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Samstag, 10.11.2018

Ein Herz für Häftlinge

Eine Niederländerin will in der JVA zur Ansprechpartnerin für Gefangene werden. Doch das Vorhaben hat rechtliche Hürden.

Von Cathrin Reichelt

Rosa Dekker möchte Menschen in schwierigen Lebenssituationen Beistand leisten.
Rosa Dekker möchte Menschen in schwierigen Lebenssituationen Beistand leisten.

© Humanistischer Verband Dresden

Waldheim. Wer ins Gefängnis kommt, hat das selbst verschuldet. Trotzdem brauchen einige Häftlinge Unterstützung, um sich in dem ungewohnten Umfeld und Alltag einzuordnen. Auch in der JVA Waldheim.

Dort helfen den Gefangenen seit der Wende nicht nur katholische und evangelische Seelsorger. „Es gibt auch 70 Ehrenamtliche, die sich um die Gefangenen kümmern“, sagt Andrea Jesse, Sozialpädagogin im Vollzug. Während einige aller sechs Monate im Gottesdienst musizieren, gehen andere jede Woche durch die große schwere Tür des Gefängnisses, um sich mit den Inhaftierten zu beschäftigen. Die Angebote wechseln. Zurzeit gibt es unter anderem eine Bastel-, eine Näh- und eine Kunstgruppe.

Viel häufiger als die Beschäftigung wünschen sich Gefangene aber, mit jemandem reden zu können, der nicht im Nachbarhaftraum sitzt oder diesen zuschließt. „Zum großen Teil sind das Gefangene, die keine Angehörigen haben oder deren Familie weit weg wohnt“, so die Sozialpädagogin. Die Männer tragen dann in eine Besucherkartei ein, wer sie besuchen soll. Die Daten werden von der JVA geprüft und sobald sie genehmigt sind, können diejenigen, die auf dem Antrag stehen, nach einem Besuchstermin fragen. Das sei im Normalfall unkompliziert.

Die Treffen erfolgen an einem der Tische im Besucherraum, der von außen ebenso überwacht wird, wie der kleine Gesprächsraum. Dorthin können sich Gefangene mit ihren Gästen in Ausnahmefällen zurückziehen, wenn die Gespräche sehr persönlich sind. Diesen Raum nutzen außerdem die Rechtsanwälte, um in Ruhe mit ihren Mandanten zu sprechen.

Auch Rosa Dekker würde sich dort gern mit Gefangenen treffen. Die Niederländerin, die in Waldheim lebt, will Menschen in schwierigen Lebenssituationen Beistand leisten. Der Humanistische Verband Dresden hat die 62-Jährige in seiner Jahreshauptversammlung Anfang des Monats zur Humanistischen Seelsorgerin ernannt. In ihrem Heimatland hat Rosa Dekker in dieser Funktion in der Armee und zehn Jahre lang mit Grundschulkindern gearbeitet.

Aber während in den Niederlanden die humanistische Seelsorge anerkannt ist, gelten in Deutschland nur evangelische und katholische Geistliche als Seelsorger. „Diese haben wie die Rechtsanwälte vor dem Gericht ein Zeugnisverweigerungsrecht“, erklärt Andrea Jesse. Außerdem dürfen Briefe von Seelsorgern und Anwälten an die Gefangenen nicht geöffnet werden. Jede andere Post wird auf unerlaubte Beigaben kontrolliert.

Rosa Dekker will als humanistische Seelsorgerin vor allem für die konfessionslosen Gefangenen da sein. Dabei beansprucht sie die gleichen Rechte wie die evangelischen und katholischen Seelsorger. Doch dem steht das deutsche Recht entgegen.

Die Niederländerin erkennt die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen in der JVA Waldheim an, ist aber der Meinung, dass sie selbst durch das Studium der Humanistik in Utrecht eine andere Herangehensweise und einen besseren Blick auf die Probleme der Gefangenen hat. „Die Ehrenamtlichen sind nicht ausgebildet“, sagt sie.

Dem stimmt die Sozialpädagogin der JVA nur bedingt zu. „Zwar haben die Ehrenamtlichen kein Studium aber bevor sie zum ersten Mal direkt mit einem Gefangenen in Kontakt kommen, haben sie die Möglichkeit in der JVA zu hospitieren“, erklärt Andrea Jesse. Das heißt, sie laufen einen Tag lang mit einem Beamten mit und lernen so den Tagesablauf der Gefangenen kennen. Außerdem treffen sich die Ehrenamtlichen aller zwei Monate, tauschen Erfahrungen aus, sprechen über Probleme, erhalten von der Sozialpädagogin Tipps und werden über gesetzliche Regelungen informiert. Auch das Justizministerium, die Christliche Straffälligenhilfe Schwarzes Kreuz und der Straffälligen-Hilfeverein Hammerweg bieten mindestens einmal im Jahr Schulungen an. „Das ist eine wichtige Möglichkeit des Austauschs für die Ehrenamtlichen, den sie auch nutzen“, sagt die Sozialpädagogin. Außerdem setzt sie voraus, dass die Ehrenamtlichen über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen, zu der ein gutes Bauchgefühl kommt.

Andrea Jesse findet es schade, dass Rosa Decker nicht als normale Ehrenamtliche in die JVA kommt. „Als sie sich vorgestellt hat, hat sie einen kompetenten Eindruck gemacht.“

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