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Donnerstag, 08.11.2018

Ein Schrank und sein Geheimnis

In Tharandt soll ein Holzschrank Dingen ein zweites Leben geben und zum Nachdenken anregen.

Von Verena Schulenburg

Hereingeschaut! Daniel Becker und Yvonne Barteld gehören zu einer Gruppe in Tharandt, welche die Idee des Tauschschränkchens entwickelt und umgesetzt hat. Seit Kurzem kann jeder auf dem Akademieweg Dinge für andere abgeben oder selbst einen Blick ins Innere des Schrankes werfen.
Hereingeschaut! Daniel Becker und Yvonne Barteld gehören zu einer Gruppe in Tharandt, welche die Idee des Tauschschränkchens entwickelt und umgesetzt hat. Seit Kurzem kann jeder auf dem Akademieweg Dinge für andere abgeben oder selbst einen Blick ins Innere des Schrankes werfen.

© Karl-Ludwig Oberthür

Tharandt. Ein mannshoher Holzschrank zieht derzeit alle Blicke auf sich, hier in der Tharandter Innenstadt. Wer über den Akademieweg spaziert, kommt an ihm vorbei – und nicht umhin, genauer hinzusehen. „Das soll auch so sein“, sagt Yvonne Barteld, schmunzelt und zeigt auf die bunte Schrift quer über den Schranktüren. „Tauschschränkchen“ steht darauf geschrieben. Die 47-Jährige gehört zu einer Gruppe in Tharandt, die das Tauschschränkchen ins Leben gerufen hat.

Nicht etwa der Schrank, sondern vielmehr dessen Inhalt steht hier zum Tausch. Wer die Holztüren weit aufreißt, wird überrascht sein, was einige Tharandter schon für andere hineingelegt haben. Vom Kinderpuzzle über Filme und Schmöker bis hin zu Trödelgeschirr. Hier ist quasi alles zum Mitnehmen, wenn es gebraucht wird. Genauso kann etwas hineingelegt werden, was selbst nicht mehr benötigt wird, aber für andere nützlich sein könnte. „Hier geht es ums Geben und Nehmen“, erklärt Daniel Becker die Funktion des Holzschrankes. Die Idee dazu sei im Kreise der Bürgerliste „Grün der Zeit“ entstanden, eine lokalpolitische Vereinigung in Tharandt, zu der auch Yvonne Barteld gehört, genauso wie der Tharandter Stadtrat Jens Heinze und Ortsvorsteherin Milana Müller vom Umweltbildungshaus Johannishöhe.

Angefangen habe es mit einer kleinen Tauschkiste, erzählt Yvonne Barteld, die regelmäßig auf dem Naturmarkt in Tharandt stand. Da das Innere der Kiste rege wechselte und allmählich deren Kapazitäten überstieg, musste eine andere Lösung her. Beim Plätzchenverkauf, Kuchenbasar und auf dem Naturmarkt selbst wurde schließlich Geld gesammelt, um die Tauschkiste zum Schrank heranwachsen zu lassen.

Seit Kurzem steht nun das Tauschschränkchen am Straßenrand des Akademieweges und hat schon so einige Dinge aufgenommen und wieder abgegeben. „Die Kinder kommen hier gern vorbei und werfen einen Blick hinein“, hat Yvonne Barteld schon beobachten können. „Sie finden das super.“ Abgesehen von den leuchtenden Kinderaugen, über die sich die Initiatoren des Tauschschränkchens freuen können, steckt hinter dem Schränkchen durchaus auch ein tieferer Sinn.

Es gehe um Nachhaltigkeit im Zeitalter der Wegwerfgesellschaft und darum, dass Dinge ihrer selbst wertgeschätzt werden, erklärt Barteld. Es müsse nicht immer alles sofort weggeschmissen werden, wenn man selbst dafür keine Verwendung mehr hat. Viele Sachen könnten bei Besitzerwechsel durchaus ein zweites Leben erfahren. Tauschbörsen im Internet machen das seit Jahren vor und funktionieren gut. Der Trend zur Wiederverwendung ist weit verbreitet. Wohin passe der nachhaltige Gedanke besser als nach Tharandt, in die Stadt der Nachhaltigkeit?

„Mit dem Tauschschränkchen werden wir nicht die Welt retten und das wollen wir auch gar nicht“, sagt Daniel Becker. Vielmehr gehe es darum, andere zum Nachdenken zu bewegen und dazu anzuregen, mit allem, was einem umgibt, bewusster umzugehen. „Es geht auch darum, Ideen für die Stadt zu entwickeln und zu schauen, was möglich ist“, sagt der 31-jährige Forstwissenschaftler, der seit zehn Jahren in Tharandt wohnt.

Bisher hat alles ins Tauschschränkchen gepasst. Was aber ist, wenn jemand Größeres abzugeben hat? Ein Fahrrad zum Beispiel oder Möbel? „Dafür können Zettel mit dem Angebot und Kontaktmöglichkeiten im Schrank angebracht werden“, erklärt Yvonne Barteld. Auch wenn der Holzschrank auf dem Akademieweg einiges an Stauraum hergibt, soll nicht alles hier hineingestellt werden. „Die Dinge sollten auf jeden Fall noch funktionstüchtig sein“, erklärt sie. Nicht gewünscht sind Lebensmittel, Kosmetika oder Deko-Artikel, auch nicht Kleidung, Schuhe oder Kuscheltiere – auch aus hygienischen Gründen.

Was alles in dem geheimnisvollen Holzschrank in Tharandts Mitte landet, werde regelmäßig überprüft. „Wenn Dinge wochenlang drin liegen und keinen Abnehmer finden, kommen sie weg“, erklärt Barteld. Bisher sei das aber kaum notwendig gewesen. Das Tauschschränkchen in Tharandt kommt an.