• Einstellungen
Donnerstag, 09.08.2018

Die langwierige Rückkehr

Von Alexander Hiller

Lucienne Fragel ist trotz der verpassten Qualifikation für die deutsche Meisterschaft im Gerätturnen Ende September zuversichtlich. Foto: Thomas Kretschel
Lucienne Fragel ist trotz der verpassten Qualifikation für die deutsche Meisterschaft im Gerätturnen Ende September zuversichtlich. Foto: Thomas Kretschel

© kairospress

Turnerinnen sind hart im Nehmen. Kaum eine weiß das besser als Lucienne Fragel. Die gebürtige Pirnaerin musste im Oktober 2017 einen schweren Rückschlag hinnehmen. An ihrem Lieblingsgerät, dem Stufenbarren, greifen ihre Hände beim Giengersalto ins Leere, die Athletin des Dresdner SC fällt so unglücklich mit ausgetreckten Armen auf die Matte, dass sie sich beide Ellenbogen auskugelt und bricht. In einer Fünf-Stunden-Operation werden die Arme mit Schrauben und Drähten fixiert. Erst Ende März werden bei Lucienne Fragel die letzten Schrauben aus den Armen entfernt.

Da weiß sie schon, dass sie ihren Sport wieder ausüben kann. Dennoch wirkt die Verletzung bis heute nach. Denn die 16-jährige DSC-Turnerin wird bei ihrem vormals geplanten Jahreshöhepunkt fehlen – den deutschen Meisterschaften in Leipzig Ende September. Dafür hätte sie im ersten Halbjahr eine entsprechende Qualifikationsleistung erbringen müssen. Ein aussichtsloser Kampf gegen die Zeit für das Talent, das im Vorjahr Bronze bei der Jugendmeisterschaft im Mehrkampf geholt hatte. „Sie kann auch im Nachhinein bis dahin keinen Leistungsnachweis mehr erbringen, mit dem sie sich qualifizieren könnte“, bestätigt ihr Trainer Tom Kroker. „Da konzentrieren wir uns auf nächstes Jahr“. Der Verein schickt damit nur eine Athletin nach Leipzig, Julia Vietor, Mannschaftskapitän des Erstliga-Teams aus Dresden.

Eingeschränkte Übung am Barren

Tom Kroker berichtet dennoch optimistisch über die Fortschritte, die Lucienne Fragel im täglichen Training macht, wenngleich sie noch mit körperlichen Einschränkungen kämpfen muss. Der schwerer verletzte rechte Ellenbogen lässt sich noch nicht zu 100 Prozent strecken, auch bei Drehungen ist das Armgelenk noch ein wenig eingeschränkt. „Aber Lucienne steht im Training unter Vollbelastung. Man sieht, dass die volle Leistungsfähigkeit logischerweise noch nicht da ist. Am Barren können wir einige Sachen noch nicht machen. Damit fallen zwei Elemente schon mal raus, die sonst Punkte bringen“, klärt Kroker über die besonderen Umstände am Unglücksgerät auf. „Aber am Balken und am Boden sind wir schon wieder auf Normalniveau“, sagt er zuversichtlich.

Mit dem Heilungsverlauf und der mentalen Entwicklung seines Schützlings ist der Cheftrainer der DSC-Turnabteilung mehr als zufrieden. „Ich habe damit gerechnet, dass das noch nicht so zeitig wieder möglich ist. Lucienne ist gut drauf“, schätzt er ein. Dass die Athletin das jemals wieder sein könnte – zumindest im sportlichen Sinne – war lange unklar. „Für mich war von Anfang an klar“, sagte die Turnerin in einem früheren Gespräch mit der Sächsischen Zeitung, „dass ich es zumindest probieren will, weiterzumachen. Während meiner Auszeit habe ich gemerkt, dass ich ohne Turnen nicht kann.“

Dass Fragel jetzt bei der deutschen Meisterschaft nicht starten darf, mag ein kleiner Rückschlag für die Motivation sein, ein Hindernis für eine weiter erfolgreiche Karriere aber keineswegs. „Momentan geht es mir eigentlich wieder ganz gut. Natürlich gab es auch Rückschläge oder Phasen, in denen mir der Heilungsverlauf nicht schnell genug ging. Aber ich bin mit meinen Fortschritten zufrieden“, erklärte Lucienne Fragel am Mittwoch. Sie wird deshalb bei der Deutschen Meisterschaft auch gern als Zaungast anreisen und ihrer Klubkollegin Julia Vietor kräftig die Daumen drücken. „Mir bringt es ja nichts, jetzt anzutreten und nicht mein komplettes Leistungsvermögen abrufen zu können. Ich tröste mich damit, im nächsten Jahr wieder voll angreifen zu können“, sagt sie. Eine Woche vor den nationalen Titelkämpfen will sie am Unfallort in Leipzig ihren Wiedereinstieg in die Wettkampfserie feiern und im November beim Bundesligafinale für den DSC starten. „Mein Trainer ist sich nicht sicher, ob ich in der Unglückshalle turnen sollte, ich bin es“, sagt sie mutig.