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Donnerstag, 08.11.2018

Ein Monatseinkommen fürs Türschloss

Ein Schlüsseldienst verlangt in Meißen 430 Euro für das Wechseln eines Schlosses. Zahle sie nicht bar, werde er das Schloss wieder ausbauen, droht er.

Von Jürgen Müller

Teurer Schlüsseldienst. 430 Euro verlangt ein Monteur einer dubiosen Firma von einer Meißnerin für das Wechseln des Schlosses an der Wohnungstür.
Teurer Schlüsseldienst. 430 Euro verlangt ein Monteur einer dubiosen Firma von einer Meißnerin für das Wechseln des Schlosses an der Wohnungstür.

© Jens Schierenbeck/gms

Meißen. Die 60-jährige Meißnerin hat wirklich Pech. Sie ist ohnehin schon schwer gehbehindert. Doch an diesem Septembertag vorigen Jahren tritt sie mit dem Fuß auch noch in einen Splitter. Sie geht zum Arzt, der verschreibt ihr unter anderem Schlaftabletten, damit sie trotz der Schmerzen wenigstens ein bisschen schlafen kann. Mitten in der Nacht wacht die Frau auf, muss zur Toilette. Doch es gelingt ihr nicht, aus dem Bett zu steigen. Sie lebt allein, ihre Tochter, die in der Nähe wohnt, hat keinen Wohnungsschlüssel.

In ihrer Not ruft sie den Rettungsdienst. Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr rücken an. Die Feuerwehr öffnet die Wohnungstür, zerstört dabei das Schloss. Weil die Tür nicht in der Nacht unverschlossen bleiben kann, rufen die Polizisten einen Dresdner Schlüsseldienst an. Nach einiger Zeit treffen auch zwei Männer ein, wechseln das Schloss, präsentieren dann die Rechnung: 430,28 Euro soll die alte Frau zahlen. Für die ALG-II-Empfängerin ist das mehr als ein Monatseinkommen.

Deren Tochter, die inzwischen auch eingetroffen ist, überrascht der hohe Preis zwar auch, doch sie schöpft erst mal keinen Verdacht, und das, obwohl die beiden offenbar mit einem Privatauto gekommen sind, keine Firmenadresse zu finden ist. „Die haben ganz schnell gearbeitet, ich dachte, das waren Profis“, sagt sie. Ihre Mutter hat aber nicht so viel Geld im Haus. Wenn sie nicht bar bezahle, würden sie das Schloss wieder ausbauen, drohen die Männer.

So hilft die Tochter aus, bezahlt mit ihrer EC-Karte. Am nächsten Tag wendet sich die Tochter an die Betreuerin der Mutter wegen der Kostenübernahme. Die lehnt ab, weist darauf hin, dass es sich um einen Wucherpreis handele, rät, das Geld zurückzubuchen. Doch weil mit Karte bezahlt wurde, ist eine Rücklastschrift nicht möglich. Die Tochter ruft die Nummer aus Oberhausen an, die auf der Rechnung angegeben ist. Aber diese Telefonnummer existiert nicht. Sie bleibt auf ihren Kosten sitzen. „Meine Tochter wollte ihr Geld zurück. Ich habe tagelang geheult“, sagt die Mutter.

Wegen Erpressung soll sich nun einer der Männer vor dem Meißner Amtsgericht verantworten. Er hatte einen Strafbefehl erhalten, gegen diesen aber Einspruch eingelegt. Zur Verhandlung erscheint er nicht, sondern lässt sich von seinem Anwalt vertreten. Der würgt das Verfahren gleich zu Beginn ab, möchte ein Rechtsgespräch, noch ehe die Personalien seines Mandanten festgestellt und der Strafbefehl verlesen wurden.

Der Verteidiger schlägt vor, das Verfahren wegen geringer Schuld einzustellen. Eine Erpressung, wie von der Staatsanwaltschaft angeklagt, habe gar nicht stattgefunden, schließlich habe die alte Frau ja unterschrieben, dass sie den Preis in bar bezahlen werde. Die Aussage, ansonsten das Schloss wieder auszubauen, sei keine Erpressung gewesen, sondern ein „Angebot zur Rückabwicklung des Vertrages“. Richterin und Staatsanwältin stimmen daraufhin zu, das Verfahren gegen eine Geldauflage von 1 000 Euro vorläufig einzustellen, keiner der fünf Zeugen wird gehört.

Auf das Angebot einer Ratenzahlung verzichtet der Anwalt im Namen seines Mandanten. Der will die 1 000 Euro insgesamt zahlen. So leicht dürfte der Angeklagte künftig sicher nicht davonkommen. Allein in Dresden laufen gegen ihn zehn Verfahren wegen Wuchers. Die Tochter der Geschädigten hat sich übrigens bei einem Meißner Schlüsseldienst nach dem Preis erkundigt. Das Ergebnis: Maximal 150 Euro wären angemessen gewesen. Ihre geschädigte Mutter ist erbost: „So ein Lump.“