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Freitag, 09.11.2018

Dresdens Wiesen im Stress

Die anhaltende Dürre hat vielen öffentlichen Rasenflächen zugesetzt, trotzdem werden sie gemäht. Muss das sein?

Von Sandro Rahrisch

Dresdens Wiesen, wie hier am Blauen Wunder, sind zu trocken. Werden sie dennoch gemäht, hat das negative Folgen für die Natur.
Dresdens Wiesen, wie hier am Blauen Wunder, sind zu trocken. Werden sie dennoch gemäht, hat das negative Folgen für die Natur.

© Christian Juppe

Gelb, strohig und nur ein paar Zentimeter hoch: Schon im Juni sahen Dresdens Wiesen so aus, als hätten sie einen ganzen Sommer hinter sich. Zwischen Juni und August kam nicht einmal die Hälfte der sonst üblichen Regenmenge zusammen. Grashalme hatten kaum eine Chance, zu wachsen. Trotzdem sind immer wieder Rasenmähertraktoren über die ausgetrockneten Böden gefahren und haben das weggenommen, was noch da war.

Der Dresdner Naturschutzbund (Nabu) kritisiert nun den Umgang mit den Wiesen, vor allem in den Wohngebieten. „Hier wurden lediglich fünf Zentimeter hohe Blütenpflanzen wie Habichtskräuter rigoros beseitigt“, sagt die Projektleiterin für den Arten- und Naturschutz, Marion Lehnert. Dadurch konnten die Böden noch schneller austrocknen. Der Nabu fordert die Großvermieter auf, ihre Wiesen in Zukunft wetterabhängig mähen zu lassen. „Wir müssen in den nächsten Jahren mit mehr trocknen Sommern rechnen“, sagt Lehnert und macht deutlich, dass nicht nur die Wiesen selbst gelitten hätten, sondern auch die vielen Insekten, die normalerweise darin leben. Und klettert man die Nahrungskette eine Stufe höher, gelangt man zu den Vögeln. Fast 95 Prozent der heimischen Arten benötigten zur Aufzucht ihrer Jungen Insekten als Nahrung. Rückgänge um 40 bis 60 Prozent bei den meisten Vogel- und Insektenarten in den letzten Jahrzehnten führe sie auf die intensive Pflege der Grünflächen hierzulande zurück. Lehnert appelliert an die Dresdner Großvermieter: „Bitte helfen Sie mit, den Artenrückgang zu stoppen. Als Flächeneigentümer haben Sie die Möglichkeit, sowohl Betriebskosten zu sparen als auch einen Beitrag zur Artenvielfalt zu leisten.“ Eine zweite Forderung: Die Vermieter sollten die Wiesen immer nur stückweise mähen, sodass ein Teil des Rasens hoch bleibt – die Hälfte bis drei Viertel der Fläche. Damit bliebe den Insekten ein ausreichend großer Lebensraum erhalten.

Allein die Dresdner Wohnungsgenossenschaften vermieten 43 000 Wohnungen. Die Häuser sind oft umgeben von Wiesen – ein Merkmal, mit dem die Großvermieter in sonst dicht bebauten Stadtteilen gern für sich werben. Die ausgetrockneten Rasenflächen hat man freilich auch dort bemerkt. „Durch die lang anhaltende Trockenheit war der Rasenwuchs extrem beeinträchtigt“, sagt Dana Jacob von der Wohnungsgenossenschaft „Glückauf“ Süd (WGS). Das habe dazu geführt, dass der Rasen teilweise braun wurde. „Eine normale Reaktion“, so Jacob, denn bei Wassermangel stelle die Pflanze zu ihrem eigenen Schutz die Transpiration ein und lebe vom gebildeten Speicher in der Wurzel weiter. „Leider trifft das auf Wildkräuter nicht zu“, sagt sie. Diese würden auch bei lang anhaltender Dürre weiter wachsen, da ihre Wurzeln viel tiefer reichten als die des Rasens. Werde dem Wachstum der Wildkräuter nicht entgegengewirkt, könne es kommendes Jahr passieren, dass gar kein Rasen mehr wächst. Denn es wäre möglich, dass die Wildkräuter den Rasen flächendeckend überwuchern.

Die Verträge mit Firmen, die Grünflächen pflegen, sehen bei der WGS größtenteils sieben Rasenmahden im Jahr vor. Das passiere allerdings erst nach vorheriger Absprache, je nachdem, wie die Witterung sei, so Jacob. So sei in diesem Sommer in vielen Wohngebieten nur zweimal gemäht worden, im September und Oktober weitere zweimal. Zurzeit seien die Firmen damit beschäftigt, das Laub auf den Wiesen zu beseitigen. Ähnlich handhabt es die Wohnungsgenossenschaft Aufbau, mit rund 17 000 Wohnungen die größte in Dresden. Gemäht werde entsprechend der Höhe des Rasens, in diesem Sommer also weniger als sonst, sagt Vorstand Hans-Peter Kegler. „Da wir eigene Hauswarte beschäftigen, können wir die Abfolge des Grünschnittes selbst bestimmen, die Hauswarte können auf andere Tätigkeiten ausweichen.“

Beide Wohnungsgenossenschaften haben bereits sogenannte Bienen- und Schmetterlingswiesen angelegt. Diese werden seltener gemäht. Ein Teil bleibt immer in voller Höhe erhalten, sodass sich die Tiere dorthin zurückziehen können. Außerdem wachsen dort Pflanzen, die für die Insekten besonders attraktiv sind, etwa Kreuz- und Korbblütengewächse sowie Süßgräser. „Es gibt viele Mieter, die dieses Konzept befürworten, und wir beobachten weiter, an welchen Stellen wir Schmetterlingswiesen pflegen könnten“, sagt Dana Jacob von der WGS. Allerdings gebe es auch viele Bewohner, die den gepflegten, gestutzten und möglichst unkrautfreien Rasen vor dem Haus bevorzugten. Dass die Wünsche sehr verschieden sind, bestätigt Hans-Peter Kegler. „Die einen möchten eine Wildwiese, die anderen möchten gepflegte Rasenflächen.“

Immerhin mulchen viele Wohnungsgenossenschaften ihre Wiesen bereits. Das heißt, der abgeschnittene Rasen bleibt eine Weile liegen, bevor er weggeräumt wird. Somit wird der Boden auf natürliche Weise gedüngt. Eine gestaffelte Mahd, wie sie auf den Schmetterlings- und Bienenwiesen vorgenommen wird, hält der Nabu auf den meisten anderen Wiesen auch für möglich. „Wenn lediglich stark begangene Flächen wie Spiel- und Wäscheplätze intensiver gemäht werden, bleiben noch genügend Flächen als Teil des Nahrungsnetzes erhalten“, sagt Marion Lehnert.

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