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Montag, 11.06.2018

„Eine plötzliche Ohnmacht ist nicht immer harmlos“

Viele Menschen fallen um. Was dahintersteckt und wann Betroffene alarmiert sein sollten, erklärt Chefarzt Dr. Schütz.

Von Anja Ehrhartsmann

Ein Defibrillator kann bei Herzrhythmusstörungen überlebenswichtig sein. Das kleine Gerät, wie es Dr. Markus Schütz von der Helios-Weißeritztal-Klinik Dippoldiswalde in den Händen hält, kann einen kurzen Schock abgeben und so die Rhythmusstörung beenden.
Ein Defibrillator kann bei Herzrhythmusstörungen überlebenswichtig sein. Das kleine Gerät, wie es Dr. Markus Schütz von der Helios-Weißeritztal-Klinik Dippoldiswalde in den Händen hält, kann einen kurzen Schock abgeben und so die Rhythmusstörung beenden.

© Egbert Kamprath

Dippoldiswalde. Eine Frau liegt am Boden. Von einem Moment auf den anderen ist sie einfach in sich zusammengesackt. Nach einer kurzen Bewusstlosigkeit kommt sie aber schon wieder zu sich und weiß nicht, was eben passiert ist. In Ohnmacht zu fallen und damit für einen Moment die Kontrolle über sich zu verlieren, ist für viele beunruhigend. Dabei stecken meist ganz harmlose Dinge dahinter, wie zum Beispiel ein niedriger Blutdruck. Was genau die Ursachen sein können und wann es für den Betroffenen gefährlich wird, erklärt Dr. Markus Schütz, Chefarzt der Medizinischen Klinik Dippoldiswalde, im SZ-Gespräch.

Herr Schütz, wie viele Dippser und Freitaler betrifft eine plötzliche Bewusstlosigkeit?

Das betrifft relativ viele Leute. Etwa 40 Prozent der Menschen fallen in ihrem Leben plötzlich um. Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom, das auch schon Jüngere ab 15 Jahren betreffen kann, aber eben nicht nur. Häufig sind die Ursachen ganz harmlos. Dahinter kann aber auch eine schwere Erkrankung stecken, die dann auch mit einer schlechten Prognose verlaufen kann. Wichtig ist es deshalb für uns herauszufinden, welche Menschen nur etwas Harmloses haben und welche eine schwere Krankheit.

Wo liegen die Ursachen, dass jemand einfach umkippt?

Wir unterscheiden insgesamt vier Patientengruppen, dementsprechend unterschiedlich sind auch die Ursachen. Es gibt verschiedene Formen von Bewusstlosigkeit: Synkope ist eine plötzliche, kurzzeitige Ohnmacht infolge einer Störung der Gehirndurchblutung, außerdem können neurologische Erkrankungen wie Epilepsie ein Grund sein, ebenso wie psychogene Anfälle oder seltene Erkrankungen.

Welche Patientengruppe ist am häufigsten vertreten?

Das lässt sich so nicht sagen. Ältere sind öfter herzkrank, und Jüngere haben öfter die harmloseren Formen. Eine häufige Form ist aber die Synkope, also eine plötzliche, kurze Bewusstlosigkeit, die oft dazu führt, dass der Patient stürzt. Ursache ist eine plötzliche Minderdurchblutung des Gehirns. Nach weniger als 20 Sekunden wachen die Betroffenen meist auf dem Boden liegend auf und fragen sich, was eigentlich passiert ist. In der Regel ist dann schnell wieder alles in Ordnung. Für diese Form der plötzlichen Ohnmacht kommen verschiedene Störungen infrage.

Und welche Störungen können das sein?

Wenn 15-Jährige, die beim Konzert erst in kollektives Schreien verfallen, dann plötzlich umfallen, handelt es sich meist um keine ernste Krankheit, sondern ist eher harmlos. Eine medizinische Behandlung braucht es deshalb nicht. Man kann leicht gegensteuern, in dem man zum Beispiel ausreichend trinkt. Das betrifft häufig Jüngere.

Und welche Probleme haben überwiegend Ältere?

Manche werden bewusstlos, während sie im Stehen Wasser lassen oder einen Hustenanfall haben. Diese Form der Synkope tritt häufig bei älteren Menschen auf und geht mit einer Nervenreizung einher, die zum Umfallen führt. In der Regel reicht es, die Situation zu vermeiden und sich etwa bei einem Hustenanfall hinzusetzen. Außerdem kommt es vor, dass das Blut beim Aufstehen aus sitzender oder liegender Position in den Beinen versackt und zu wenig im Kopf ankommt. Ältere haben damit eher Probleme und auch Menschen, die lange stehen. Auch das ist keine schlimme Erkrankung. Hier hilft es, ausreichend zu trinken und sich vor dem Aufstehen aus dem Bett erst einmal auf den Bettrand zu setzen und zu warten, bis der Schwindel vorbei ist.

Welche schlimmeren Störungen können zur Synkope führen?

Durchblutungsstörungen im Herzen. Diese Gruppe hat eine schlechte Prognose. Wer zum Beispiel nach einem Herzinfarkt umfällt, bei dem liegt die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Jahr zu sterben, bei 20 Prozent. Für etwa 80 000 Menschen pro Jahr ist das in Deutschland tödlich. Denn Herzinfarktpatienten haben eine Narbe am Herzen, das führt zu einer schlechteren Pumpleistung. In diesem Fall ist die plötzliche Bewusstlosigkeit Ausdruck einer schweren Erkrankung. Üblicherweise sind das Herzrhythmusstörungen, die dazu führen, dass nicht genug Blut im Kopf ankommt. In der Regel brauchen die Betroffenen einen Herzschrittmacher oder einen Defibrillator, je nach dem, ob das Herz zu langsam oder zu schnell schlägt.

Wie kann eine Diagnose gestellt werden?

Das Wichtigste ist eine ausführliche Befragung, um die Diagnose stellen zu können. Dann folgt eine gründliche körperliche Untersuchung: Es werden ein Elektrokardiogramm, also ein EKG geschrieben, Stehbelastungstests gemacht, der Wechsel vom Liegen zum Stehen untersucht und ein Herzultraschall gemacht. So werden Zeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine neurologische Erkrankung festgestellt. Wenn das Risiko einer schweren Erkrankung besteht, wird der Patient stationär aufgenommen, bis die verursachende Erkrankung feststeht.

Epileptiker neigen ja zu Krampfanfällen. Äußert sich das auch in der Ohnmacht?

Ja, denn in diesem Fall geht die Ohnmacht häufig mit Zuckungen einher. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass der Betroffene sich nicht auf die Zunge beißt. Keinesfalls sollte man ihm aber etwas in den Mund stecken, das die Atemwege blockieren könnte. Bei neurologischen Erkrankungen kann die Diagnose mithilfe einer Hirnstrommessung gestellt werden. Gerade Epilepsie lässt sich heutzutage aber gut behandeln.

Wie können seltene Krankheiten und psychogene Anfälle als Ursache für Ohnmacht festgestellt werden?

Psychogene Anfälle sind ein Fall für den Nervenarzt. Die Diagnose sieht so aus, dass beim Patienten erst sichergestellt wird, dass schwerwiegende Krankheiten ausgeschlossen werden können. Ist das der Fall, bleiben psychogene Anfälle als Ursache übrig. Auch das kann erfolgreich behandelt werden, zum Beispiel mit einem Verhaltenstraining. Seltene Erkrankungen werden meist bei der körperlichen Untersuchung entdeckt. Dazu gehören etwa spezielle Durchblutungsstörungen im Gehirn, die bei wiederkehrenden Anfällen untersucht werden müssen.

Was sollte man als Laie tun, wenn jemand plötzlich umfällt?

Häufig sind die Leute nach Sekunden wieder da. Als Erstes muss man schauen, wen man vor sich hat: Ist es ein junger Mensch oder ein älterer, bei dem ich eine Herzkrankheit nicht ausschließen kann. Wenn es dem Patient nach der Bewusstlosigkeit schlecht geht, muss der Notarzt alarmiert werden. Ist jemand nach einer Minute noch nicht wieder bei Bewusstsein, sollte man den Puls fühlen und einen Schmerzreiz setzen. Hilft das nicht, ist der nächste Schritt eine Reanimation.

Einen Vortrag über „Plötzliche Bewusstlosigkeit – ein häufiges Phänomen. Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Ohnmachten“ gibt es am Mittwoch, 13. Juni, um 17 Uhr, in der Helios-Weißeritztal-Klinik Dippoldiswalde, Rabenauer Straße 9.

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