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Dienstag, 11.09.2018

Die Menschenfresserin

Ein Tigerweibchen tötete in Indien bereits 13 Menschen. Sind die heiligen Kühe schuld?

Von Willi Germund SZ-Korrespondent in Indien

In Indien leben rund 2600 Tiger in freier Wildbahn.
In Indien leben rund 2 600 Tiger in freier Wildbahn.

© dpa

Kuhhirte Shankar Atram aus dem indischen Bundesstaat Maharashtra trägt eine Art Ritterrüstung aus rostigem Blech. Sie wird von Lederbändern und kleinen Ketten samt abgeschlossenem Vorhängeschloss zusammengehalten und soll ihn schützen. Sein Feind ist die Menschenfresserin T 1, eine fünfjährige Tigermutter von zwei Jungtieren. Während der vergangenen zwei Jahre tötete sie mindestens
13 Menschen in der bettelarmen Region rund um das Tipeshwar Wildreservat.

Indiens hindunationalistische Regierungspartei und ihre militanten Anhänger verschlimmerten ungewollt das Tigerproblem. Ihre Kampagne gegen das Schlachten der Kühe, die von ihnen als heilig verehrt werden, führten zu einer Explosion der Rindviehzahlen in Indien. „Rund um die Wälder gibt es deshalb heutzutage mehr Beute für Tiger als in ihrem normalen Lebensraum“, sagt ein Experte. Und wo Kühe sind, sind auch die Menschen. Hinzu kommt, dass Indiens Bevölkerungsexplosion und wirtschaftliche Entwicklung den Lebensraum der Wildkatzen zunehmend einschränkt. „Ich habe vor ein paar Wochen einen Tiger im Wald gesehen“, erklärt der 48-jährige Atram den Grund für seine seltsam anzusehende Blechrüstung. 150 Rupien verdient der Hirte pro Monat pro bewachter Kuh. Die umgerechnet zwei Euro pro Rindvieh machen den Mann nicht reich. Aber sie ernähren den Hirten und so zieht er Tag für Tag unter dem Geklapper seiner blechernen Tigerrüstung in die Wälder der Umgebung und trotzt der unheimlichen und meist unsichtbaren Tigermutter. Die Jagd nach T1 blieb bislang erfolglos. Nun sollen vier speziell ausgebildete Elefanten wie einst zu Maharadscha-Zeiten eine Treibjagd gegen die Menschenfresserin eingesetzt werden.

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