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Freitag, 13.07.2018

Ein Stern am Reiterhimmel

Vinzenz Schiergen kehrt am Sonnabend an den Ort seines größten Sieges zurück: auf die Dresdner Galopprennbahn.

Von Maik Schwert

Vinzenz Schiergen bejubelt den bedeutendsten Erfolg seiner Karriere.
Vinzenz Schiergen bejubelt den bedeutendsten Erfolg seiner Karriere.

© Jürgen Lösel

Er kommt gern wieder, auch wenn es diesmal nur für einen Ritt ist. Schließlich feierte Vinzenz Schiergen vor einem Monat auf der Seidnitzer Anlage den wichtigsten Triumph seiner Laufbahn. Er gewann das Auktionsrennen, den mit 52 000 Euro am höchsten dotierten Galoppwettbewerb in Dresden. Der 20-Jährige siegte auf Albertville. Die Stute steht im Stall seines Vaters Peter Schiergen. Der Trainer ist immer der Erste, den der Sohn anruft. „,Gut gemacht‘, hat er gesagt“, erzählt Vinzenz Schiergen. Beide seien super glücklich gewesen über diesen familiären Erfolg.

Am Sonnabend fährt der Reiter erneut nach Dresden. 4.30 Uhr geht es in Köln los. Vinzenz Schiergen gehört zu einer Fahrgemeinschaft. „Meistens sind wir zu viert unterwegs – Sibylle Vogt, Martin Seidl, meine Freundin und ich.“ Da reden sie auch noch mal übers Derby am Sonntag in Hamburg. Dort belegte Seidl den zweiten Platz hinter Adrie de Vries und vor Eduardo Pedroza. Am ersten Sieg des Niederländers im bedeutendsten und mit 650 000 Euro am höchsten dotierten deutschen Galopprennen haftet ein Makel: Er drängte auf der Zielgeraden den Panamaer ab, bekam fünf Tage Reitverbot und fehlt in Seidnitz.

Pedroza startet da in sechs, Seidl sogar in allen acht Rennen. Dresden ist an diesem Tag bundesweit Alleinveranstalter. Vinzenz Schiergen tritt ein bisschen kürzer. Er ist vorsichtig, was seine Karriere im Sattel angeht. „Mit 1,74 Metern bin ich ein bisschen zu lang für einen Jockey und auch etwas zu schwer. Für die 57 Kilogramm muss ich viel laufen und in die Sauna gehen.“ Der 20-Jährige probierte es als Junge erst mal beim Fußball, Golf und Tennis. „Das Reiten machte mir dann aber doch am meisten Spaß.“ Das tut es zwar immer noch. Ob er aber die Nachfolge seines Vaters antritt, der von 1992 bis 1996 fünfmal hintereinander das deutsche Jockey-Championat gewann, lässt der Amateurmeister offen. Er probierte es stattdessen erst mit Bauingenieurwesen, um nach zwei Semestern festzustellen, dass das nichts für ihn ist, und sattelte 2017 auf Sportmanagement um. „Ich studiere das, um mir ein zweites Standbein aufzubauen. Vielleicht kann ich sogar mal im Direktorium für Vollblutzucht und Rennen arbeiten.“ Die Galoppdachorganisation sitzt genauso in seiner Heimatstadt Köln wie die Jockeyschule. „Den Trainerberuf finde ich auch sehr interessant.“ Es wäre eine Alternative, bei der Schiergen auch die Nachfolge seines Vaters antreten könnte.

„Mit Tempo 60 über den Turf“

Der Sohn hält sich derzeit auch etwas zurück, weil er noch mitten in der Klausurphase steckt. In den Semesterferien reitet Vinzenz Schiergen wieder mehr. „Da ist eine Menge Adrenalin im Spiel, wenn wir mit Tempo 60 über den Turf galoppieren.“ Für ihn sei das, was er mache, keine Einzel-, sondern eine Teamsportart. „Wir arbeiten mit einem Lebewesen zusammen, und im besten Fall gehen wir dabei ein harmonisches Verhältnis ein.“ Er habe großen Respekt vor den Pferden. „Deshalb möchte ich sie auch nicht zu sehr quälen.“ Die Gerte setzt Vinzenz Schiergen maßvoll ein.

Sein 23-jähriger Bruder Dennis Schiergen legte sie 2018 aus der Hand, um in Zürich seinen Master of Business Administration abschließen zu können. Auch ihm erscheint es sinnvoller, zu studieren, als weiter Rennen zu bestreiten. Die Altersklasse von Vinzenz Schiergen (20) und Seidl (24) ist in der Minderheit, die Fraktion Pedroza (43) und de Vries (48) stark vertreten. „Es gibt ein Nachwuchsproblem“, sagt Seidl. Die Galoppbranche sorgt sich um Talente wie ihn. Vinzenz Schiergen macht das auch an der fehlenden Fernsehpräsenz fest: „Früher lief das Derby im TV.“ Jetzt fristet die Turfszene ein Nischendasein.

2006 gab es 40 Auszubildende an der Kölner Jockeyschule. Nun sind es sieben Lehrlinge. Seidls Karriere begann 2009. „Seitdem hörten so viele Spitzenjockeys auf.“ Wenige rücken nach oder denken wie Vinzenz Schiergen daran, ob diese Laufbahn eine Perspektive hat und er davon leben kann. „In Deutschland ist das sehr schwer.“ Deshalb bleibt er lieber Amateur und startet am Sonnabend im vierten Rennen der mitteldeutschen Galoppserie, obwohl Vinzenz Schiergen sich schon längst als Jockey bezeichnen dürfte. 50 Erfolge genügen dafür. Der Dresdner Sieg war sein 116. Triumph. Jetzt soll ein weiterer folgen.

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