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Samstag, 10.02.2018 Serie: Mach was für Dresden

Dynamos emotionalste Fangruppe

Wenn Nico Nagel mit seiner Mannschaft ins Stadion einreitet, dürfen sich die anderen auf ein Beben einstellen.

Von Sandro Rahrisch

2 Mach was!

Der Dresdner  Nico Nagel begleitet ehrenamtlich behinderte Fans ins DDV-Stadion.
Der Dresdner Nico Nagel begleitet ehrenamtlich behinderte Fans ins DDV-Stadion.

© Christian Juppe

Ein Erdbeben könnte kaum stärker sein. Als die Dynamo-Kicker den zweiten Ball im Tor der Bochumer versenken, wackelt’s gewaltig im N-Block. Auf und ab hüpfen die Fans in den unteren Reihen des DDV-Stadions, mit aller Kraft, fast bis zur Erschöpfung. Himmelhoch jauchzend, wenn Dynamo siegt, zu Tode betrübt, wenn es die Dresdner Kicker nicht packen – emotionaler als auf der Westtribüne geht es kaum. Und mittendrin steht Nico Nagel, den schiefe Blicke inzwischen nicht mehr stören. Denn selbst eingefleischten Fans wird dieser Megajubel manchmal zu viel.

Der 48-Jährige begleitet ehrenamtlich Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung zu jedem Heimspiel. Für viele seiner 15 Schützlinge sei es die einzige Chance, ihre Mannschaft aus nächster Nähe zu sehen. „Sie brauchen einen Begleiter, der auf sie aufpasst“, sagt Nagel. Allein würden sie sich im Stadion-Dschungel kaum zurechtfinden.

Die Jüngsten in der Fangruppe sind gerade einmal 16 Jahre alt, die Ältesten gehen auf die 50 zu. Klar, dass deren Eltern auch nicht mehr so fit sind, um ihre Kinder jedes zweite Wochenende ins Stadion begleiten zu können. „Viele Eltern sind froh, ein paar Stunden durchatmen zu können“, sagt Nico Nagel. „Sie wissen, dass ihre Kinder in guten Händen sind.“ Eine große Verantwortung, schließlich übernimmt er die Aufsichtspflicht.

Der Spieltag, er ist zu einem kleinen Ritual geworden. Gut zwei Stunden vor der Partie treffen sich die Fans am Hygienemuseum. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen – Freiberg, Nossen, Meißen und natürlich Dresden. Anschließend schlendert die Gruppe gemütlich zum Einlass. Nagel sei kein Freund der strengen Sicherheitskontrollen, sagt er. Aber viele seiner Schützlinge fänden es aufregend und hätten Spaß, durchsucht zu werden.

Mach was!

Die Lebenshilfe Dresden betreut, begleitet und unterstützt Menschen mit Behinderung im täglichen Leben. Dafür werden ehrenamtliche Helfer gesucht. Weitere Informationen dazu unter www.lebenshilfe-dresden.de.

Man spüre, wie der Nervenkitzel steige, sobald sie die gelben Schalensitze herunterklappten. Jedes Tor, jedes Gegentor und jede verpasste Chance werden zum Gefühlsgewitter. „Am Anfang haben nicht wenige Zuschauer komisch zu uns geschaut“, erinnert sich Nico Nagel an die ersten Spiele vor zweieinhalb Jahren. „Man konnte in den Gesichtern förmlich lesen: Oh mein Gott, was ist das denn?“ Es gebe nicht viel zwischen überschwänglicher Freude und tiefer Trauer. Das mache die Emotionen dieser 15 Fans so ehrlich.

Nagel will nicht falsch verstanden werden. Natürlich gehörten Gefühle ins Stadion. Auch sein Herz hängt an Dynamo. „Den Abstieg in die dritte Liga konnte ich damals kaum verkraften“, sagt er. Trikot, Schal und Fahne dürfen bei keinem Spiel fehlen. Für den Rest der Gruppe ist das manchmal eine Spur zu viel. „Du siehst aus wie Biene Maja, musste ich mir schon anhören.“ Er kann damit leben.

Dass die kleine Dynamo-Gruppe überhaupt existiert, ist Nagel zu verdanken. Er hatte sich für sie eingesetzt. Unterstützung bekam er von der Dresdner Lebenshilfe. Der gemeinnützige Verein hat weitere ehrenamtliche Helfer für eine Eins-zu-eins-Betreuung der Behinderten sowie einen Fahrdienst organisiert. Dynamo kümmerte sich um die Plätze. Die Karten bezahlen die Familien selbst. Für den Sportverein selbst sind ebenfalls Ehrenamtler unterwegs und betreuen behinderte Fans.

Nagel hilft nicht nur. Ihm gebe dieses Ehrenamt auch sehr viel, sagt er. Zu DDR-Zeiten ließ er sich bei der Reichsbahn zum Baufacharbeiter ausbilden. Ein Bandscheibenvorfall führte dazu, dass er unter unerträglichen Schmerzen litt. Eine Krankschreibung folgte der anderen. Statt auf Baustellen zu arbeiten, sollte Nagel in Zügen Fahrkarten kontrollieren. Aber auch das funktionierte nicht. Er verließ die Bahn und sattelte um. Er begann, sich um hilfebedürftige Menschen zu kümmern. Bei der Lebenshilfe fand er eine Aufgabe.

Heute begleitet er nicht nur Fans zu Dynamo-Spielen. Er macht auch Musiknachmittage für Rentner im Wohnheim und reist mit behinderten Menschen, die einen Betreuer brauchen, in den Urlaub. Zuletzt ging es unter anderem nach Teneriffa, an die Ostsee, ins Erzgebirge und nach Polen. Meist ist Nagel dann eine Woche unterwegs. Die Menschen, mit denen er reist, seien mal sehr stark pflegebedürftig, mal ziemlich selbstständig. Ohne ehrenamtliche Betreuer wären die Reisepreise deutlich höher und der Urlaub für viele unbezahlbar. Die pure Entspannung sind diese Reisen für den Dresdner freilich nicht. „Wenn mein Urlauber nachts aufwacht und Durst hat, muss ich aufstehen.“

Bis zum nächsten Dynamo-Heimspiel müssen sich Nico Nagel und seine Mannschaft gedulden. Die Fußballer kicken erst wieder am 18. Februar auf Dresdner Rasen. Jahn Regensburg heißt dann der Gegner im DDV-Stadion – bebender N-Block inklusive.


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Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Pink Lady

    Tolle Sache!!!!

  2. Axel Schütz

    Ich finde es toll, wie sich Nico kümmert. Leider komme ich aus Thüringen. Ich würde als Dresdner auch gerne helfen. N

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