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Samstag, 13.01.2018

Feuerfüchse im Nebelwald

Der Lausitzer Tierfilmer Axel Gebauer war zwei Jahre auf den Spuren der Roten Pandas im Himalaya. Nun ist sein Film über die seltenen Tiere zu sehen.

Von Christina Wittig-Tausch

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Selten und knuffig: Rote Pandas leben im Himalaya-Gebirge. Sie sind kleiner und nicht verwandt mit ihren Namensvettern, den schwarz-weißen Großen Pandas.
Selten und knuffig: Rote Pandas leben im Himalaya-Gebirge. Sie sind kleiner und nicht verwandt mit ihren Namensvettern, den schwarz-weißen Großen Pandas.

© Axel Gebauer

Doch, manchmal ist die Arbeit so schön: Der sächsische Tierfilmer Axel Gebauer im Einsatz im Himalaya-Gebirge.
Doch, manchmal ist die Arbeit so schön: Der sächsische Tierfilmer Axel Gebauer im Einsatz im Himalaya-Gebirge.

© Axel Gebauer

Lecker: Rote Pandas – oder Kleine Pandas, wie sie auch heißen –verspeisen Bambus, außerdem Mehlbeeren und Kiwis.
Lecker: Rote Pandas – oder Kleine Pandas, wie sie auch heißen –verspeisen Bambus, außerdem Mehlbeeren und Kiwis.

© Axel Gebauer

Doch, manchmal ist die Arbeit so schön: Der sächsische Tierfilmer Axel Gebauer im Einsatz im Himalaya-Gebirge.
Doch, manchmal ist die Arbeit so schön: Der sächsische Tierfilmer Axel Gebauer im Einsatz im Himalaya-Gebirge.

© Axel Gebauer

Leichtfüßig durch den Dschungel: Axel Gebauers einheimische Führer weisen den Weg zum Roten Panda.
Leichtfüßig durch den Dschungel: Axel Gebauers einheimische Führer weisen den Weg zum Roten Panda.

© Axel Gebauer

Nebel wabert durch den Märchenwald. Umstreicht uralte Eichen, gigantischen Bambus und mächtige Rhododendronbäume, die hier, im Himalaya, bis zu dreißig Meter hoch werden können. Plötzlich bewegt sich etwas zwischen Ästen und Blättern, langsam und sacht, kommt allmählich näher. Ein felliges Tier, das von der Gestalt an eine Mischung aus Katze, Fuchs und einem kleinen Bären denken lässt. Aus braunen Knopfaugen blickt es gelassen in Richtung der Kamera. Auch die Nase wirkt wie ein knubbeliger Knopf. Gesicht und Körper sind bedeckt mit rötlichem Fell, in das sich weiße Flecken mischen: Der Rote Panda.

Er gilt „als das hübscheste Säugetier der Welt“. Diesen Ausdruck hat der französische Naturforscher Frédéric Cuvier zu Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt, als die europäischen Wissenschaftler daran gingen, die Welt und ihre Lebewesen zu vermessen, zu benennen, zu systematisieren. Cuvier hatte das Tier noch nicht einmal leibhaftig zu sehen bekommen, sondern nur ein Fell, das ihm ein Jäger brachte. Axel Gebauer, Tierfilmer aus einem kleinen Dorf bei Boxberg in der Lausitz, zitiert den Ausdruck gern. „Ich sehe das genauso“, sagt er. Zweieinhalb Jahre hat er im Auftrag von NDR Naturfilm/doclights an einem Film über die Roten Pandas gearbeitet. Dafür verbrachte er viele Monate in ihrer Heimat, im Grenzgebiet zwischen Nepal, Indien, China und Bhutan. Und erlebte etwas, von dem er selbst viele Jahre geträumt hatte: Die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten zu können, in den regenreichen Urwäldern des Himalaya zwischen 2 500 und 4 500 Metern Höhe, überragt von den höchsten Bergen der Erde. In einigen Tagen wird der Film mit dem Titel „Der Kleine Panda“ erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen sein, auf Arte.

Rote Pandas sind scheu. „Selbst manche ausgewiesene Pandaforscher haben noch kein Tier in der Wildnis zu Gesicht bekommen“, sagt Gebauer. Der 62-Jährige war für die Dreharbeiten vor allem in Nepal unterwegs, wo das Red Panda Network, dem er angehört, mit Einheimischen zusammenarbeitet, die Forscher und interessierte Laien zu den Tieren führen. Entspannte Bergausflüge sind das nicht gerade. Die jungen Nepalesen erspähen von Felsvorsprüngen aus in Kilometerentfernung die roten Punkte in den Bäumen und begeben sich schnellstmöglich dorthin, oft im Laufschritt durch den unwegsamen Dschungel. „Wir dann hinterher, mit Kamera und Stativ auf dem Rücken. Beides wiegt je 20 Kilo. Aber auf 3 500 Meter Höhe fällt einem das Rennen am Hang doch ziemlich schwer“, erzählt Axel Gebauer.

Er ist fasziniert von den „Jungs“, die sich meist in der Landwirtschaft verdingen, aber sich ein enormes Wissen über die Pandas erarbeitet haben. Gebauer und sein Team lebten und aßen bei ihnen und ihren Familien, immer in anderen Häusern, damit alle im Dorf etwas von den willkommenen Einnahmen durch die Besucher haben. Strom gibt es in den Dörfern nicht, kaum Handyempfang, keinen großen materiellen Reichtum, und zu manchen der Siedlungen gelangt man nur zu Fuß oder über schmale, steile, gewundene Straßen, die vor Jahrzehnten angelegt wurden. „Aber es wird dennoch sehr viel gelacht“, erzählt Axel Gebauer. Seine Liebe zu den Feuerfüchsen, wie die Roten Pandas auf Chinesisch heißen, währt schon eine Weile. Sie begann im Naturschutz-Tierpark in Görlitz, dessen Leitung der Biologe 1985 übernahm. Nach der Wende nutzten der Direktor und seine Mitarbeiter die vorhandene Koniferen- und Rhododendron-Landschaft, um ein naturnahes Asien-Gehege einzurichten. Gebauer holte Rote Pandas in die Stadt an der Neiße, erlebte Generationen von Panda-Eltern und ihren Kindern, befasste sich wissenschaftlich mit ihnen. Die Pandas, die nicht verwandt sind mit ihren schwarz-weißen Namensvettern, sollten und sollen aber nicht nur die Besucher erfreuen. Sie gehören zu einem Artenschutzprogramm. Denn Rote Pandas sind selten und vom Aussterben bedroht. Trotz eines Verbots werden sie immer noch gejagt oder sogar als Haustiere gehalten. Vor allem aber Abholzungen zerstören ihre Lebensräume.

2011 verließ Axel Gebauer bewusst und aus freier Entscheidung den Görlitzer Tierpark, die sichere Arbeit, die festen Strukturen, das konstante Gehalt, machte seine Hobbys zum Beruf und arbeitet seitdem als selbstständiger Tierfilmer und -fotograf. Mal war er in der US-amerikanischen Sonora-Wüste unterwegs, mal im Kaukasus, immer wieder aber auch in der Heimat. In der Sächsischen Schweiz etwa. Oder in der Lausitz, die er immer noch gern, wenn er frei hat, durchstreift mit Kamera oder Fotoapparat auf der Suche nach den kleinen Wundern, die die Teichlandschaft bereithält.

Gebauer hat diese Wunder in einem Bildband versammelt – leuchtende Heide, kunstvolle Gräser, Spinnennetze im Morgenlicht oder aus dem Wasser lugende Moorfrosch-Männchen, die sich zur Paarungszeit knallblau färben. Der Film über die „Wilde Lausitz“, an dem der Sachse mitwirkte, bekam den Deutschen Naturfilmpreis. 2014 überzeugte er den Norddeutschen Rundfunk von seiner Idee, einen Film über den Roten Panda zu machen, unter anderem gaben auch der MDR und Arte Geld dazu. Einen solchen Film gibt es im deutschsprachigen Raum bislang noch nicht. Der einzige andere Dokumentarfilm über die „Geister im Nebel“ entstand vor einigen Jahren in Indien. „Schade, dass dieser Titel schon vergeben war“, sagt Gebauer und lacht. Denn tatsächlich gleichen die Pandas kleinen Geistern, und ihre Heimat, der Bambusdschungel im Himalaya-Gebirge, ist feucht und neblig. Die Katzenbären, wie die Roten Pandas auch genannt werden, bilden in der Biologie eine eigene Familie und sind sehr entfernt mit Mardern verwandt.

Rote Pandas gelten als die Faultiere des Himalaya. „Sie sind in der Dämmerung aktiv“, erzählt Gebauer. „Tagsüber ruhen sie auf Astgabeln oder Moospolstern, meist sehr weit oben in den Bäumen“, aus Angst vor Leoparden oder den bis zu einem Meter großen Buntmardern, die in seinem Film auch zu sehen sind. Die Roten Pandas bewegen sich eher gemächlich durchs Geäst und verspeisen hauptsächlich Bambusblätter, ungefähr anderthalb Kilo pro Tag. Wenn es sich ergibt, fressen sie Eier oder Insektenlarven, im Herbst gern Mehlbeeren oder Wilde Kiwis. Pandas wirken zwar etwas gemütlich bis behäbig, sind aber geschickte Kletterer, laufen entspannt in alle Richtungen an den Bäumen entlang, auch senkrecht nach unten. Krallen und Fell unter den Füßen helfen, sich sicher an den feuchten Stämmen zu bewegen.

Axel Gebauer erzählt in seinem Film ein Jahr im Leben einer Pandadame, beginnend mit den Wintermonaten im Dezember und Januar, der Paarungszeit, die aktivste Phase für die Pandas. Es ist eine fiktive Geschichte: Die Pandadame hat ihr Baby in Görlitz zur Welt gebracht, die Aufnahmen in der Baumhöhle entstanden vorsichtig und über Wochen im Tierpark, „denn wir wollen unter keinen Umständen, dass die seltenen Tiere in der freien Wildbahn gestört werden“, sagt Gebauer. Obwohl er und sein Team auch im Himalaya Weibchen mit kleinen Pandas beobachten konnten. Der Film verschweigt das nicht.

Axel Gebauer hält nichts von Tricks, um Aufnahmen interessanter zu machen. Er erzählt von einem französischen Fotografen, der in einem Film rät, dass man unter dem Baum, in dem der Panda sitzt, Krach machen und sich bewegen soll, damit das Tier aktiv wird. „Pandas haben schlechte Augen, aber ein sehr gutes Gehör. Laute Geräusche machen ihnen Angst“, sagt Gebauer. Er hat so manches Mal die einheimischen Führer und den Aufpasser-Offizier weggeschickt, damit Ruhe herrscht und kein Gekicher, und stundenlang still beobachtet. Irgendwann tobte eine Horde Assam-Makaken vorbei, der junge Panda oben im Geäst horchte und zitterte. Denn auch die Affen zählen offenbar zu seinen Feinden.

Den Roten Pandas bleibt Axel Gebauer erhalten. Er engagiert sich weiter für das Red Panda Network und Projekte zum Erhalt der Art und plant ein Buch über seine Begegnungen mit den Tieren und die Erlebnisse im Himalaya. Sein nächstes Filmprojekt wird wieder in Sachsen stattfinden und von einheimischen Schönheiten erzählen – von Rothirschen. Die Aufnahmen entstehen vorwiegend auf dem Truppenübungsplatz in der Muskauer Heide.

Axel Gebauers Film „Der Kleine Panda“ wird am 19.1.2018 um 18.35 Uhr auf Arte gezeigt.

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