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Dienstag, 12.06.2018

Ein Messias in Kamenz und in Bischofswerda

Das Fest 200 Jahre Christuskirche Bischofswerda strahlt bis in die Nachbarstadt aus. Es war eine Offenbarung.

Von Frank Oehl

Das Chorpodest der St. Marien Kirche in Kamenz ist eigentlich für 60 Sänger ausgelegt. Diesmal waren es 100, die Platz finden mussten. Das wurde ganz schön eng, wie man sieht. Geführt von KMD Michael Pöche (Foto) und Kantor Samuel Holzhey lieferten auch die Laien-Kantoreien einen starken „Messias“ ab.
Das Chorpodest der St. Marien Kirche in Kamenz ist eigentlich für 60 Sänger ausgelegt. Diesmal waren es 100, die Platz finden mussten. Das wurde ganz schön eng, wie man sieht. Geführt von KMD Michael Pöche (Foto) und Kantor Samuel Holzhey lieferten auch die Laien-Kantoreien einen starken „Messias“ ab.

© Matthias Schumann

Kamenz/Bischofswerda. Am Sonntag endeten die Händelfestspiele in Halle mit einem Besucherrekord. 58 000 Musikfreunde nahmen Anteil. Ganz so viele konnten es am Wochenende in der Westlausitz freilich nicht sein. Aber, wer eine der beiden Aufführungen von Händels „Messias“ in der Christuskirche Bischofswerda, die das 200. Weihejahr begeht, und in der St. Marien Kirche in Kamenz erlebt hat, kann sich wirklich glücklich schätzen. Unter der zweigeteilten Leitung von KMD Michael Pöche (in Kamenz) und Kantor Samuel Holzhey (in Bischofswerda) wurde das mehr als zweieinhalbstündige Oratorium für Soli, Chor und Orchester in einer Qualität dargeboten, die im Schatten der kirchenmusikalischen Kathedralen einzigartig sein dürfte. Das wieder großartig durch Instrumentalprofis aus dem Raum Dresden, Freiberg/Döbeln und Görlitz verstärkte Collegium musicum Kamenz bot gemeinsam mit den Dresdner Gesangssolisten Christian Gebhardt (Sopran), Marlen Herzog (Alt), Jonas Finger (Tenor) und Georg Finger (Bass) und den Kantoreien der St. Marien, der Westlausitz und aus Bischofswerda große Kunst dar. Es ist immer wieder erstaunlich, was  Laienchöre leisten können, wenn sie an komplizierte Partituren mit Empathie und Zielstrebigkeit herangeführt werden. Das Üben begann Anfang das Jahres und endete erst am Sonnabend gegen 15 Uhr, als die Generalprobe mit voller Kapelle in der St. Marien geschafft war. Danach gab es zwei Stunden Erholungspause, bevor das Mammutwerk zur schweißtreibenden Aufführung kam.

Beinahe wäre die Leitung durch den Kirchenmusikdirektor gar nicht möglich gewesen, wie man hört. Kantor Pöche hatte sich während einer vorangegangenen Probe einen dauerhaften Wadenkrampf zugezogen, der zu Komplikationen führte. Am Ende hat die Kraft gereicht, wobei gelegentlich eine Sitzhilfe zum Einsatz kam. Am Sonntag in Bischofswerda hat Michael Pöche dann selbst im Chor mitgesungen und damit Samuel Holzhey dessen identischen Einsatz in Kamenz zurückgegeben.

Was ist musikalisch zu sagen? Nicht nur für die meisten Zuhörer, sondern auch für viele Musiker (selbst für den KMD!) und Sänger dürfte dies die erste aktive Begegnung mit dem Gesamtwerk des Messias von Händel gewesen sein. Und je länger das Oratorium voranschritt, umso besser kamen die Solisten durch, umso sicherer wurde der Gesamtzusammenklang – ganz so, als würde der Glaube mit der stetigen Auseinandersetzung mit ihm immer stärker werden. Natürlich begeisterten das berühmte „Halleluja“ oder das große Finale mit dem charakteristischen Schall der Trompeten, das einen gefühlt in die Westminster Abbey versetzte (wo Händel begraben liegt). Aber es waren vor allem auch die leiseren Parts, die der geistlichen wie emotionalen Tiefe eines Chorwerks Raum verschafften, das Händel in nicht einmal dreieinhalb Wochen komponiert hat. Auch die Sopran-Aria „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ mit dem folgenden Chor, der diese frohe Botschaft sogar im A-cappella mit hoher Intensität verstärkte, waren großartige Höhepunkte des Konzertes. Am Ende gab es Standing Ovations, die den kirchenmusikalischen Rahmen sprengten. Gott sei Dank!