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Mittwoch, 14.03.2018

Dresden wird immer wärmer

Viele Bauprojekte in der Innenstadt lassen die Temperaturen steigen. Die Stadt steuert dagegen – ohne zu verhindern.

Von Andreas Weller

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Die fast ausgetrocknete Elbe ist im Sommer keine Seltenheit. Dennoch gilt sie als Kaltluftschneise. Schlimmer fürs Klima ist es im dicht bebauten Zentrum.
Die fast ausgetrocknete Elbe ist im Sommer keine Seltenheit. Dennoch gilt sie als Kaltluftschneise. Schlimmer fürs Klima ist es im dicht bebauten Zentrum.

© Sven Ellger

Wenn die Stadt kaum noch atmen kann: Dresdens Zentrum wird immer mehr zugebaut. Alleine rund um den Postplatz entstehen mehr als 1 000 neue Wohnungen oder sind gerade fertig geworden. Der Bedarf an Wohnraum steigt. Doch was macht es mit dem Stadtklima, wenn auf steinernen Plätzen Häuser aus Beton gebaut werden?

Die Innenstadt heizt sich immer mehr auf. Die Temperatur ist dort im Sommer dauerhaft vier bis fünf Grad höher als am Stadtrand oder in besser durchlüfteten Stadtteilen, weiß Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne). Insgesamt steigt die Durchschnittstemperatur in Dresden seit 2010 stärker an. Von 1950 bis 1980 ist sie alle zehn Jahre um 0,03 Grad, bis 2010 um 0,3 Grad und derzeit um bis zu 0,7 Grad gestiegen.


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Ein Grund dafür ist, dass in den vergangenen Jahren viel gebaut wurde, ohne auf das Klima zu achten. „Wir holen das jetzt nach“, so die Umweltbürgermeisterin. Sie stellt klar: „Es geht aber nicht darum, Bauprojekte zu verhindern, sondern sie in Einklang zu bringen und eine ämterübergreifende Planung für den Klimawandel zu machen.“ Denn Jähnigen ist klar, dass Dresden wächst. Bis 2030 werden laut Studien mehr als 52 000 zusätzliche Wohnungen benötigt. Denn bis 2025 könnten bis zu 600 000 Menschen in der Stadt leben. 4 000 Wohnungen müssten pro Jahr gebaut werden.

Auf der anderen Seite hat Jähnigen eine Stadtkarte vor sich. Die zeigt eine tiefrote Innenstadt und den gleichen Farbton über Friedrichstadt, Striesen und Neustadt. „Das sind überwärmte Bereiche“, erklärt die Umweltbürgermeisterin. Stadtgebiete, in denen es im Sommer deutlich zu warm wird. Das liegt vor allem am fehlenden Grün. Teilweise war es sogar mal da, wurde aber für Bauprojekte abgeholzt. „Wir haben den Promenadenring aus der Schublade geholt“, erklärt Jähnigen. Die Pläne für den Baumgürtel mit Alleen um die Innenstadt gibt es schon lange, jetzt sollen sie umgesetzt werden. Wenn auch nicht so üppig wie mal geplant. „Ja, es gab unterschiedliche Pläne“, gesteht Jähnigen ein. Aber wir sind froh, dass es jetzt beginnen kann.“


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Der Promenadenring ist aber nur eine von vielen Maßnahmen, die sie plant, damit die Innenstadt sich nicht noch mehr aufheizt. „Wir müssen jetzt etwas dagegensetzen, dass so viele Flächen versiegelt sind.“ Die Luft muss zirkulieren können. Auf dem Postplatz sind weitere Hochbeete zum Zwinger geplant. Die Wilsdruffer Straße soll mehr Bäume erhalten. „Tempo 20 wäre dort vor Jahren undenkbar gewesen, nun ist es schon eine Weile Realität.“ Der Dippoldiswalder Platz soll durch Brunnen aufgewertet werden und so mehr Feuchtigkeit erhalten. Wasser sei besonders wichtig. Deshalb werden für Straßenbäume und auf Plätzen Sorten ausgesucht, die besonders viel Feuchtigkeit abgeben. Auch die zum Teil kritisierten Gründächer rund um den Postplatz haben laut Jähnigen Einfluss auf das Klima. „Sie nehmen Feuchtigkeit auf und geben sie verzögert wieder ab. Das kühlt die Stadt im Sommer auch etwas.“ Dies sei auf jeden Fall besser, als gar kein Grün in der Innenstadt zu schaffen.

Vor allem die sogenannten Kaltluftschneisen gelte es freizuhalten. Denn sie sorgen für den Luftaustausch und damit für Abkühlung. Deshalb sieht Jähnigen die geplante Bebauung der Lingnerstadt auch mit Argwohn. „Die rote Fläche auf der Karte wird dadurch noch größer.“ Zwar weiß sie auch, dass die Fläche der ehemaligen Robotron-Kantine für das Projekt wichtig ist, weil es sonst komplett umgeplant werden müsste. Aber nach den derzeitigen Plänen wird rund herum noch mehr versiegelt. „Eine unversiegelte Fläche der Güte finde ich in der Innenstadt nicht mehr“, erklärt Jähnigen. „Also werden wir einen begrünten Übergang zum Rathaus anlegen und den Promenadenring in dem Bereich erweitern“, erklärt die Umweltbürgermeisterin die Pläne. Das seien alles Kompromisse, um den Wohnungsbedarf zu decken und den Einklang mit dem Klima zu sichern.

Als einen zentralen Punkt nennt Jähnigen, dass das Elbufer unbebaut bleiben müsse. Die Flusslandschaft sei zentral, um für feuchte und kühle Luft zu sorgen. „Natürlich ist es relevant für die Gesundheit, ob eine Stadt zu warm wird“, erklärt Jähnigen. Auch deshalb habe man bereits an anderen Stellen Kompromisse gefunden. Als Beispiel benennt sie die sogenannte grüne Ecke in der Friedrichstadt. Dort wurde, auch auf Initiative von Anwohnern, erreicht, dass auf einen Teil der Bebauung zugunsten eines Parks verzichtet wurde. „Investoren haben schon grundsätzlich Verständnis dafür.“ Da mittlerweile in der Verwaltung insgesamt auch auf solche Dinge geachtet werde, sehe Jähnigen für Dresdens Zukunft nicht schwarz.


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Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Vorher - Jetzt

    Schon wieder solche suggestive Formulierungen. "Dresdens Zentrum wird immer mehr zugegebaut." Das stimmt für das Zentrum nun mal gar nicht. Selbst wenn alle kriegsbedingten Brachen wieder überbaut sind, gibt es dank großzügiger Höfe und breiterer Straßen (Wilsdruffer usw.) am Ende weniger Gebäude im Zentrum als vor dem Krieg. Und Dresden ist, man glaubt es kaum, eine Stadt. Und wie die meisten Städte hat Dresden ein Zentrum in welchem, wie der Name schon sagt, es sich zentriert und ballt. Das is nun mal so. Ich kenne keine Pläne in anderen Großstädten in Deutschland und Europa Bauprojekte im Stadtzentrum gegen Grünprojekte aufzuwiegen.

  2. FK

    @1 Dass Sie keine solchen Abwägungen kennen, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt z.B. Wien: https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/landschaft-freiraum/landschaft/gruenraum/entwicklung/gruenguertel/gruenguertel2005.html

  3. Brunnen vs. Elbe

    Unglaublich! Brunnen, als Verdunstungsflächen in einer Stadt bauen, die nachweislich durch einen Fluß geteilt ist. Mutet an wie Eulen nach Athen tragen.

  4. Roba

    Wer städtebaulich nur in Kategorien "alter Zeiten" denken und handeln kann, wird sich heute und zukünftig mit klimatisch und gesundheitlich unangenehmeren Bedingungen abfinden müssen. Ärzte und Krankenhäuser sind ja nicht weit.

  5. ines

    Vor dem Krieg war Dresden eine grüne Stadt voller Bäume und Grünflächen. Auf vielen Fotos und Postkarten kann man das sehen. Leider wird auf die Natur so gut wie gar keine Rücksicht genommen. Gefällt und gerodet wird wohin man sieht. Bäume werden so gut wie garnicht gepflegt aber schnellstmöglich gerodet, sobald irgendetwas nicht in Ordnung ist oder ein neues Bauvorhaben stattfindet. Eine neue Bebauung ist ja begrüßenswert, aber warum kann man die im Laufe der Jahre gewachsene Natur nicht integrieren? Ein Beispiel dafür die ist Neubebauung an der Münchner/Nürnberger Straße. Da wurde fast die ganze Ecke komplett gerodet. Ein kleineres Gebäude mit ringsherum Grün wäre auch für die Wohnqualität viel besser gewesen.

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