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Samstag, 14.07.2018

Die nächsten Häuser drohen einzustürzen

Die Stadt Görlitz hat vor acht Gebäuden Absperrungen aufstellen lassen. Baubürgermeister Wieler drängt auf eine generelle Lösung.

Von Ingo Kramer

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Weil die Bismarckstraße 18 nicht mehr sicher steht, hat die Stadt den Fußweg absperren lassen.
Weil die Bismarckstraße 18 nicht mehr sicher steht, hat die Stadt den Fußweg absperren lassen.

© Nikolai Schmidt

Die Bahnhofstraße 54 ist noch deutlich kaputter. Deshalb reicht die Absperrung dort bis auf die Straße. In beiden Fällen kooperieren die Eigentümer bisher nicht.
Die Bahnhofstraße 54 ist noch deutlich kaputter. Deshalb reicht die Absperrung dort bis auf die Straße. In beiden Fällen kooperieren die Eigentümer bisher nicht.

© Nikolai Schmidt

Görlitz. Es ist ein Bild des Jammers: Die aufwendig verzierte Fassade, der riesige Balkon im zweiten Stock, das Türmchen auf dem Dach: alles marode. So schlimm, dass die Stadt den Fußweg vor dem Haus Bismarckstraße 18 komplett abgesperrt hat. „Es ist nicht nur der Balkon, von dem etwas abbrechen könnte“, erklärt Hartmut Wilke, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung. Das Haus insgesamt sei gefährdet. Putz oder Teile der Dachrinne könnten auf den Gehweg fallen. Die Stadt prüft gerade, was getan werden muss, um zumindest die Sicherheit wieder herzustellen. Parallel hat sie den Eigentümer angeschrieben. Es handelt sich um eine ausländische Bau- und Immobiliengesellschaft. Sie sitzt nicht in Polen, aber zumindest in Europa, so viel kann Wilke sagen. Die Kontaktaufnahme gestalte sich schwierig, bisher habe der Eigentümer noch nicht reagiert. Allerdings sei die Frist auch noch nicht abgelaufen. „Wenn sich nichts tut, wird die Stadt in Ersatzvornahme gehen müssen“, befürchtet Wilke. Nach seiner Kenntnis droht aber bisher noch keine Vollsperrung der Straße.

Damit reiht sich die Bismarckstraße 18 ein in die lange Liste von maroden Häusern. Einige standen voriges und dieses Jahr besonders im Fokus: Die Stadt hat die Landeskronstraße 34 abreißen und die Bismarckstraße 29 sichern lassen. An der Bahnhofstraße 54 sind Teile der Straße gesperrt. Hier gibt es zwei Eigentümer, die bisher nicht mit einer Sicherung begonnen haben – und drei Kaufinteressenten. „Alle drei haben sich mit dem Objekt befasst, sie konnten auch Akteneinsicht nehmen“, bestätigt Wilke. Allerdings gebe es noch keine Entscheidung. Froh ist der Amtsleiter über das Wetter: Weil es in den vergangenen Monaten kaum geregnet hat, hat sich der Zustand des Hauses seither nicht weiter verschlechtert. So reicht die momentane Sperrung weiterhin aus. Wilke rechnet nicht mit einem sofortigen Einsturz: „Der Statiker prüft aber weiterhin regelmäßig, ob sich am Zustand etwas verändert.“ Bisher sei das zum Glück nicht der Fall.

Neben den beiden geschilderten Fällen gibt es derzeit sechs weitere Häuser, an denen die Stadt aus Sicherheitsgründen eine Absperrung veranlasst hat. Zum Teil tut sich etwas: In der Biesnitzer Straße 79 hat die Eigentümerin selbst die Sicherung begonnen. In der Landeskronstraße 22/Ecke Brautwiesenplatz sowie in der Sohrstraße 9 gab es Eigentümerwechsel. „In beiden Fällen haben sich die neuen Besitzer schriftlich zu ihrer Verantwortung bekannt, aber es passiert noch nichts“, sagt Wilke. In der Bautzener Straße 44 und der Heilige-Grab-Straße 83 hingegen gebe es wenig Bewegung. Der jüngste Fall ist die Bahnhofstraße 28. Dort läuft derzeit die Prüfung, welche Art der Sicherung nötig ist, ähnlich wie bei der Bismarckstraße 18. Doch es gibt auch Lichtblicke: Kommwohnen hat das Eckhaus Leipziger Straße 20 a gesichert, in der Landeskronstraße 6 ist der private Eigentümer aktiv geworden, die Landeskronstraße 8 ist jetzt ebenfalls eingerüstet.

Da sich die Fälle häufen und die Eigentümer oft nicht kooperieren, muss die Stadt immer öfter selbst aktiv werden. Oft bleibt sie auf den Kosten sitzen. Außerdem hat sie das Problem, dass der Abriss teilweise preiswerter ist als die Sanierung. Zum Beispiel in der Bahnhofstraße 54 ist das so. Allerdings möchte die Stadt ungern überall Lücken in geschlossene Häuserzeilen reißen. Deshalb drängt sie auf eine generelle Lösung. Baubürgermeister Michael Wieler hatte kürzlich Vertreter des sächsischen Innenministeriums und des Landesamtes für Denkmalpflege zum Gespräch nach Görlitz eingeladen. Dort hat er aufgezeigt, was die Stadt schon alles unternimmt – und wo sie trotzdem nicht weiterkommt. Eine Lösung sieht Wieler darin, dass die Stadt den Differenzbetrag gefördert bekommt, um den eine Sicherung teurer ist als der Abriss.

„Eine andere Möglichkeit wäre die Aufweichung der bisherigen Regel, dass ein Eigentümer sein Haus binnen fünf Jahren sanieren muss, wenn er Fördermittel für die Sicherung erhalten hat“, sagt Wieler. Die Vertreter aus Dresden haben sich alles angehört – aber noch nichts entschieden. Kurzfristige Ergebnisse habe er auch nicht erwartet, sagt Wieler: „Das war erst der Beginn des Gesprächsprozesses.“ Was er aber erreichen will, ist eine Sonderbehandlung für Görlitz „an der Stelle, an der wir eine Sondersituation nachweisen können“. Sprich: Hier gibt es viel mehr denkmalgeschützte Gebäude als anderswo, die nicht einfach abgerissen werden sollten. Ob es eine Sonderbehandlung geben wird, ist derzeit noch völlig offen.