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Montag, 17.09.2018

Ein bisschen teurer Spaß

Regionale Treppenwitze und Riesaer Investitionsglück. Ein kurioser Rückblick.

Von Kevin Schwarzbach

Kevin Schwarzbach
Kevin Schwarzbach

© Alexander Schröter

Riesa. Es gibt da diesen einen Komiker, liebe Leserinnen und Leser. Der macht immer die gleiche Art von Witzen und erzählt irgendwas von Frauen und ihren Handtaschen. Manche Kritiker werfen ihm deshalb vor, dass seine Shows nur billige Treppenwitze wären.

Ist für uns hier im Altkreis Riesa im Grunde auch egal, wer genau dieser Mann jetzt ist. Besagten Komiker muss man genauso wenig kennen wie mich. Darüber hinaus haben wir übrigens noch eine weitere Gemeinsamkeit: Keiner von uns bietet bessere Treppenwitze als die Gemeinde Hirschstein. Es mag zwar albern klingen, aber die rund 70 Mädchen und Jungen der Prausitzer Kindertagesstätte „Sonnenschein“ müssen derzeit die Einrichtung durch die Hintertür betreten. Der Grund: Die Haupttreppe ist verschwunden. Das kann doch gar nicht sein, sagen jetzt vielleicht manche. Die Treppe kann doch nicht einfach eines Tages weg sein, so ein Ding ist doch schwer und sperrig und nicht gerade das, worauf es die Einbrecher und Diebe abgesehen haben. Außerdem braucht man die Treppe doch, um ins Gebäude zu gelangen.

Aber ich kann Sie beruhigen, liebe Leserinnen: Die Treppe hat sich nicht etwa selbstständig gemacht und ein neues Haus gesucht, an dem sie die Menschen vom Boden auf höhere Ebenen geleitet. Nein, die Treppe wurde schlichtweg abgerissen. Schon vor Wochen. Schließlich war sie alt und marode, die Einrichtung wurde immerhin schon 1989 gebaut. Vor oder nach dem Mauerfall? Tut nicht zur Sache, aber bei dieser Jahreszahl muss man schon mal fragen. Aber wahrscheinlich davor, weil das Wetter im Sommer besser ist. Oder haben die Bauarbeiter in der „guten, alten DDR“ auch im November und Dezember noch Häuser hochgezogen? Und darf man so was heute überhaupt noch fragen? Schließlich sind wir ein vereintes Land. Und trotzdem lachen die im Fernsehen manchmal über uns im Osten der Nation.

Aber gut, was will man es ihnen auch verübeln, wenn an einer Kindertagesstätte die alte Treppe durch eine moderne Stahlkonstruktion ersetzt werden soll, der Abriss planmäßig erfolgt, aber die neue Treppe zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht da ist. Wegen Lieferschwierigkeiten. Da kann es schon einmal dauern mit der Treppe, die übrigens bis heute nicht da ist. Und wenn sie dann ihren Weg zur Kindertagesstätte gefunden hat, werden die Arbeiter sie unter Aufsicht der Kinder, die täglich in der Einrichtung ihre Zeit verbringen, anbringen müssen. Bauaufsicht vom Feinsten.

Könnten wir in Riesa für unsere geplanten Bauvorhaben auch gebrauchen. Kinderaugen sehen bekanntlich viel, manchmal mehr als Erwachsene. Und Baupläne haben wir immer. Mit dem Neuesten wollen wir dem Hohn und Spott ein Ende setzen und schon bald einen rundum erneuerten Rathausplatz präsentieren, damit die fernen Kritiker hier keine holprigen Parkplätze mehr zu belächeln haben. Bei der Finanzierung lachen stattdessen wir. Schließlich spült uns der Tag der Sachsen ordentlich Geld in die Kasse, mit dem die Stadt auf Vordermann gebracht werden soll. Also abgesehen davon, dass der Tag der Sachsen halt auch was kostet.

Im Volksmund stehen wir ja auf einfache Erklärungen, liebe Leserinnen und Leser. Und deswegen sag ich’s jetzt einfach mal so, wie es diese Woche mancher dachte: In Riesa gibt’s bald einen neuen Rathausplatz beinahe für lau. Man geht zwar derzeit von Kosten in Höhe von 1,3 Millionen Euro aus, aber was sind das schon für läppische Beträge, wenn man Ausrichter des Tages der Sachsen ist. Und irgendwelche Fördermittel gibt es auch immer. Was kostet die Welt? Nun ja, zumindest mehr als ein Rathausplatz. Aber wir in Riesa sind ja eher genügsame Zeitgenossen.

Bevor jetzt jemand anzweifelt, ob ich Rechenkünstler tatsächlich den Adam-Ries-Bund gegründet habe, möchte ich gleich vorweg klarstellen, dass dem nicht so ist. Und ich habe auch nicht die Zeitungen erfunden, aber diese Kolumne. Warum das wichtig ist? Weil sich im Meißner OB-Wahlkampf derzeit bizarre Szenen zutragen. Unter anderem gibt es Zweifler, die der Überzeugung sind, dass der ehemalige Bürgerrechtler und heutige OB-Kandidat Frank Richter in der Wendezeit gar nicht so viel geleistet hat, wie es die Geschichtserzählung besagt. Da bin ich mir auch glatt unsicher, ob ich tatsächlich diese Woche diesen Text hier geschrieben habe.

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