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Donnerstag, 14.06.2018

Die etwas andere Kaufhauschefin

Von Nadja Laske

Jede Menge Kinderkleidung haben jüngst Besucher des Sport- und Familientages der Dresdner Wohnungsgenossenschaften für das Sozialkaufhaus abgegeben. Silvia Restel freut sich über neu gewonnenen Spender.Foto: Sven Ellger
Jede Menge Kinderkleidung haben jüngst Besucher des Sport- und Familientages der Dresdner Wohnungsgenossenschaften für das Sozialkaufhaus abgegeben. Silvia Restel freut sich über neu gewonnenen Spender.Foto: Sven Ellger

© - keine Angabe im huGO-Archivsys

Bettwäsche ist gefragt. Sogar Biber. Auch bei 30 Grad. Ganz egal, wie heiß es draußen ist, die bunt gemusterten Päckchen aus weichem Flanell finden rasch neue Besitzer. Zwei Punkte kostet das Set aus zweiter Hand. Jeder Kunde hier hat fünf Punkte pro Monat zum Einkaufen zur Verfügung. So gehört er zu den Menschen dieser Stadt, die behördlich beglaubigt am wenigsten von allen haben.

Warum? Die Frage hat sich Silvia Restel oft gestellt. Weshalb kauft der eine bei Karstadt und der andere im Sozialkaufhaus ein? Wodurch rutscht dieser wirtschaftlich ab, und jener behält die Finanzen im Griff? Wie bezahlt manche Alleinerziehende ihre Rechnungen aus eigener Kraft, doch eine nächste bleibt ohne Job und Perspektive?

Vor 22 Jahren hat Silvia Restel den Vorläufer des Sozialen Kaufhauses Dresden mitgegründet. Ihr Leben bot bis dahin genügend Wendungen, um beim Einkaufen entweder Punkte auszugeben oder Punkte zu sammeln. Doch statt als studierte Betriebswirtin der DDR und nach der Abwicklung ihres Betriebes ohne Chance zu bleiben, blieb sie dran. „Ich habe mir eine Weiterbildung förmlich erstritten“, erzählt die 61-Jährige. Anderthalb Jahre lernte sie, wie Betriebswirtschaft im Kapitalismus funktioniert. Auf die westlichen Standards ihres Faches wollte sie gut vorbereitet sein und bald wieder eine Arbeit finden. Vielleicht sogar als Selbstständige.

„Mich hat das ganze Thema der Unternehmensgründung sehr gereizt“, sagt sie. So wurde aus einer Art Planspiel im Rahmen der Fortbildung eine Gründungsidee: Silvia Restel war drauf und dran, in Bautzen ein behindertengerechtes Hotel zu eröffnen. „So etwas gab es weit und breit noch nicht und schien Sinn zu machen.“ Dass ihr letztlich das Vorhaben finanziell doch zu schwerwiegend war und sie den Plan sausen ließ, bedauert die gebürtige Nieskyerin heute manchmal noch. Doch die Aufgabe, die sie kurz darauf übertragen bekam, ließ sie nicht lange hadern: Ein sozialer Träger brauchte Silvia Restel, um zahlreiche soziale Projekte als Antworten auf Massenentlassungen zu entwickeln. Mitte der 90er-Jahre standen schier unerschöpflich Mittel für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und ähnliche Angebote für Arbeitslose zur Verfügung. Silvia Restel bescherte das jede Menge Arbeit.

Knapp 40 und Mutter eines Jungen, dessen Vater keinen Unterhalt zahlte, war sie damals. Alleinerziehend und alleinverdienend wie Tausende Frauen in diesem Land. Heute leitet sie das Soziale Kaufhaus Dresden in Trägerschaft des Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerkes. Jeden Tag trifft sie Mütter, denen nicht gelungen ist, was sie sich erkämpfte – mit Fleiß, Selbstdisziplin, Mut und auf Basis eines gewissen glücklichen Umstandes.

Den hat sie auch ihrem Sohn stets versucht mit auf den Weg zu geben: „Ich denke, viele der Menschen, die ich durch meine Arbeit kennenlerne und ein Stück weit begleite, hatten nie jemanden, der sich kümmert, vor allem nicht in ihrer Kindheit und Jugend.“ Eltern, denen die Schulbildung wichtig ist, die ihren Kindern zu prägenden Hobbys verhelfen, sie lehren, mit Geld umzugehen, sich gut zu benehmen, pünktlich zu sein und nicht wegen leichter Kopfschmerzen daheim zu bleiben. Eltern, die Liebe und Geborgenheit geben. Silvia Restel hatte eine solche Familie, und sie war ihrem Sohn eine solche Mutter. Heute lacht sie über eine Begebenheit, die einen wichtigen Mosaikstein bedeutete: Ihr Kind ging noch zur Schule und kam mit der Information heim, dass es laut Richtlinie zu wenig Taschengeld bekomme. „Da habe ich alle meine Unterlagen über unsere laufenden Kosten hervorgeholt und ihm gezeigt, wie viel Geld ich verdiene, was wir bezahlen müssen und was am Ende übrig bleibt.“ Sie gebe ihm die gewünschte Summe, doch dann fehle es an anderer Stelle für sie beide, erklärte sie ihm.

Silvia Restels Sohn ist längst erwachsen, hat Frau und Kind und seinen Traumjob gefunden. Seine Mutter indes führt auf Arbeit dann und wann noch immer Gespräche, die heute reichlich spät, aber manchmal nicht zu spät kommen. Insgesamt 84 Männer und Frauen sind im Sozialen Kaufhaus beschäftigt. Sie nehmen Kleider-, Möbel- oder Technikspenden entgegen, sichten, sortieren, waschen, bügeln, reparieren all die Gaben aus zweiter Hand, die später für Punkte oder wenige Euro an Bedürftige verkauft werden. Sechs Anleiter und zwei Sozialarbeiter stehen ihnen zur Seite. „Es sind auch junge Leute darunter, die nie eine Ausbildung abgeschlossen haben“, sagt die Chefin. Wenn einige von ihnen durch ihre Tätigkeit im Kaufhaus dann doch Kraft und Zuversicht für den ersten Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt schöpfen, ist das auch für Silvia Restel ein großes Erlebnis.

Inzwischen fließen die staatlichen Mittel für soziale Zwecke nicht mehr wie einst. „Dabei ist die Zahl unserer Kunden in nur einem Jahr von rund 2 300 auf 2 700 monatlich gestiegen, viele Geflüchtete und Migranten sind dazugekommen.“ Doch statt das Projekt auszubauen, müssen die Leiterin und ihr Team warten und bangen. Aus ihren Räumen in der Könneritzstraße 25 müssen sie im August ausziehen, der alte DDR-Bau wird abgerissen. Wohin die Reise geht, ist bisher nicht klar. Die Entscheidung, wie viel Fördergeld das Soziale Kaufhaus vom Bund bekommen wird, steht noch aus. Ein neuer Standort ist im Gespräch. Silvia Restel hebt die Schultern: „Unsicherheiten sind wir gewöhnt“, sagt sie und bereitet schon mal den Umzug vor. Weiter geht es immer, das ist ihr Credo.

www.sufw.de/soziales-kaufhaus

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