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Samstag, 10.11.2018

Die Schokolade kommt nach Hause

Fast 180 Jahre nach ihrer Erfindung in Dresden wird der süßen Versuchung ein Festival im Zwinger gewidmet.

Von Henry Berndt

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Schokoladenmädchen trifft Schokoladenmädchen: Während Jannette Hofmann (r.) die klassische Version verkörperte, führte die frisch gekürte Hoheit Michelle Klinkenberg ihr maßgeschneidertes Designerkleid vor.
Schokoladenmädchen trifft Schokoladenmädchen: Während Jannette Hofmann (r.) die klassische Version verkörperte, führte die frisch gekürte Hoheit Michelle Klinkenberg ihr maßgeschneidertes Designerkleid vor.

© Marion Doering

Mit Einbruch der Dunkelheit erstrahlen an der Zwingerfassade während der „Choco Classico“ verführerische Bilderwelten.
Mit Einbruch der Dunkelheit erstrahlen an der Zwingerfassade während der „Choco Classico“ verführerische Bilderwelten.

© Marion Doering

Eine komplette Kaffeetafel ganz aus Schokolade zauberte der österreichische Künstler Gerhard Petzl.
Eine komplette Kaffeetafel ganz aus Schokolade zauberte der österreichische Künstler Gerhard Petzl.

© Marion Doering

An dieser Kaffeetafel sollte man lieber nicht den Löffel ablecken, sofern man nicht als Kunstbanause gelten möchte. Ob Teller, Tassen, Besteck oder Zuckerdose – hier ist wirklich alles aus purer Schokolade. Gezaubert hat das Meisterwerk ein echter Könner: der Österreicher Gerhard Petzl, offizieller Olympiasieger der Patisserie. Etwa drei Wochen hat der 45-Jährige an dem süßen Kunstwerk gearbeitet, das seit Freitag und noch bis Sonntag im Zwinger zu sehen ist. Petzl ist damit Teil des ersten Dresdner Schokoladenfestivals, das auf den Namen „Choco Classico“ getauft wurde. Insgesamt 14 Schokoladenmanufakturen aus dem ganzen Land stellen in weißen Pagodenzelten ihre Produkte vor und geben Einblick in ihre Arbeit. „Wir haben bewusst darauf verzichtet, die großen Hersteller einzuladen“, sagt Organisator Ronny Kürschner vom Verein Schokolade und Kunst. „Wir wollen zeigen, wie man Schokolade mit allen Sinnen genießen kann.“

Wer weiß schon heute noch, dass die Milchschokolade einst in Dresden erfunden wurde und von hier aus ihren Siegeszug um die Welt antrat? Die erste Werbung von 1839 im Dresdner Anzeiger wirbt für Milchschokolade, „mit Eselsmilch präpariert“. Die Idee dazu hatten die beiden Dresdner Geschäftsleute Gottfried Jordan und August Friedrich Timaeus, die ihr Geld bis dahin mit Kaffee-Ersatzprodukten verdient hatten. Nun wurde „Jordan & Timaeus“ zur ersten Schokoladenmarke. Und wo Schokolade hergestellt werden soll, dort werden bald auch Formen und Maschinen benötigt. Und so wurde Dresden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Schokoladenhauptstadt des Landes. Bis zum Ersten Weltkrieg waren in der Stadt bis zu 7 000 Menschen in der Schokoladenindustrie beschäftigt. 28 Fabriken verarbeiteten mehr als 500 Tonnen Kakao pro Jahr.

Auch wenn diese Zeiten längst Geschichte sind, gehen inzwischen wieder erste Manufakturen in Dresden ihrem Handwerk nach, die sich natürlich auch zur „Choco Classico“ präsentieren, darunter die Confiserie Felicitas in der Altmarktgalerie, das „Pralinenherz“ in Plauen und das „Tafelwerk“ in der Neustadt. Letzteres bietet Schokolade ohne Zuckerzusatz – handgemacht von der Bohne bis zur Tafel. Überhaupt zeigt sich im Zwinger: Hochwertige Schokolade ist meist eher eine herbe Angelegenheit für Erwachsene.

Herb war zunächst auch die Enttäuschung einiger Besucher, die mit ihren im Vorverkauf zwölf Euro teuren Tickets mit ansehen mussten, wie eine Stunde lang jeder im Zwinger aus- und eingehen durfte, wie er wollte. Erst dann wurden die Eingänge abgesperrt. Einige ausländische Touristen hielten August den Starken prompt für Captain Hook. Da Schokolade ja aber glücklich machen soll, dürfte der Ärger schon bald wieder verflogen sein.

Zu entdecken gibt es bei der ersten „Choco Classico“ eine Menge: So können die Besucher viel über die Geschichte der Schokolade lernen, mal selbst Pralinen überziehen, in die Kunst der Kakaomalerei eintauchen oder sich über Zangen, Klammern, Flaschenöffner, Schuhe und Taschen aus Schokolade wundern.

Die Marke „Jordan & Timaeus“, mit der alles seinen Anfang nahm, wird übrigens seit wenigen Wochen wieder vertrieben – wenngleich von Lüneburg aus. Auch die zwei Frauen hinter diesem Projekt sind nun nach Dresden gekommen und haben etwas Besonderes mitgebracht: die erste Milchschokolade der Welt, mit 60 Prozent Kakao und Eselsmilch.

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