könne, dass der Weg nicht zuwachse, fragt er. Mit Mähdrescher & Co. durchzukommen, sei schwieriger geworden. Edelmann wiegt den Kopf. Nein, in diesem Projekt geht das nicht. Aber den Wildwuchs in der Allee entfernen, das kann die Stadt ab Herbst selbst tun. Bis dahin sollten die Arbeiten für die Fledermausquartiere beendet sein. Denn die starten nach jetzigem Stand in der vorletzten Augustwoche und müssen im September beendet werden.