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Dienstag, 12.06.2018

Die Unlust auf Bewegung

Die SZ hat an 24 Schulen im Kreis nachgefragt. Sportlehrer protestieren gegen Wegfall der dritten Stunde.

Von Uta Büttner

Trendsportarten wie Klettern finden bislang nur selten Eingang in den Schulsport. Ein Grund: Kosten und Sicherheit.
Trendsportarten wie Klettern finden bislang nur selten Eingang in den Schulsport. Ein Grund: Kosten und Sicherheit.

© Archiv/dpa

Klettern, Skateboarden und andere Trendsportarten: Damit können Kinder heute noch gelockt werden. Aber Handstand auf der Wiese, Hüftaufschwung an der Stange eines Klettergerüstes oder Gummitwist? Kinder und Jugendliche dabei zu beobachten – das war vor Jahrzehnten Alltag. Heute wissen Heranwachsende gar nicht mehr, was Gummitwist ist. Die schlimmste Strafe für Kinder einst: Hausarrest. Heute wäre sie wahrscheinlich „Du musst rausgehen“. Auch im Dresdner und Meißner Umland.

Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig, motorische und koordinative Defizite – und damit auch gesundheitliche – sind die Folgen. Ärzte schlagen schon seit Jahren Alarm, auch in Sachsen.

In einer zweiten Datenerhebung der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts Berlin wurden im März dieses Jahres die ersten Ergebnisse veröffentlicht. Demnach sind lediglich rund 22 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen im Alter zwischen drei und 17 Jahren ausreichend körperlich aktiv, nicht anders auch im Kreis Meißen. Ausreichend – das heißt 60 Minuten täglich, von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen.

Doch woran liegt das? Smartphone und Co scheinen attraktiver zu sein als Bewegung an frischer Luft. Ein gesellschaftliches Problem. Wie ist diesem negativen Trend zu begegnen? Laut der KiGGS-Studie steigen zwar die Mitgliederzahlen in Sportvereinen, aber die Leistungsfähigkeit zwischen in Vereinen organisierten und nichtorganisierten Schülern driftet immer weiter auseinander.

Kann der Schulsport Lust auf mehr Bewegung machen? Ist der Leistungszwang in diesem Fach dann eher kontraproduktiv? Sind die Anforderungen zu hoch? Oder die Angebote wie Gerätturnen, die viele Schüler so sehr hassen, noch zeitgemäß? Die Sächsische Zeitung hat nachgefragt in 24 Schulen in Radebeul, Coswig, Meißen und Weinböhla. Gerade einmal fünf Schulen, darunter drei Radebeuler, eine Meißner und eine Coswiger, haben geantwortet.

In einem Punkt sind sich die Sportlehrer des Lößnitzgymnasiums, des Gymnasiums Luisenstift und der Grundschule Oberlößnitz in Radebeul sowie des Franziskaneums Meißen und der Leonhard-Frank-Oberschule Coswig einig: Die dritte Sportstunde darf nicht wegfallen.

So meint Jens-Bodo Risse, Sportlehrer am Franziskaneum: „Die Reduzierung des Sportunterrichts ist kontraproduktiv, da nicht sichergestellt werden kann, dass alle Eltern ihren Kindern den für die körperliche und geistige Entwicklung notwendigen bewegten Alltag verschaffen (können)! Da gibt es eine gesellschaftliche Verantwortung.“

Doch die Schule kann es laut Jürgen Taubert, Sportlehrer am Luisenstift, nicht allein leisten. Er sieht vor allem auch die Eltern in der Verantwortung – natürlich im Zusammenspiel mit Schülern und Lehrern und auch Vereinen. Bei der Frage, ob das Schulsportangebot noch zeitgemäß ist, scheiden sich die Geister. So meint die Leonhard-Frank-Oberschule, dass Gerätturnen und Gymnastik weniger zeitgemäß sei. Doch gerade Turnen stellt für Jürgen Taubert eine wichtige Grundlage für die Motorik dar: „Man muss es behutsam methodisch aufbauen.“ Denn, so sagt Jens-Bodo Risse: „Gerätturnen fördert Körperhaltung, Mut und Bewegungsgefühl. Aber für viele unserer Kinder und Jugendlichen sind die Lehrplananforderungen gemessen am Vorkönnen utopisch.“

Doch ist gerade dann das Herunterschrauben von Anforderungen bei der Benotung oder gar das Wegfallen einer Sportstunde die richtige Lösung? Zumal es laut Ullrich Sültmann vom Lößnitzgymnsium schon jetzt leichter ist, gute Noten zu erreichen: „Wenn Sie früher eine Eins hatten, dann würden Sie heute eine Eins plus bekommen.“

Einige Schulen versuchen, mit Angeboten wie Skilager die Schüler zu begeistern. Im Lehrplan wurde dazu ein Platz für „Trendsportarten“ eingeräumt – mit dem Ziel, bei mehr Schülern Bewegungsfreude auszulösen. „In der Realität scheiterten aber viele Sportlehrer an den später von der Unfallkasse Sachsen erstellten Richtlinien hinsichtlich Sicherheit im Schulsport“, sagt Sportlehrer Risse.

So müssten Lehrkräfte für viele Sportarten per Fortbildung eine Lizenz – Unterrichtserlaubnis – absolvieren und in regelmäßigen Abständen wiederholen. Die Erlangung der Unterrichtserlaubnis Wintersport – dazu zählen auch Skilager – ist mit einem Eigenkostenanteil von 550 Euro verbunden, heißt es auf die Umfrage. Und beispielsweise Skateboarding und Inlineskating erfordern Sicherheitsausrüstungen, die die Schule aus hygienischen Gründen in riesiger Menge vorhalten müsste. Wassersportaktivitäten scheitern entweder an der Bezahlbarkeit oder an der Bereitstellung eines Rettungsschwimmers, schildert der Lehrer.

Und wie sieht es mit Leistung vor Spaß aus? „Die Kinder wollen Leistung zeigen, sie wollen sich messen“, sagt Jürgen Taubert. Dazu dienen auch Wettkämpfe wie „Jugend trainiert für Olympia“ – ähnlich den früheren Kinder- und Jugendspartakiaden – oder der Radebeuler Treppenlauf und der Sachsenlauf am 24. Juni in Coswig.

Doch Teilnehmer für solche Wettbewerbe zu gewinnen, wird immer schwieriger, sagen Ullrich Sültmann und Sachsenlauf-Organisationschef Jürgen Schildt übereinstimmend. Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. Erst recht, wenn eine Veranstaltung auf einen Sonntag fällt. Denn damit sind ausschließlich die Eltern gefordert, Spaß und die Lust am Bewegen herauszukitzeln. Das können die Schulen allein nicht leisten, da sind sich die Sportlehrer, welche der SZ antworteten, einig.

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