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Samstag, 10.03.2018

Faszination Flussfahrt

Binnenschiffer müssen Techniker und Nautiker sein – und einen Haushalt führen können. Die Sachsen lernen an der Elbe in Schönebeck.

Von Verena Wolff

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Überblick bewahren: Ausbilder und Lehrling im Maschinenraum.
Überblick bewahren: Ausbilder und Lehrling im Maschinenraum.

© dpa-tmn

Volle Fahrt voraus: Mit Ausbilder Johann Bergmann (hinten) bringt Julian Schnieders das Schiff auf Kurs.
Volle Fahrt voraus: Mit Ausbilder Johann Bergmann (hinten) bringt Julian Schnieders das Schiff auf Kurs.

© dpa-tmn

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Julian Schnieders ist schon früh auf ein Schiff gekommen. Sechs Jahre alt war er, als der Onkel ihn mitnahm. „Das muss mich so fasziniert haben, dass ich immer wieder und länger mitgefahren bin“, sagt der heute 19-Jährige, der im dritten Jahr seiner Ausbildung zum Binnenschiffer ist. Doch der Onkel ging in den Ruhestand, als Julian 13 war. Da war auch die Zeit des Mitschipperns zu Ende. „Ich hatte aber immer das Bedürfnis, wieder auf einem Schiff zu fahren und zu arbeiten.“ Darum hat er mit 15 ein Praktikum bei einer Reederei auf einem Tankschiff gemacht und dort mit der Ausbildung begonnen.

Doch Firma und Lehrling passten nicht zueinander. Schnieders zweifelte, fand dann aber einen anderen Ausbildungsplatz auf einem modernen Tankschiff eines Familienbetriebs. „Seither habe ich die Faszination für den Beruf wiedergewonnen“, sagt der junge Mann, der an Bord der „Charisma“ über die Flüsse und Kanäle in Deutschland und dem angrenzenden Ausland fährt. Ohne diese Faszination geht es nicht, sagt Volker Müßig. Er ist der Leiter des Schulschiffes „Rhein“, das in Duisburg-Homberg vor Anker liegt. Dort leben jedes Jahr rund 300 Auszubildende, die im benachbarten Schiffer-Berufskolleg unterrichtet werden. An Bord des Schulschiffs findet die Praxis statt. „Wer Binnenschiffer wird, der muss diesen Beruf mögen“, sagt Müßig, der im Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Binnenschifffahrt ist. Allerdings habe man einen Beruf, der vielseitig ist, Freiheiten mit sich bringt, aber auch unregelmäßige Arbeitszeiten. Schnieders hat bereits Erfahrung damit. Oft ist er zwei Wochen ununterbrochen an Bord. Dann hat er zwei Wochen frei. Manches Wochenende ist er deshalb nicht daheim.

Um die Ausbildung zum Binnenschiffer gut zu absolvieren und schließlich Teil eines Teams zu werden, müssen die jungen Leute einiges mitbringen. „Das ist weder ein Job für Mimosen noch für Egoisten“, sagt Müßig. „Wir brauchen Leute mit hoher Sozialkompetenz, die ein gutes technisches Verständnis haben und bei allem einspringen, was zu tun ist“, sagt Klaus Paulus, Schulleiter des Schiffer-Berufskollegs Rhein. Denn man sei mitunter lange allein oder im kleinen Team unterwegs, muss den Haushalt auf dem Schiff schmeißen, ist gleichzeitig Schiffsführer und Bordmechaniker. Dabei kommt es heute nicht mehr so auf die Kraft an wie noch vor ein paar Jahrzehnten. „Vieles wird heute per Joystick oder Touchscreen bedient“, sagt Azubi Schnieders. Trotzdem vermittelt die Schule natürlich die Grundlagen dessen, was sich hinter Technik und Mechanik verbirgt. „Zwar findet vieles in geschlossenen Schränken statt“, sagt Müßig. Trotzdem müsse jeder das Grundsätzliche verstehen. Der Mix aus Theorie und Praxis ist wichtig. „Wir haben einen Turnus, nach dem die jungen Leute ein Mal im Jahr drei Monate in der Schule sind und dann wieder auf ihrem Schiff oder im Ausbildungsbetrieb.“ Während Schnieders in Duisburg an der Berufsschule lernt, werden die Sachsen, die Binnenschiffer werden wollen, an den Berufsbildenden Schulen Schönebeck im Salzlandkreis unterrichtet, ebenfalls 13 Wochen am Stück. Deutschlandweit gibt es nur zwei Berufsschulen für diese Ausbildung. Laut Schulleitung in Schönebeck werden dort derzeit 13 junge Leute aus Sachsen ausgebildet, darunter eine Frau. Technisches Grundverständnis, Deutsch und Englisch sind wichtige Voraussetzungen. Viele Auszubildende seien Umschüler. Der älteste war 54 Jahre alt, sagt Paulus vom Schiffer-Berufskolleg Rhein. In einem normalen Jahrgang variiere das Alter zwischen 16 und 30 Jahren. Der Anteil der Frauen betrage 10 bis 15 Prozent.

Arbeit gibt es für die Bootsleute auf Passagier-, Güter- oder Tankschiffen, Fähren und Schleppern. Einer der großen Arbeitgeber in Sachsen ist die Sächsische Dampfschiffahrt. Aktuell arbeiten dort 47 Nautiker, wozu neben Maschinisten Binnenschiffer gehören. „Der Bedarf ist wegen des Generationswechsels und der gleichzeitigen Betreuung der Werft in Dresden groß“, sagt Ausbildungsleiter Jochen Haubold. Aktuell werden zwei Lehrlinge gesucht. Laut Arbeitsagentur gibt es in Sachsen 160 Binnenschiffer. Sie sind Maschinisten, Elektriker, Maler und Hauswirtschafter in einem. Das ist genau das, was Julian Schnieders gefällt.

Nach der Bootsmannprüfung lässt sich eine Meisterausbildung anschließen. Zudem ist ein Studium an der Hochschule in Elsfleth möglich. Unter den Ausbildungsberufen gehört der Binnenschiffer zu den bestbezahlten, so das Bundesinstitut für Berufsbildung: Im ersten Lehrjahr gibt es durchschnittlich 936 Euro, im zweiten 1 071 und im dritten bei 1 208. Facharbeiter verdienen nach Arbeitsagenturangaben im Durchschnitt 2 800 Euro. (dpa/rnw)

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