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Freitag, 12.10.2018

Die letzte Hoback-Semmel

Von Mirko Kolodziej

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Gebacken wurde für Läden im ganzen Bezirk Cottbus.Fotos (2): Stadtmuseum / G. Kubenz
Gebacken wurde für Läden im ganzen Bezirk Cottbus.Fotos (2): Stadtmuseum / G. Kubenz

© Gudrun Kubenz

Auch bei industrieller Massenproduktion war Handarbeit gefragt.
Auch bei industrieller Massenproduktion war Handarbeit gefragt.

© Gudrun Kubenz

Als 1966 bei der Hoback in Hoyerswerdas Industriegelände die Produktion startete, war jemand so umsichtig, ein Erinnerungsstück aus Teig aufzuheben. Passend nannte man Hoback-Chef Günter Oehler liebevoll auch den „Semmelkönig“.Foto: Gernot Menzel
Als 1966 bei der Hoback in Hoyerswerdas Industriegelände die Produktion startete, war jemand so umsichtig, ein Erinnerungsstück aus Teig aufzuheben. Passend nannte man Hoback-Chef Günter Oehler liebevoll auch den „Semmelkönig“.Foto: Gernot Menzel

© HY-photo Gernot Menzel

Ein Artikel über ein 213 Jahre altes Backstück erschien jüngst in der österreichischen Zeitung „Der Standard“. Die „napoleonische Semmel“ werde in den städtischen Sammlungen in Baden bei Wien aufbewahrt. Sie erinnere an die französische Belagerung von 1805. Man buk damals im wahrsten Wortsinn sehr kleine Brötchen, denn die Zutaten waren knapp.

Das Stadtmuseum Hoyerswerda kann fast mithalten. Hier gibt es nämlich ein immerhin 52 Jahre altes Brötchen – ordentlich aufbewahrt in einer durchsichtigen Plastedose. „Stammt aus dem ersten verkaufsfähigen Schub der Hoback“, steht im Inventarverzeichnis des Museums unter der Nummer 03290 geschrieben. Im Oktober 1966 startete der Betrieb „Hoyerswerdaer Backwaren“ die Semmel-Produktion.

Natürlich hat das Backhandwerk auch in Hoyerswerda eine lange Tradition. Wo Menschen leben, wird eben gegessen. Und so listet die Stadtchronik für 1783 bei vielleicht 2 000 Einwohnern acht Weißbäcker auf. 1850 waren es bei 2 500 Hoyerswerdaern zehn Weißbäcker und drei Konditoren. Die Stadtgeschichte kannte Bäcker mit Namen wie Prätorius, Moritz, Druschke oder Kretschmer. Die Besonderheit der Hoback: Hier wurde industriell gefertigt, buchstäblich Massenware produziert.

Bei der Grundsteinlegung für das Werk am 1. Juli 1964 hatte Hoyerswerda schon um die 40 000 Bewohner, bei Inbetriebnahme waren es mehr als 45  000. Sie wollten untergebracht, transportiert und versorgt sein. Im Osten der Stadt, auf Zeißiger Flur, entstand in jenen Jahren mit dem Industriegelände das dafür vorgesehene Gebiet. 1957 war das Betonwerk fertig, das die Bauarbeiter mit Platten für das Wachsen der Stadt belieferte. 1961 folgten die Großgaragen für den Kraftverkehr, der die Hoyerswerdaer durch die Stadt, aber vor allem zu ihren Arbeitsorten im Bergbau brachte. Im selben Jahr öffnete auch die Molkerei, 1963 eine Großküche und 1964 dann die Großwäscherei „Schwanenweiß“.

Die Hoback war schließlich der letzte Großbetrieb, gewissermaßen der Punkt auf dem i – und er war wichtig. Die Historikerin Elke Roschmann berichtet, dass bis zum Produktionsbeginn Backwaren aus fünf verschiedenen Kreisen ins wachsende Hoyerswerda geliefert wurden. „Der Transportweg konnte schon mal bis zu hundert Kilometer weit sein“, schreibt sie im jüngsten Hoyerswerdaer Geschichtsheft. Es verwundert also nicht, dass die Hoback-Eröffnung im Sommer 1966 ein Ereignis war.

Im Museum zeugt davon ein überdimensionaler Schlüssel aus Stahl – mit Goldfarbe angestrichen und mit einer Prägung im Bart: „9.7.1966“. Man darf annehmen, dass er damals einem bedeutungsschweren, symbolischen Akt diente. Dass das erwähnte Brötchen vom Oktober stammt, ist Beweis dafür, dass unter den zunächst täglich drei Tonnen Gebäck in 100 Sorten weder Brot noch Brötchen waren und die Backlinie dazu erst gut drei Monate später in Betrieb ging.

Die wahrscheinlich letzte verbliebene Hoback-Semmel ist ein wenig kleiner, als man ihresgleichen noch von früher kennt. „Da kann man mal sehen, wie viel Wasser im Teig war“, witzelt Museumsleiterin Kerstin Noack dazu.

Man hat bei der Hoback mehrfach an- und umgebaut. Schon 1967 arbeiteten hier rund 250 Menschen, und zu Hochzeiten wurden fast 300 Verkaufsstellen im gesamten Bezirk Cottbus beliefert. Wie wichtig der Betrieb war, zeigt ein weiteres Exponat im Bestand des Museums. Es ist ein Kristallglas mit Prägung: „10 Jahre Hoback Hoyerswerda“. Auch nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ging es an der Straße A weiter. Die Treuhand verkaufte Gelände, Gebäude und Anlagen 1991 an die Firma Heberer aus Hessen. Noch 1994 arbeiteten am Standort 214 Beschäftigte. Sogar in Berlin aß man Backwaren aus Hoyerswerda. Schon im Jahr darauf verkündete jedoch Georg Heberer, für einen Frischebetrieb seien Standort, Fahrtwege und Wasserqualität nicht optimal. Mit politischem Druck ging es dann trotzdem noch anderthalb Jahrzehnte weiter. Zum Schluss wurden nur noch Pfannkuchen gebacken, die letzte Lieferung im März 2010.

Eine Ausstellung „75 Objekte aus 750 Jahren Stadtgeschichte“ zeigt das Stadtmuseum bis zum 2. Februar.