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Freitag, 15.06.2018

Ein Rennen für den toten Trainer

Der Galoppklub erinnert am Sonnabend beim Saisonhöhepunkt an den vor zwei Wochen gestorbenen Lutz Pyritz.

Von Maik Schwert

Sie waren ein Herz und eine Seele – Burschentanz und Lutz Pyritz, der Pferdeversteher, der jetzt fehlt.
Sie waren ein Herz und eine Seele – Burschentanz und Lutz Pyritz, der Pferdeversteher, der jetzt fehlt.

© Robert Michael

Der Dresdener Rennverein wirbt für seine zweite Veranstaltung am Sonnabend mit dem Satz: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Lutz Pyritz hätte vermutlich eher formuliert: „Der frühe Vogel kann mich mal.“ Sagen kann er es nicht mehr. Der vierfache Jockey-Champion der DDR, der seit 1998 als Trainer in Seidnitz arbeitete, starb am 1. Juni im Alter von 60 Jahren. Der Galoppklub richtet ein Rennen zu seinen Ehren aus, und da es das zweite von acht Rennen ist und der Saisonhöhepunkt sowieso eher als sonst anfängt, lohnt sich zeitiges Kommen tatsächlich.

„In Memoriam Lutz Pyritz“ heißt das Rennen, das 11 Uhr startet. „Sein unerwarteter Tod war für uns alle ein Schock“, betont DRV-Präsident Michael Becker. „Wir verlieren mit ihm nicht nur ein langjähriges Mitglied, sondern vor allem eine absolute Rennsportgröße.“ Pyritz gewann als Jockey 868 Rennen, darunter dreimal das DDR-Derby. An einen Tag erinnerte er sich immer wieder gern: Am 8. Mai 1994 siegte Pyritz in Dresden in sieben Rennen.

Als Trainer feierte Pyritz 178 Erfolge. 2014 war mit 24 Siegen sein bestes Jahr. Allein in Seidnitz gelangen ihm 14 Triumphe. Damit holte er sich das silberne Hufeisen als bester Trainer. Zuletzt standen 13 Pferde von acht Besitzern in seinem Stall. Seit zwei Wochen betreuen seine Angestellten die Tiere. „Die Dresdner Galoppfans werden ihn sehr vermissen“, erklärt Becker. „Daher möchten wir im Rahmen des Renntages noch einmal an ihn erinnern.“ Der DRV legt Kondolenzbücher am Sattelplatz und an der Waage aus. „Da kann sich jeder eintragen und seine Trauer zum Ausdruck bringen“, meint Becker. „Ich denke, er wäre damit einverstanden gewesen. Die Bahn und der Sport waren sein Leben.“

Der Name Pyritz steht letztmals im Seidnitzer Programm auf der Starterliste: bei Isongo im dritten und hinter Bergpfad im fünften Rennen. „Die Vollblüter dürfen im ersten Monat nach seinem Tod noch unter seinem Namen galoppieren“, sagt Becker, der sich als Notar bestens mit der Materie auskennt. „Das ist bei derart plötzlichen Fällen so geregelt, um in Ruhe Klarheit über die komplizierten Rechtsverhältnisse herstellen zu können.“

DRV-Geschäftsführer Uwe Tschirch erinnert sich noch gut daran, wie Pyritz ihn am 25. Mai in der Geschäftsstelle besuchte. „Er kam abends nach der Stallarbeit immer noch mal bei mir rein, wenn ich länger arbeitete“, erzählt Tschirch. „Da quatschten wir über alles Mögliche. Lutz hatte auch an diesem Freitag seine Pferde geritten. Das wollte er auch am Sonnabend machen.“ Dazu kam Pyritz nicht mehr. Er brach am Morgen aufgrund von Atembeschwerden zusammen und starb sechs Tage später in einer Klinik. „Lutz hatte schon länger Probleme, Luft zu bekommen“, weiß Tschirch von gesundheitlichen Schwierigkeiten.

Pyritz fehlt ihm, vor allem dessen Hilfsbereitschaft und Sachverstand. „Er war ein grundehrlicher Mensch und machte zwar nicht viele Worte, aber das, was Lutz sagte, hatte Hand und Fuß“, meint Tschirch. Beispielsweise konnte Pyritz ihn mit seinem Ausblick auf diese Saison überraschen.

„Da liegt Dresden am Arsch der Welt“

„Es sieht etwas besser aus – das erste Mal seit vielen Jahren“, sagte er im Januar. „Meist konnte ich mir die Pferde nicht aussuchen. Da trainierte ich Ponys, bei denen ich ansonsten gesagt hätte: ,Bleib’ mal auf dem Reiterhof im Erzgebirge.‘“

Das wollten natürlich weder Besitzer noch Züchter hören. Pyritz sagte es trotzdem: „Ich kann nur aufs Gaspedal treten, wenn etwas im Tank ist. Ansonsten mache ich das Auto kaputt.“ In dieser Saison stand ausreichend Treibstoff bereit: fitte, gesunde, gute, junge, neue Pferde. Pyritz konnte auch bei anderen Dingen sehr direkt sein – etwa, wenn es darum ging, dass Rennpferde um die Wette laufen müssten, brachte Pyritz den Standortnachteil seiner Heimrennbahn so auf den Punkt: „Da liegt Dresden am Arsch der Welt.“

Oder wenn es um das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd ging: „Ich komme deutlich besser mit Tieren klar. Sie wollen fressen und sich bewegen. Wir sind komplizierter und unangenehme Besitzer das größte Problem für alle Trainer.“

Er warf einen Besitzer samt Pferd auch mal aus dem Stall, falls das Tier auf dessen Druck und trotz seines Widerstandes antreten sollte: „Wenn Vollblüter noch nicht so weit sind und im ersten Rennen hinterherlaufen, dann ist das schlecht für ihre Psyche.“ Pyritz nahm außerdem Einfluss auf die Reiter: „Ich habe Tiere nie mit der Peitsche gequält und fordere das auch von meinen Jockeys.“ Er mochte keine harten, ruppigen Typen. „Der beschränkte Einsatz der Peitsche genügt. Es reicht, sie zu zeigen. Ordentliche, saubere Reiter klopfen nicht sinnlos drauflos. Dadurch gibt es mehr Niederlagen als Erfolge, da die Pferde aus dem Rhythmus geraten.“

Genau das bewunderte Tschirch an Pyritz als Jockey und Trainer. „Lutz hatte ein feines Händchen und außergewöhnliches Gespür für die Vollblüter“, sagt Tschirch.

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