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Mittwoch, 12.09.2018

„Die Gewalt beginnt schleichend“

Betroffene von häuslicher Gewalt scheuen sich oft, darüber zu reden. In Radebeul finden sie Unterstützung.

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Meist vergehen Jahre, ehe sich Betroffene von ihren gewalttätigen Partnern trennen. Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema.
Meist vergehen Jahre, ehe sich Betroffene von ihren gewalttätigen Partnern trennen. Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema.

© dpa

Annett Kobisch berät in Radebeul Frauen und Männer, die von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind.
Annett Kobisch berät in Radebeul Frauen und Männer, die von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind.

© Daniel Schäfer

Radebeul. Drohungen, Demütigungen, Schläge, Vergewaltigungen, Kontaktverbote – häusliche Gewalt hat viele Gesichter. In der Radebeuler Beratung- und Interventionsstelle hilft Annett Kobisch Betroffenen aus den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Jede vierte Frau in Deutschland erlebt in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft. Überrascht Sie diese Zahl?

Nein, überhaupt nicht. Ich denke sogar, es sind weitaus mehr. Es gibt eine neuere europaweite Studie, die davon ausgeht, dass jede dritte Frau betroffen ist. Bei dieser Untersuchung wurden aber nur Frauen gefragt. Natürlich sind auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen.

Wer kann sich an die Interventionsstelle in Radebeul wenden?

Alle Frauen und Männer, die befürchten häusliche Gewalt zu erleben oder schon erlebt haben. Das kann körperliche oder sexuelle Gewalt sein, aber auch Stalking, ökonomische oder psychische Gewalt. Im letzten Jahr kamen 284 Personen zu uns. 90 Prozent sind Frauen.

Was genau ist psychische Gewalt?

Ich meine damit strafbare psychische Gewalt. Extreme Beschimpfungen zum Beispiel. Wenn jemand beleidigt wird als „dumme Schlampe“ oder „fettes Arschloch“ und das tagtäglich in einer Partnerschaft. Das greift das Selbstbewusstsein und die Würde der Person dermaßen an, dass sie aus den Beziehungsstrukturen noch viel schwerer herausfindet, als andere nach physischen Gewaltsituationen. Betroffene von psychischer Gewalt suchen sich später Hilfe.

Wie viel später?

Im Durchschnitt dauert körperliche Gewalt neun Jahre bevor sich Betroffene daraus lösen können. Bei psychischer Gewalt sind es durchschnittlich zwölf Jahre.

Das sind sehr lange Zeiträume...

Ja, unglaublich lang. Aber häusliche Gewalt beginnt schleichend. Nicht jedes „Du blöde Kuh“ oder jedes Türknallen ist gleich eine Gewaltsituation. Aber womöglich fliegt beim nächsten Mal eine Weinflasche. Und beim übernächsten Mal trifft sie die Frau vielleicht am Kopf. Und irgendwann wird sie vom Partner noch gewürgt.

Warum trennen sich Betroffene dann trotzdem noch nicht?

Viele sagen, sie würden sofort gehen, wenn ihr Mann sie schlägt. Aber ich habe er erst einmal erlebt, dass sich eine Frau nach der ersten Gewaltsituation tatsächlich trennen wollte. Man wohnt ja zusammen, hat vielleicht gemeinsame Kinder. Oder die Frau ist gerade schwanger. Die Gewalt gibt es auch nicht jeden Tag. Oft sind dazwischen schöne Phasen, in denen man sich versöhnt. Der Partner entschuldigt sich, ist selbst schockiert über sein Verhalten. Alle Beteiligten hoffen, dass sie gut miteinander weiter leben können.

Gibt es noch andere Gründe?

Ein großer Grund ist, dass viele gar nicht wissen, wem sie es erzählen sollen und sich denken „Das glaubt mir ja kein Mensch“. Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema in der Gesellschaft. Oft ist die Frau auch finanziell von ihrem Mann abhängig. Bei ausländischen Frauen kann auch die Abschiebung drohen, wenn sie sich von ihrem deutschen Mann trennen. Oder wenn beide ausländisch sind, wird Gewalt unter Umständen mit der Kultur gerechtfertigt und die Situation als normal abgetan.

Wie können Sie Leuten, die in die Radebeuler Interventionsstelle kommen, helfen?

Häusliche Gewalt ist vielschichtig und ganz unterschiedlich ist auch die Unterstützung, die Betroffene brauchen. Oft sind wir in der Interventionsstelle die Ersten, die einfach nur zuhören und die das Erzählte aushalten. Die meisten kommen in absoluten Krisensituationen, beispielsweise wenn es in der letzten Nacht eine Gewalthandlung gab. Dann müssen wir erst einmal abklären, ob die Frau sicher ist, wenn sie wieder aus der Tür geht. Wir versuchen, die Frau in der Krise wahrzunehmen, zu erfahren, wie es ihr geht. Je nach Fall müssen vielleicht schnell Anträge nach dem Gewaltschutzgesetz bei Gericht gestellt werden, etwa damit die Frau die Wohnung zugesprochen bekommt. Oder ein Kontaktverbot muss erwirkt werden. In manchen Fällen müssen Verletzungen dokumentiert werden. Die Frau muss sich überlegen, ob sie die Polizei einschalten möchte. Manchmal geht es auch darum, die Betroffene erst einmal soweit zu stabilisieren, dass sie sich in der Lage fühlt, ihre Kinder heute vom Kindergarten abzuholen. Oder der Lebensunterhalt muss dringend gesichert werden.

Ist häusliche Gewalt hier in der Region von der sozialen Schicht oder der Herkunft abhängig?

Nein. Alle sozialen Schichten, alle Kulturen, alle Religionen sind davon betroffen. Es ist ein Mythos, dass das eher bei Hartz-4-Empfängern vorkommt. Oder, wenn es als Alki-Problem abgetan wird.

In Radebeul gibt es auch ein Frauenschutzhaus. Was erwartet Frauen, wenn sie dort hinkommen?

In erster Linie ist es eine anonyme Zufluchtsstätte. Es gibt Fälle, in denen die Frau auch bei Freunden oder ihren Eltern nicht sicher ist, weil der Partner oder Expartner sie dort aufsuchen würde. Im Frauenschutzhaus hat man rund um die Uhr Schutz. Man ist frei, hat sein eigenes Zimmer und kann seinen Alltag selbst gestalten. Aber wann immer Unterstützung benötigt wird, ist eine Sozialarbeiterin da. Manchmal brauchen die Betroffenen einfach einen Ort, um sich zurückzuziehen. Sie können sich dort darüber klar werden, wie es weiter gehen soll. Und sie haben Zeit, um beispielsweise nach einer neuen Wohnung oder einem Kindergartenplatz zu suchen. Es gibt adäquat in Dresden auch eine Männerschutzwohnung.

Was wünschen Sie sich zum Thema häusliche Gewalt von der Politik und der Gesellschaft?

Von der Politik wünsche ich mir, dass es einen finanzierten Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenschutzhaus gibt. Bisher müssen die Betroffenen immer noch einen Eigenanteil zahlen. Es kann auch nicht sein, dass Schutz davon abhängt, in welchem Landkreis ich wohne und ob der sich ein Schutzhaus leisten will. Ansonsten wünsche ich mir ein Ernstnehmen der Problematik. Das nicht gesagt wird „Das geht uns nichts an“ oder „Selber schuld, den hat sie sich doch selbst raus gesucht“. Gewalt hat immer auch Auswirkungen auf die mitbetroffenen Kinder. Über zwei Drittel der Kinder die Gewalt erleben, haben als Erwachsene in der Partnerschaft auch wieder mit Gewalt zu tun – als Täter oder Opfer.

Die Fragen stellte Nina Schirmer.

Kontakt Beratung- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt: [email protected], Telefon 0351 79552205; Frauen- und Kinderschutzhaus Radebeul: Telefon 0351 8384653 (Notrufnummer ist Tag und Nacht erreichbar)