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Samstag, 10.11.2018

Fernsehturm als „Akt der Versöhnung“

Uwe Steimle vergleicht das Projekt mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche. „Ich glaube nicht an Zufälle“, sagt er.

Von Andreas Weller

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Der Bund stellt mehr als 12 Millionen Euro für die Sanierung des Fernsehturms bereit.
Der Bund stellt mehr als 12 Millionen Euro für die Sanierung des Fernsehturms bereit.

© Rene Meinig

Uwe Steimle vergleicht das Projekt mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche.
Uwe Steimle vergleicht das Projekt mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche.

© Rene Meinig

Auch Uwe Steimle freut sich „riesig“ über die Millionen vom Bund für den Fernsehturm. Der Kabarettist und Schauspieler engagiert sich seit Jahren für die Wiedereröffnung. Bereits 2014 hat er die Petition für die Sanierung des Turms der Stadtverwaltung übergeben. 12 000 Unterschriften hatte der Verein Fernsehturm Dresden gesammelt. Als jahrelang nichts passiert war und die Machbarkeitsstudie ernüchternde Zahlen und Fakten ergab, kam Steimle im Juni 2017 zur Aktuellen Stunde in den Stadtrat. „Niemand hat die Absicht, einen Fernsehturm zu bauen“, lautete damals seine Einschätzung. Es werde nur so getan, als sei Demokratie.

Am Tag nach der Entscheidung des Haushaltausschusses des Bundestages, sprach die SZ erneut mit Steimle zum Thema. Der Bund stellt mehr als zwölf Millionen Euro als Denkmalförderung bereit. Wenn Land und Stadt sich ebenfalls beteiligen, kann die mehr als 25 Millionen Euro teure Sanierung klappen. Und Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) sagten umgehend Unterstützung für das Projekt zu (SZ berichtete). „Man hat ja fast den Eindruck, als gäbe es so etwas wie Demokratie“, so Steimle. „Ich freue mich für den Turm, denn es geht ja um die Sache.“

Immer wieder ist der Künstler in Sachen Turm aufgetreten. 2014 hat er eine Art Lotterie für die Finanzierung des Turms ins Spiel gebracht und auch vorgeschlagen, Künstler könnten auftreten, Gagen und Eintrittsgelder in die Sanierung fließen – er wollte mitmachen. Später trat er mit Fernsehturm-Nicki auf, startete eine zweite Petition, dieses Mal an die Staatsregierung gerichtet. Den Nicki trug er übrigens im vergangenen Jahr im Stadtrat erneut. Es gab ein Sektglas mit Turm und eine spezielle Sekt-Edition, die ebenfalls Steimle präsentierte. Der Künstler warb auch im Januar 2017 bei der Reisemesse für den Turm.

Im Mai vergangenen Jahres startete Steimle dann eine Art Kunstaktion: Er wollte, nach der Kritik an den Hochkant-Bussen und dem „Denkmal für den permanenten Neuanfang“, sein eigenes Kunstprojekt am Neumarkt haben. Steimle kam mit einer Fernsehturm-Skulptur aus Sperrholz, mit einer goldenen Mondsichel. Ein Symbol sowohl im Christentum als auch Islam. Islamkritiker, die auch zur Einweihung der beiden anderen Kunstwerke erschienen waren, jubelten Steimle zu. Bei den vorherigen Werken auf dem Neumarkt war dies anders – es gab Pöbeleien, die bundesweit Dresdens Ruf schadeten. Die Aktion machte Steimle zu einer Art Ikone bei Asyl-Kritikern. Ebenso, weil er in seinem Programm seine kritische Sicht etwa auf die Asylpolitik im Bund einbaute. Das brachte Steimle aber auch harsche Kritik von der anderen Seite ein. Er würde dem Volk zu sehr nach dem Maul reden, hieß es.

Damals war Steimle davon ausgegangen, dass der Turm nie saniert werde. Er hat eine Theorie, weshalb es nun anders kommen könnte. „Ich glaube nicht an Zufälle, eher an einen geschickten Schachzug. Die Politiker werden sich gesagt haben: Jetzt nehmen wir hier mal Druck raus, sonst drehen die Leute ganz durch.“ Schließlich sei jahrelang nichts passiert, obwohl laut einer Umfrage der „Dresdner Neueste Nachrichten“ 75 Prozent der Dresdner für die Wiedereröffnung sind.

Steimle wertet die Entwicklung als „Zeichen der Hoffnung“ und „Akt der Versöhnung“. „Das ist eine riesige Chance“, sagt der Kabarettist. „Wir leben alle in dieser Stadt und müssen miteinander auskommen.“ Der Turm könne „Leuchtturm“ für die Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt Europas 2025 werden. „Und auch so etwas wie die Frauenkirche.“ Auch wenn anfangs nicht alle den Wiederaufbau der Kirche befürwortet haben, hätte ganz Dresden dann geschaut, wie es gelingen kann. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass für die Frauenkirche enorme Spenden gesammelt wurden.

Es sei ein positives Signal, dass der Wille der Bürger nun in der Sanierung des Fernsehturms umgesetzt werden könne, meint Steimle. „Die Leute wollen nicht, dass über ihre Köpfe hinweg regiert wird.“ Demokratie sei kein Wunder, sondern müsse jeden Tag erkämpft werden, mit friedlichen Mitteln, wie Steimle betont. Nun werde er interessiert beobachten, wie es sich um den Turm weiterentwickelt. Steimle selbst könne sich sehr gut eine Schwebebahn vom Wachwitzer Wahrzeichen zum Hauptbahnhof vorstellen. Schließlich sei Dresden schon immer eine Art Vorreiter in Sachen Verkehr gewesen, in der die Schwebebahn und die Standseilbahn entwickelt wurden.

„Ich freue mich schon auf den Tag, wenn ich dort oben auf dem Fernsehturm wieder eine Bockwurst essen kann“, sagt Steimle. Das Café mit dem Ausblick könne noch mehr werden als früher. „Das ist auch ein Weitblick für die Demokratie.“