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Samstag, 15.09.2018

„Dritte Geschlecht“ auf Vormarsch

Als eine der ersten Kommunen schreibt Reichenbach Stellen für Divers-Geschlechtliche aus. Auch in Löbau macht das Schule.

Von Constanze Junghanß

Das Rathaus Reichenbach sucht jemanden für das Sekretariat in der Schule und verwendet dazu neuerdings auch das „d“ als Geschlechterbezeichnung.
Das Rathaus Reichenbach sucht jemanden für das Sekretariat in der Schule und verwendet dazu neuerdings auch das „d“ als Geschlechterbezeichnung.

© Constanze Junghanß

Reichenbach/Löbau. Ein kleingeschriebener Buchstabe in der Stellenanzeige vom aktuellen Amtsblatt Reichenbach sorgt für Verwunderung. „Die Stadtverwaltung sucht einen Mitarbeiter (m/w/d)“, ist da abgedruckt. Gesucht wird jemand für das Sekretariat der Oberschule. In Klammern stehen dazu die Abkürzungen für das Geschlecht: m für männlich, w für weiblich. So ist das auch den meisten Menschen bekannt und geläufig. Nun steht noch ein dritter Buchstabe in der Anzeige dabei. Bewerben können sich Menschen, die sich „d“ zugehörig fühlen. Das „d“ als Geschlechterbezeichnung taucht weitere dreimal in der Stellenanzeige bei den Berufen auf, die als Mitarbeiter für das Schulsekretariat künftig infrage kommen könnten: beim „Kaufmann“ ebenso wie beim „Verwaltungsfachangestellten“ und beim „Büroassistenten“.

Doch wofür steht die Abkürzung? „D“ ist die Abkürzung für „divers“. Damit werden Menschen bezeichnet, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen können oder wollen. Die Schulleiterin der Oberschule, Karin Schnaubelt, sagt, dass es zwar bereits mehrere Bewerbungen für die Stelle gab. „Nach dem „d“ hat aber noch niemand in der Schule nachgefragt“, sagt sie. Im Zusammenhang mit einer Stellenanzeige ist das erst seit einigen Monaten öfter in Annoncen zu lesen. Deshalb stellen sich immer wieder Bewerber die Frage, was das „d“ eigentlich heißt. Auch der Schulleiterin sei die Bedeutung des Buchstabens so noch nicht wirklich bewusst gewesen, sagt sie.

Hintergrund für die erweiterte Geschlechtsbezeichnung ist ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zum sogenannten „dritten Geschlecht“. Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann sehen, dürfen nicht gezwungen werden, im Ausweis einem dieser Geschlechter zugeordnet zu werden. Das kann dann auch arbeitsrechtlich von Bedeutung sein. Bis Ende 2018 soll das umgesetzt werden. Das „d“ wird aktuell nur von wenigen Arbeitgebern in der Region bei den Stellenausschreibungen tatsächlich genutzt. Die Stadtverwaltung Reichenbach gehört mit dieser Praxis zu den Ersten, ebenso wie das Klinikum Görlitz oder auch der ASB-Ortsverband Löbau, die den Buchstaben ebenfalls bei den Stellenangeboten einfügen.

Beim Oberlausitzer Jobportal taucht der Buchstabenzusatz sechsmal bei rund 50 der jüngeren Stellenanzeigen auf. Einige Unternehmen verzichten offensichtlich ganz auf Abkürzungen. So sucht die TVS Fenstertechnik GmbH Reichenbach beispielsweise für das Bauleitungsteam schlicht einen oder eine „Mitarbeiter/in“.

Vorreiter in der Region war die international tätige Firma ULT aus Kittlitz. ULT schreibt ihre Stellen bereits seit Jahresbeginn mit dem „d“ aus. Grund dafür sei das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Dieses Gesetz verbietet es Arbeitgebern, Mitarbeiter oder Bewerber etwa wegen ihres Geschlechts, Alters oder sexueller Identität ungleich zu behandeln. Klagen nach dem AGG können für Unternehmen sehr teuer werden. Ein abgelehnter Bewerber, der sich zum Beispiel durch die Formulierung der Stellenanzeige wegen seines Geschlechts diskriminiert fühlt, kann drei Monatsgehälter Schadenersatz einklagen. Auch bei ULT gab‘s bisher keine Bewerbung eines Divers-Geschlechtlichen.

„Es sind uns noch keine Fälle bekannt, in denen es zu Abmahnungen oder Klagen aus diesem Grund gekommen ist“, sagt Moritz John von der auch für die Oberlausitz zuständigen Industrie- und Handelskammer Dresden. Dennoch: „Wir raten unseren Mitgliedern dazu, das ,d‘ in Ausschreibungen aufzunehmen. Es macht keine Mühe und man ist auf der sicheren Seite.“